Ottenthal

Erstellt am 13. Juni 2018, 11:55

von Christian Feigl

Ein Video, eine Familie und die Geschichte dazu. Es gibt ein Video im Internet vom Dienstagnachmittag, das mittlerweile hunderttausende Menschen gesehen haben und zeigt, mit welcher Kraft die Wassermassen eine Straße in einen reißenden Fluss verwandeln und 600 Kilo schwere Siloballen wie Ping Pong-Bälle an einem Haus vor sich hin und hertreiben.

Das Haus, das mittlerweile halb Österreich mit der Unwetterkatastrophe im Bezirk Neunkirchen verbindet,  gehört Peter und Rosemarie Feuchtenhofer und liegt auf der Schlaglstraße im Gemeindegebiet von Otterthal. Die NÖN besuchte die leidgeprüfte Familie am Donnerstagvormittag bei den Aufräumarbeiten.

Vor Ort herrscht reges Treiben. Feuerwehrmänner, Familienmitglieder, aber auch wildfremde Menschen sind gekommen, um ihre Hilfe anzubieten. Mittendrinnen auch Bürgermeister Karl Mayerhofer, der den Traktor höchstpersönlich steuert, mit ihm Schlamm und Geröll entfernt sowie weggeschwemmte Teile wieder zum Haus bringt. Der Geruch nach Schlamm liegt in der Luft, vor dem Haus türmen sich Möbel, die von Wasser und Schlamm in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Folgen der Gewitterzelle sind verheerens

„Ich war alleine zu Hause, als das Wasser plötzlich von der Straße herunterschoss. Ich habe noch versucht, mit Sandsäcken ein wenig zu verbarrikadieren, aber es war alles wirkungslos. Mit dem Hund bin ich dann in das Haus rein, sonst wäre ich tot gewesen“, erinnert sich Rosemarie Feuchtenhofer an die bangen Minuten. Ihren Mann Peter informiert sie in der Arbeit, der sich sofort auf den Weg macht: „Die Straße war schon gesperrt und ich musste mich über Forstwege nach Hause kämpfen“, erzählt er und zeigt auf die Fahrbahn, die noch vor ein paar Stunden ein reißender Fluss war und sich nun wieder nahezu trocken präsentiert.

Die Folgen der Gewitterzelle sind verheerend. Mit unglaublicher Gewalt pressen sich die Wassermassen gegen das Haus, drücken das Garagentor ein, sprengen die Kellertür aus den Scharnieren und fluten den Keller komplett. „In der Garage, die über dem Keller liegt, ist das Wasser auch 115 Zentimeter hoch gestanden“, zeigt Peter Feuchtenhofer auf einen Maßstab, der an der Wand lehnt und kämpft kurz mit den Tränen.

Machtlos gegen die Naturgewalt

Obwohl die Feuerwehr rasch zur Stelle ist, steht sie der Naturgewalt anfangs machtlos gegenüber: „Du kannst eigentlich gar nichts machen, außer die Personen retten und hilflos zusehen. Man hat ja nicht einmal mehr gewusst, wo die Fahrbahn ist“, erinnnert sich Dietmar Soyka von der Feuerwehr Otterthal. Kommandant Michael Scherbichler stehen letztendlich 107 Kameraden von neun Feuerwehren im Kampf gegen die Flut zur Verfügung.

Denn nicht nur 1892 errichtete Haus der Feuchtenhofers fällt den Wassermassen zum Opfer. Die darunter liegende Haider-Siedlung ist ebenfalls massiv betroffen. „Auch hier wurden 23 Objekte geflutet“, weiß Scherbichler.  Und aus dem darüber liegenden, sogenannten „Silberschneiderhaus“, muss eine ältere gehbehinderte Dame mitsamt Rollstuhl gerettet werden.

Froh sind alle Beteiligten, dass bislang keine Menschen zu Schaden kamen. „Vor allem die Silobälle hätten gefährlich werden können. Die hat es wie Wasserbälle hin und hergetrieben“, so Rosemarie Feuchtenhofer. Auch die Tiere der Nebenerwerbslandwirte kamen unverletzt davon: „Die Schafe waren zum Glück am Hügel oben und die Rinder haben den Wassermassen standgehalten!“ Bedanken möchte sich die Familie bei allen Helfern: „Der Zusammenhalt ist ein Wahnsinn, ohne den würden wir das nicht schaffen, das gibt uns zusätzliche Kraft“, ist sich das Ehepaar sicher. Seit seiner Geburt lebt Peter Feuchtenhofer in dem Haus. Eine derartige Katastrophe hat er bislang noch nicht miterlebt: „Vor zehn Jahren gab es eine kleine Überschwemmung, aber das war nichts zum Donnerstag“, blickt er sorgenvoll gegen den Himmel, wo bereits die nächsten schwarzen Wolken wieder aufziehen.