Pflegeheim-Prozess: Nicht schuldig bekannt. Im Herbst vor vier Jahren wurden die Vorwürfe gegen ehemalige Mitarbeiter des Pflegeheims Clementinum bekannt. Jetzt stehen sie vor Gericht.

Von Renate Hinterndorfer. Update am 16. September 2020 (15:07)
Im Schwurgerichtssaal des Landesgerichts St. Pölten hat der Prozess gegen vier ehemalige Mitarbeiter des Pflegezentrums Clementinum begonnen.Sieben weitere Verhandlungstage sind anberaumt.
Hinterndorfer

Der Prozess gegen vier ehemalige Mitarbeiter des Pflegezentrums Clementinum hat begonnen: Ein 30-jähriger diplomierter Krankenpfleger sowie drei Pflegehilfskräfte (55, 52 und 34) müssen sich vor Gericht verantworten. Zwei der vier Beschuldigten wurden am ersten Verhandlungstag befragt, beide bekennen sich nicht schuldig.
Dem Pfleger und seinen drei Kolleginnen werden das Vergehen des Quälens und Vernachlässigens wehrloser Personen, das Verbrechen des sexuellen Missbrauchs und Körperverletzung angelastet.

„Das Außergewöhnliche an diesem Prozess ist, dass sich keines der Opfer artikulieren kann oder uns sagen konnte, was passiert ist“, erklärte die Staatsanwältin am Beginn des ersten Verhandlungstages. Die Liste der Vorwürfe ist lang: Die Beschuldigten sollen Heimbewohner beschimpft, geschlagen, an Haaren und Ohren gerissen haben. Sie sollen einer alten Frau Kot in den Mund gedrückt oder einem alten Mann Penis und Hoden verdreht und mit Franzbranntwein eingerieben haben. „Die Vorwürfe machen fassungslos“, so die Staatsanwältin.

In einer WhatsApp-Gruppe, der die vier Beschuldigten und vier weitere Kollegen angehörten, herrschte ein rauer Ton: „Hau sie alle in die Goschen, wenn sie nicht schlafen“ oder die „Hur sekier ich“. . .

Carsten Koller, der Anwalt von zwei Opfern, sprach von menschenverachtendem und brutalem Verhalten gegenüber den Schwächsten der Schwachen: „Gegen die, die sich nicht wehren und nicht einmal um Hilfe rufen können.“ Das Urteil solle sich an der Höchststrafe orientieren, so Koller.

Rechtsanwalt Stefan Gloß ist Verteidiger aller vier Angeklagten. Er fordert volle Aufklärung und betonte: „Wir wollen, dass alles gesehen wird.“ Die Anklage sei sehr dünn, in der Pflegedokumentation seien keinerlei Einträge zum Beispiel wegen blauer Flecken. „Die Staatsanwaltschaft hat in elf Fällen sogar wegen Mordes ermittelt. Was ist herausgekommen? Nichts!“, so Stefan Gloß.

„War unsere Art, die Dinge zu verarbeiten“

Die Äußerungen auf WhatsApp seien unter der Gürtelline, meinte der Verteidiger: „Aber der Beruf ist psychisch sehr belastend, das ist eine Möglichkeit, sich abzureagieren, das ist verständlich.“

Der Krankenpfleger stand dann als erster vor der Richterin. Er bekannte sich zu den Vorwürfen nicht schuldig. Mit den Äußerungen in der WhatsApp habe man den stressigen Arbeitsalltag besser bewältigt: „Wir haben das aus psychohygienischen Gründen gemacht“, so der Beschuldigte, der sich „Master of the Death“ nannte. Auch seine Kollegin bekannte sich nicht schuldig: „Wir sind sehr sarkastisch, haben überspitzt, um die Dinge zu verarbeiten. Das war unsere Art, die Dinge zu verarbeiten.“
Der Prozess wird bis November weitergeführt, sieben Verhandlungstage sind noch anberaumt.