Apotheken versus Hausapotheken: "Kampf ist emotional". Die Ansichten darüber, was das Beste für die Patienten ist, gehen auseinander.

Von Renate Hinterndorfer und Nadja Straubinger. Erstellt am 03. September 2019 (03:31)
Dietl
Der Neulengbacher Apotheker Michael Schnattinger in seinem Lager.

Öffentliche Apotheke oder ärztliche Hausapotheke? Das Thema sorgt für Diskussionsstoff – nicht nur in Altlengbach. Dort hat wie berichtet die Schließung der Hausapotheke von Günter Malli nach der Eröffnung der öffentlichen Apotheke für viel Kritik gesorgt.

„Das Zusammenspiel von Arzt und Apotheker ist essenziell und zeichnet auch das österreichische Gesundheitssystem aus“, sagt der Neulengbacher Apotheker Michael Schnattinger. Jeder habe sein Fachgebiet: „Der Arzt ist der Diagnostiker. Bei der Arzneimittelanwendung, bei Nebenwirkungen und Wechselwirkungen kennt sich der Apotheker aus. Der Apotheker kann das Wissen vom Arzt gut ergänzen“, stellt der Neulengbacher Pharmazeut fest und verweist darauf, dass sich ein Apotheker in der Ausbildung drei Jahre mit Arzneimitteln beschäftigt.

„Beim Arzt ist das ein Ausbildungsblock.“ Eine Hausapotheke sei gut in Gebieten, wo es keine andere Versorgung gibt. Als Vorteile der öffentlichen Apotheken führt Schnattinger die wesentlich längeren Öffnungszeiten und das wesentlich größere Ausmaß an lagernden Arzneimitteln ins Treffen. „Gerade in letzter Zeit, wo es öfter Arzneimittel-Engpässe gibt, sind Apotheker besser aufgestellet, weil sie mehr Ansprechpartner haben.“

„Gerade in letzter Zeit, wo es Arzneimittel-Engpässe gibt, sind Apotheker besser aufgestellet, weil sie mehr Ansprechpartner haben.“ Apotheker Michael Schnattinger, Neulengbach

Was sagt Bezirksärztevertreter Andreas Barnath zu dem Thema? Er möchte die Seite der betroffenen Patienten in den Vordergrund stellen: „Für sie ist die Sache ganz einfach. Sie wollen Diagnose und Therapie aus einer Hand und an einem Ort haben und nicht zuerst zum Arzt und dann auch noch in die Apotheke fahren. Neben dem Zeitverlust und der zusätzlichen Belastung der CO -Bilanz durch Mehrkilometer ist es wohl für jeden unlogisch, einen Kranken auch noch kreuz und quer zu schicken, um zu seiner Therapie zu kommen.“ Hier liege der klare Vorteil bei den Landärzten mit der Medikamentenabgabe aus einer Hausapotheke.

Das Führen einer Hausapotheke mache Ordinationen in kleineren Gemeinden erst wirtschaftlich überlebensfähig, sagt der Mediziner. Im Bezirk St. Pölten sei die Situation sehr gemischt, denn „es gibt im Umland sehr viele Gemeinden mit Hausapotheken, aber auch mittelgroße Gemeinden mit einer Apothekenversorgung.“ Hausärzte gibt es im Bezirk St. Pölten in den Gemeinden noch genug, stellt der Bezirksärztevertreter fest: „Die Möglichkeit der Medikamentenabgabe über Hausapotheken würde sicher die eine oder andere Stelle wirtschaftlich für den Arzt attraktiver machen, hier gäbe es aber auch andere Möglichkeiten, wie zum Beispiel die Aufbesserung der ärztlichen Honorare.“

Der „Konkurrenzkampf“ zwischen Apothekern und Hausapothekern werde über die Standesvertretungen sehr emotional geführt, da jeder für seine Berufsgruppe das Beste erreichen möchte, hält Barnath fest: „Diese Diskussion sollte aber den Patienten nicht betreffen.“

Das von den Apotheken immer wieder ins Spiel gebrachte 4-Augen Prinzip zur Kontrolle der Medikamentenabgabe durch den Apotheker ist für Andreas Barnath in Zeiten der EDV und ELGA keines mehr: „Jeder Arzt hat in seiner EDV eine Interaktionsfunktion eingebaut, die sofort Alarm schlägt, wenn Medikamente mit relevanten Wechselwirkungen verschrieben werden. Das Gleiche gilt für Allergien, wenn sie bekannt sind.“ Diese Prüffunktion hätten Apotheken nur dann, wenn sie tatsächlich alle Krankheiten und Medikamente ihrer Kunden wissen würden: „Dies ist aber nicht der Fall, da sie nur einen sehr eingeschränkten Einblick in die Patientenakte haben und zum Beispiel alle frei verkäuflichen Medikamente gar nicht über ELGA erfasst werden.“

Ärztevertreter Andreas Barnath glaubt, dass die Ein-Stop- Strategie mit Diagnose und Therapie durch den Arzt für die Patienten die zukunftsträchtigste ist.

Umfrage beendet

  • Wo besorgt ihr euch bevorzugt Medikamente?