1921: Als es Licht wurde in der Region Wienerwald

Vor hundert Jahren bekamen viele Häuser zum ersten Mal Strom.

Marcel Chahrour Erstellt am 16. September 2021 | 04:12
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Das frühere E-Werk in Neulengbach (mit türkisem Dach).
Foto: ZeitZeigen

Vor 100 Jahren begann die Elektrifizierung der meisten Landgemeinden in der Region. Ein Blick zurück auf eine Entwicklung, die unser Leben verändert hat, wie kaum etwas zuvor.

Der Samstag, 26. März 1921 war für die Kirchstettener Bevölkerung ein besonderes Datum. Der Tag wurde in der Kirchstettener Schulchronik festgehalten. „Der Auferstehungstag war für unsere Gemeinde heuer ein ganz besonderer, erstrahlte doch in den meisten Häusern unserer Gemeinden zum ersten Mal das elektrische Licht“ heißt es dort.

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Straßenbeleuchtung zählte in den meisten Orten zu den ersten Einsatzgebieten für Strom, hier eine Bogenlampe in Neulengbach, um 1910.
ZeitZeigen

Im August 1920 hatte man mit den Vorbereitungsarbeiten begonnen: Bürgermeister und Oberlehrer rührten die Werbetrommel für den elektrischen Strom. Aus dem „Kummerlwald“ holte die Bevölkerung die Masten für das Bauvorhaben, Löcher wurden gegraben und im Ortsverschönerungsverein wurde heftig diskutiert, wo denn die Laternen der Straßenbeleuchtung aufgestellt werden sollten. Drei Transformatoren- einer im Ortsteil Sichelbach, einer in Waasen und einer in Kirchstetten wurden errichtet.

Strahlendes Neulengbach

Aber wo kam so kurz nach dem verheerenden Ersten Weltkrieg die Begeisterung für den Strom her? Ganz unbekannt war die Elektrizität den Menschen damals natürlich nicht. In Neulengbach war bereits im Jahr 1906 ein E-Werk in Betrieb gegangen. Das Gebäude dafür bestand bis vor wenigen Jahren – es ist das alte Feuerwehrhaus, das vor Kurzem einer Wohnanlage nahe der Bahnstation Neulengbach weichen musste. Dort hatten die Neulengbacher Marktbürger zwei Dieselmotoren installiert, mit denen Gleichstrom für ein kleines Ortsnetz im Marktbereich erzeugt wurde. Druck gemacht hatten dort zunächst vor allem die Wiener Zweitwohnsitzer, die „Villenbesitzer“, die sich eine bessere Straßenbeleuchtung und Strom für’s Eigenheim wünschten.

Die Not nach dem Krieg

1920 hatten die Menschen andere Sorgen: Massive Geldentwertung und Nahrungsmittelknappheit standen an der Tagesordnung. Dass gerade in der größten Notzeit nach dem ersten Weltkrieg mit der Elektrifizierung der umliegenden Orte begonnen wurde, ist trotzdem kein Widerspruch: Nach dem Zusammenbruch der Monarchie herrschte in Österreich ein Mangel an fossilen Energieträgern. Nur Wasserkraft stand mehr als ausreichend zur Verfügung. In den engen Tälern des Alpenvorlandes wurde sie schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts genutzt; die Stadt Scheibbs war überhaupt die erste Stadt der gesamten Monarchie, in der ein Stromnetz aufgebaut wurde. Auch in St. Pölten und anderen größeren Orten bestanden schon Leitungsnetze.

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Getreidedrusch mit dem Elektromotor beim Clementinum in Totzenbach.
ZeitZeigen

Nun schien die Zeit für den Strom auch außerhalb der Städte reif: Mit der Elektrifizierung der Landgemeinden sollten auch die bäuerlichen Betriebe die Möglichkeit bekommen, mit elektrischer Energie zu arbeiten.

Eigeninitiative war ganz groß

Der Staat war in den Nachkriegsjahren nicht in der Lage, solche Vorhaben zu stemmen. Viel lag in diesen Krisenjahren in der Hand der Menschen selbst. In den Gemeinden wurde – oft unter Vorsitz des Bürgermeisters, des Lehrers und des einen oder anderen technisch verständigen Gemeindebürgers – ein „Lichtausschuss“ gegründet, der sich um das Vorhaben annahm. Innerhalb weniger Monate gelang es, die Anschlüsse „auf Schiene“ zu bringen.

Die Intitialzündung war der Bau einer Überland-Leitung, die vom Traisental - wo St. Pölten und Herzogenburg bereits über Wasserkraftwerke verfügten – nach Neulengbach führte. Sie wurde von der Landes-Elektrizitätsgesellschaft gebaut, die in diesen Jahren zur „NEWAG“ wurde. An diese Leitung schlossen sich die Gemeinden an. In Böheimkirchen und Neulengbach wurden Umspannwerke errichtet. Die Neulengbacher selbst stellten ihre Dieselmotoren ab und wechselten vom Gleichstrom auf den Wechselstrom. Das elektrische Zeitalter konnte beginnen!