Aus für die Firma Stippl: Unternehmer zieht Reißleine. Eigentümer Martin Handler prangert Zahlungs- und Auftraggebermoral an – und hört auf.

Von Christoph Dworak. Erstellt am 17. Juli 2019 (04:09)
Dworak
Martin Handler ist „der Spaß endgültig vergangen“. Er hat das Unternehmen ordnungsgemäß geschlossen.

Die Werkshallen sind blitzsauber, alles ist auf Umweltfreundlichkeit zugeschnitten, die topmodernen Maschinen warten darauf, angeworfen zu werden. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Die Firma Stippl (Fenster + Türen/Bautischlerei) mit Sitz im Industriezentrum NÖ Süd hat nach 88 Jahren den Betrieb eingestellt.

„Ich sehe derzeit weder mittel- noch langfristig positive Signale für meinen produzierenden Betrieb im Großraum Wien“, macht Geschäftsführer und Eigentümer Martin Handler (52) im NÖN-Gespräch deutlich.

Nicht nur, dass die komplette Ostregion mit Billigprodukten und -arbeitskräften aus dem nahen Osteuropa überschwemmt wird, ließen auch Zahlungs- und Auftraggebermoral – etwa der Stadt Wien („Wiener Wohnen“) – immer mehr zu wünschen übrig. Bei acht Projekten musste der Klageweg beschritten werden, um an die offenen Forderungen aufgrund mangelhafter Ausschreibungen, unbezahlte Zusatzaufträge, nachträgliche Änderungswünsche heranzukommen, fünf wurden bereits zugunsten der Firma Stippl vor Gericht erledigt. „Drei sind immer noch anhängig“, erzählt Handler. Dabei geht es immer noch um nicht weniger als 1,7 Millionen Euro. Zudem werden „die Rahmen- und Ausschreibungsbedingungen immer abenteuerlicher. Juristen und Kaufleute statt Techniker haben das Sagen“, kritisiert Handler.

"Da mach ich nicht mehr mit"

„Mir ist der Spaß endgültig vergangen“, sagt der gelernte Tischler aus Leidenschaft: „Da mach ich nicht mehr mit. Ich ziehe rechtzeitig die Reißleine, bevor mein Unternehmen in wirtschaftliche Turbulenzen kommt.“

Das Unternehmen ist mittlerweile ordnungsgemäß geschlossen: „Ohne Konkurs. Von den noch verbliebenen sechs Mitarbeitern – von immerhin einmal fast 50 – haben alle, die wollten, bereits wieder einen Job“, betont Handler.

Er fühlt sich als „Don Quichotte“ und hofft, dass es bei den öffentlichen Auftraggebern und in der Wirtschaft „rasch zu einem Umdenken kommt. Man muss zur sozialen Verantwortung und damit zum Produkt ,Österreich’ stehen“.

Was den Stippl-Standort in Wiener Neudorf betrifft, wünscht sich Handler eine Tischlerei als Nachfolgebetrieb. Gespräche mit einigen Interessenten seien schon im Laufen, erzählt Handler in seiner Funktion als privater Eigentümer der Liegenschaft.

Markus Leitgeb von „Wiener Wohnen“ macht deutlich, dass man dem Bundesvergabegesetz und den damit verbundenen Bestimmungen unterliege. „Das bedeutet, dass wir etwa bei Sanierungsprojekten größere Gewerke entsprechend ausschreiben müssen. Zuschlag und Auftragserteilung erfolgen damit gemäß den eingelangten Angeboten sowie den gesetzlichen Rahmenbedingungen – etwas anderes würde das Gesetz gar nicht ermöglichen.“

Als öffentlicher Auftraggeber verstehe es sich „von selbst, dass wir verrechnete Leistungen ganz genau überprüfen und Zahlungen erst durchführen, wenn die beauftragten Leistungen auch tatsächlich zur Gänze erbracht bzw. von uns festgestellte Mängel ausgebessert wurden“.

Von 2011 bis 2016 habe es „gleich bei mehreren Sanierungsprojekten erhebliche Probleme in der Zusammenarbeit mit der Firma Stippl gegeben“, meinte Leitgeb, wodurch Mehrforderungen zurückgewiesen wurden.

„Stimmt nicht“, kontert Handler: „Uns liegen aus der Vielzahl unserer Projekte auch seitens Wiener Wohnen keine wesentlichen oder groben Mängelmeldungen vor.“