Forscher meint: „NMS musste scheitern“. Uni Wien begleitet Neue Mittelschulen in NÖ. Forscher stellt ernüchterndes Zeugnis aus.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 21. Januar 2020 (02:19)
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2008 startete die Neue Mittelschule als Modell in Niederösterreich. Vier Jahre später verschwand die Hauptschule ganz, und die NMS wurde zur Regelschule. Präsentiert hat SPÖ-Bildungsministerin Claudia Schmied diese damals als eine gemeinsame Schule für alle 10- bis 14-Jährigen. Trotzdem blieb das Gymnasium unangetastet. Als einziges Bundesland ließ NÖ die Reform wissenschaftlich begleiten. Das Zeugnis, das Projektleiter Stefan Hopmann der NÖN zehn Jahre nach Forschungsbeginn präsentiert, fällt jedoch ernüchternd aus.

Quelle: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft & Forschung, Statistik Austria;, Illustration: Framework Wonderland/Shutterstock.com; NÖN-Grafik: Gastegger

Als Ziel hat das Land zu Beginn definiert, ein Milieu zu schaffen, in dem ein Bildungsverlauf gelingen kann. Damit wollte man die Anzahl derer, die in ihrer Bildungslaufbahn scheitern, verringern. 2010 startete die Universität Wien das Projekt NOESIS. Ein Team untersuchte seither den Bildungsverlauf von 19.000 Kindern an 260 Schulen in Niederösterreich. Die Schüler wurden zu mehreren Zeitpunkten befragt. Gespräche gab es auch mit Lehrern und Eltern. Alles mit dem Ziel, herauszufinden, ob die neue Schulform dabei hilft, die Ziele zu erreichen.

Das tut sie nicht, sagt Bildungswissenschaftler Hopmann. Im gleichen Atemzug stellt er aber klar: „Schuld daran sind nicht die Lehrer.“ Gescheitert sei es an der Politik. „Der Minoritenplatz (Anmerkung: Sitz des Bildungsministeriums in Wien) hat immer wieder mit neuen Einfällen gestört.“

„AHS wurde durch NMS beliebter“

Angesichts des vorgegebenen Rahmens waren die Erwartungen aus Hopmanns Sicht von Anfang an überzogen. „Die NMS musste scheitern, weil nie Voraussetzungen geschaffen wurden, unter denen sie gelingen kann.“ Das Land NÖ habe versucht, beste Bedingungen zu schaffen. Sobald Lehrer aber das neue System umsetzen wollten, habe die Bundespolitik Teile davon aber wieder geändert.

Bestes Beispiel sei das Teamteaching, zuerst verpflichtend eingeführt, mittlerweile müssen aber doch nicht mehr zwei Lehrer in der Klasse stehen. Das ständige Hin und Her habe Pädagogen frustriert und Eltern verunsichert. Und so hat die NMS genau die Entwicklung begünstigt, die umgekehrt werden sollte: Die soziale Segregation hat sich weiter verstärkt. „Mehr Eltern denn je schicken ihr Kind aufs Gymnasium“, meint der Forscher. Die Zahlen des Landes belegen dies: 2012 gingen 34 Prozent der Kinder aufs Gymnasium, 2018 waren es schon 38 Prozent.

Das Projekt zeige aber auch, dass Schulen selbst viel bewirken können. Als Erfolgsfaktoren identifizierten die Wissenschaftler gutes Schulklima sowie Vernetzung von Eltern, Lehrern und Schülern, erklärt Projektmitarbeiterin Mariella Knapp. Durch die Stärkung der Schulautonomie, wie von Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) angekündigt, erhofft sich die Bildungsdirektion neue Chancen: Dadurch werde es möglich, etwa neue Schwerpunkte einzuführen. So können sich Standorte als bedeutende Bildungseinrichtungen etablieren.

Und während die NMS – bald nur mehr Mittelschule – mit dem Comeback der Leistungsgruppen etwa gerade einen Schritt zurück zur Hauptschule zu machen scheint, geht das Forschungsprojekt weiter. „Wir versuchen, die NMS-Schüler aus 2012 wiederzufinden, um uns anzuschauen, wie sie sich entwickelt haben“, kündigt Knapp an.