Häusliche Gewalt: Nicht häufiger, aber brutaler. Fünf Frauenmorde erschüttern das Land. Sind sie nur der Gipfel einer Gesellschaft, die verroht?

Von Nadja Straubinger und Renate Hinterndorfer. Erstellt am 22. Januar 2019 (05:15)
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Gewalt gegen Frauen spielt sich meistens im familiären Umfeld oder im nähren Bekanntenkreis ab. Im überwiegenden Teil der Fälle kennen die Frauen ihren Peiniger.

Die Opfer waren Frauen, die Täter Männer – und sie standen in einer Beziehung oder gehörten zur Familie ihrer Mordopfer. Das ist das Einzige, das die vier Morde – einer davon in Amstetten, ein anderer in Krumbach im Bezirk Wr. Neustadt – gemeinsam haben. Doch was ist der Grund für die aktuelle Häufung von Morden an Frauen?

Besorgniserregend findet die neue Leiterin des St. Pöltner Frauenhauses Olinda Albertoni die Situation: „Wir betreuen vermehrt hochgefährdete Frauen – manche von ihnen sind mehrfach betroffen, wurden misshandelt, werden weiterhin bedroht oder gestalkt.“

Derzeit leben 14 Frauen im Frauenhaus, einige mit ihren Kindern. Extreme Ereignisse verzeichnete im Vorjahr auch das Kinderschutzzentrum Möwe. Mit gleich drei Fällen, bei denen Familienangehörige lebensbedrohliche Gewalt erleiden mussten, war das Team konfrontiert. Darunter war ein zu Tode geschütteltes Baby. „Das ist für uns eine neue Problemstellung, da wir bislang nicht mit Todesfällen konfrontiert wurden“, erläutert Leiterin Irene Kautsch. Trend könne man daraus aber keinen ableiten, glaubt sie.

Generell gestiegene Aggressivität

Die geschlechtsspezifische Gewalt gründet für die Leiterin des Gewaltschutzzentrums NÖ Michaela Egger in einem hierarchischen Geschlechterverhältnis. „Von dem ist unsere Gesellschaft nach wie vor geprägt – nicht erst durch den Zustrom von Menschen aus anderen Ländern“, so Egger. Ihr Team betreute im Vorjahr insgesamt 365 Personen aus Stadt und Bezirk. Ob die Gesellschaft generell gewalttätiger werde, könne nicht so einfach beantwortet werden, jedenfalls verändere sie sich, meint Egger: „Durch die neuen Kommunikationsformen wird die Gesellschaft sprachlos.“ Gemeint ist damit, dass Auseinandersetzungen oft nicht mehr verbal ausgetragen werden, sondern per SMS oder WhatsApp. „Männer drücken ihre Sprachlosigkeit dann eher durch Ausüben von körperlicher Gewalt aus“, so Egger.

Keinen gravierenden Anstieg der Gewalt, jedoch eine generell gestiegene Aggressivität sieht die Vizepräsidentin des Landesgerichts St. Pölten Andrea Humer. „Die Hemmschwelle ist nicht mehr da. Heutzutage wird auf jemanden, der am Boden liegt, einfach noch weiter eingetreten.“

Wenn jemand gewaltbereit ist, habe das immer mit der Kindheit zu tun, sagt die Ehe-, Familien- und Lebensberaterin Erika Bradavka, die gemeinsam mit ihrem Mann eine Beratungsstelle in Neulengbach betreibt. „Es wird ein Schutzmuster entwickelt. Es steckt große Angst dahinter, wenn jemand gewalttätig wird. Die Person hat das Gefühl, dass sie sich wehren muss.“

Kinder und Jugendliche attackieren Frauen

Gewalt entstehe immer durch Überforderung, hält der Neulengbacher Psychotherapeut Heinz Prochazka fest. Die Frage sei, wie und wodurch diese Überforderung entstehe. „Zum einen gibt es einen gesellschaftlichen Druck. Jeder muss alles haben. Nur wer etwas leistet, ist etwas wert. Und es gibt eine Spaltung im Land: jeder gegen jeden.“ Es komme auch zu einer Verrohung der Sprache, etwa durch Donald Trump oder manche Politiker im eigenen Land, so Prochazka. „Dazu trägt auch social media bei, wo jeder anonym irgendetwas rausschreien kann.“

Eine noch „junge“ Entwicklung beobachten Helfer vom Familien- und Beratungszentrum des Hilfswerks: Kinder und Jugendliche attackieren Frauen, also ihre Mütter. „Die Aggression nimmt in diesem Bereich merklich zu“, berichtet Bereichsleiterin Elke Fuchs. Den Grund sieht sie in der Überforderung von Eltern: „Viele Kinder lernen nicht, mit sozialen und emotionalen Befindlichkeiten umzugehen.“

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