Hundehaltegesetz: „Geht an der Realität vorbei“. Tierarzt und Hundetrainer sehen wie viele Besitzer die verschärfte Leinen- und Maulkorbpflicht eher kritisch.

Von Thomas Werth und Beate Riedl. Erstellt am 12. November 2019 (03:38)
Seiner Hündin Lea will Bezirkshauptmann Josef Kronister nicht ständig einen Beißkorb umhängen. In gewissen Situationen sei die Maßnahme aber vertretbar.
Werth

Für ein Aufjaulen sorgt das neue vom Landtag beschlossene Hundehaltegesetz. Kritik hagelt es vor allem für die verstärkte Beißkorbpflicht „bei größeren Menschenansammlungen“. Gesammelt werden nun sogar Unterschriften für eine Volksbefragung. Die NÖN hörte sich in der Region um, wie dort die verschärften Bestimmungen für Vierbeiner ankommen.

Dem neuen Gesetz kann die Innermanzinger Tierärztin Ute Mehl nichts abgewinnen. „Das geht an der Realität vorbei, genauso wie die Sache mit den sogenannten Listenhunden.“ Denn diese gebe es gar nicht. „Bei den Bissverletzungen, wird die Liste vom Schäferhund angeführt, dann kommt lange nichts, dann der Dackel und dann erst die sogenannten Listenhunde.“

Sie fände es viel sinnvoller, zu lernen, wie man mit Hunden ordnungsgemäß umgeht. In Oberösterreich müssen Halter eines Hundes etwa bei der Anmeldung einen Kurs absolvieren. „Das ist zu begrüßen“, meint Mehl.

Auch die Obfrau des Österreichischen Gebrauchshundesport-Verbandes Kirchstetten Dagmar Hofer sieht in der Aufklärung und Ausbildung einen wesentlichen Ansatz: „Wenn man sich daran gehalten hätte, was war, dann hätte man das neue Gesetz gar nicht gebraucht.“ Und diejenigen, die sich bereits jetzt schon an alle Regeln halten, werden das auch in Zukunft tun, aber es „gibt genug, die sich trotzdem nichts pfeifen.“

Für Hofer sind vor allem bei der Ausbildung von Welpen die Pflichten ein Problem. „Wir gehen mit den Welpen zum Sozialisieren in Gasthäuser oder auch auf Bahnhöfe, da müssen sie dann einen Maulkorb tragen. Die jungen Tiere haben einen großen Nachteil.“

56 Hundeattacken im gesamten Bezirk

Und Bezirkshauptmann Josef Kronister, selbst seit über sechs Jahren Besitzer der Entlebucher Sennenhündin Lea, appelliert an die Hundehalter, sich intensiver mit dem Tier auseinanderzusetzen. „In gewissen Situationen ist ein Beißkorb vertretbar, dauerhaft aber nicht. Viel wichtiger ist es, dass der Besitzer geschult ist, wie er mit seinem Tier in unterschiedlichen Situationen umgehen muss“, ist Kronister überzeugt.

Auch wenn gerade in Kapelln ein Fall für Aufsehen sorgte, bei dem ein dreijähriges Mädchen beim Spazierengehen von einem unbekannten Mischlingshund in den Oberarm gebissen wurde, gab es in den vergangenen Jahren in der Region aber keine statistischen Auffälligkeiten.

Mit der erhöhten Zahl an Hundebissen ist NÖ-weit das Nachbessern im Hundehaltegesetz begründet worden. Bei der Polizei wurden heuer bislang 56 Hundeattacken im Bezirk St. Pölten registriert, im Vorjahr 75. Die Bezirkshauptmannschaft bekam über Ärzte und Krankenhaus heuer 108 Hundebisse gemeldet, 2018 waren es insgesamt 121.

In der Region scheint das Zusammenleben zwischen Hund und Mensch relativ gut zu funktionieren, zwar gebe es hin und wieder Anzeigen über freilaufende Hunde, Anzeigen wegen Verletzungen hingegen sehr wenige. Eines fällt allerdings schon auf: „Immer mehr Menschen haben Hunde, aber keine Zeit für die Tiere“, meint ein Polizist.

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