Pflegebedarf: „Mix an Angeboten notwendig“. In Zukunft werden Pflegeeinrichtungen, mobile Dienste und 24-Stunden-Betreuer mehr Menschen pflegen müssen, besagt der aktuelle NÖ Altersalmanach. Die NÖN recherchierte die Situation im Bezirk.

Von Renate Hinterndorfer und Christine Haiderer. Erstellt am 09. Juli 2019 (03:29)
BilderBox.com, Erwin Wodicka
Symbolbild

80 Jahre und älter waren im Vorjahr 6.506 Personen im Bezirk St. Pölten-Land. Bis 2035 werden es laut Altersalmanach 10.621 Personen sein. Der Bedarf an stationärer Pflege wird bis 2035 um 50,5 Prozent ansteigen, so die Prognose.

Durch die Abschaffung des Pflegeregresses 2018 ist die Nachfrage nach stationären Pflegeplätzen schon jetzt gestiegen, auch im Pflegeheim in Maria Anzbach: „Das Haus St. Louise ist zur Gänze ausgelastet“, bestätigt Pressesprecherin Silke Horcicka von der Barmherzige Schwestern Pflege GmbH, die das Haus betreibt. Einige Betten können derzeit gar nicht belegt werden, weil es zu wenig Personal gibt. Zusätzlich zur Erweiterung im Bereich der langzeitstationären Dienste brauche man auch einen Lückenschluss mit mobilen Diensten, wird seitens der Barmherzigen Schwestern festgehalten. Und: „Es braucht neue alternative Wohnformen, die familiennah und sinngebend vor allem für Menschen mit Erkrankungen wie zum Beispiel Demenz sein können.“ In Maria Anzbach könne man sich gut vorstellen, eine Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz im Anschluss an das Pflegehaus zu entwickeln.

 „Der Personalmangel wird sich weiter zuspitzen.“ Michaela Hinterholzer, NÖ Hilfswerk-Präsidentin

 Auch im Pflegezentrum Clementinum war nach dem Wegfall des Pflegeregresses eine erhöhte Nachfrage bemerkbar. Das Kirchstettener Heim, das zum Haus der Barmherzigkeit in Wien gehört, wurde ausgebaut, um weitere Betten zur Verfügung stellen zu können. Wie kann es weitergehen? „Es wird einen guten Mix aus mobilen, stationären und teilstationären Angeboten geben müssen, da für jeden Menschen eine andere Form der Betreuung das Richtige ist“, sagt Pressesprecherin Christina Pinggera. Neben dem Heim entsteht wie berichtet ein Wohnhaus für „Betreutes Wohnen“, wo Menschen barrierefrei leben können und bei Bedarf mobile Pflege in Anspruch nehmen können. „Auch hier bauen wir Kooperationen auf, um möglichst flexibel auf die Bedürfnisse der betreuungsbedürftigen Menschen eingehen zu können. Mobile Dienste, aber auch ehrenamtliche Dienste sind hier eine große Unterstützung und Bereicherung“, heißt es seitens des Clementinums.

Klar ist eines: Der Bedarf an Pflegekräften steigt deutlich. Der Pflegeberuf habe ein wenig wertgeschätztes Image, vor allem in der Langzeitpflege. Hier sei ein Kulturwandel hin zu einem Berufsbild mit mehr Wertschätzung und Anerkennung notwendig, ebenso müsse man neue Wege in der Ausbildung gehen. Wünschenswert sind für die Betreiber des Clementinums auch bessere gesetzliche und regulatorische Rahmenbedingungen für die Entbürokratisierung des Berufes.

NOEN

Einen massiven Personalmangel in der Pflege ortet man auch beim Hilfswerk. Präsidentin Michaela Hinterholzer: „2050 werden wir 3,5 mal so viel Pflegepersonal brauchen wie jetzt! Es sind dringend Maßnahmen nötig, denn der Personalmangel wird sich in Zukunft noch weiter zuspitzen.“ Das Hilfswerk sucht in allen Bezirken von Niederösterreich nach Verstärkung für seine Pflege- und Betreuungsteams.

Dass es schwieriger werden wird, offene Stellen im Pflegebereich zu besetzen, befürchtet auch Gregor Tomschizek, Geschäftsführer der Volkshilfe Niederösterreich: „Wir erleben einen gesellschaftlichen Wandel. Die Lebenserwartung steigt, doch das allein ist es nicht. Auch die Anzahl der Single-Haushalte wird steigen. Die Pflege durch Angehörige geht somit zurück.“

 400 zusätzliche Pflege-Ausbildungsplätze

 Auf diesen gesellschaftlichen Wandel müsse man bei der Gestaltung der Angebote eingehen. „Eine Lösung aus Sicht der Volkshilfe ist die Förderung des betreuten bzw. betreubaren Wohnens.“

Allgemein begrüßt werden die vom Land NÖ initiierten 400 zusätzlichen Ausbildungsplätzen in der Pflege. Auch in der Vinzenz Gruppe werden Pflegekräfte ausgebildet. Ein Lehrgang startet im Oktober in Wien. Anmeldung bis 25. August.