Auf den Spuren des Massakers von Hofamt Priel

„Endphase“, ein Film über den Mord an 228 Juden am Ende des Zweiten Weltkrieges, ist nun in Niederösterreichs Kinos zu sehen. Premiere ist morgen Dienstag im Cinema Paradiso in St. Pölten.

Erstellt am 10. Januar 2022 | 12:26
Lesezeit: 3 Min

Ein kleiner fast unscheinbarer Gedenkstein in der Gemeinde Hofamt Priel im Bezirk Melk erinnert an eines der größten Verbrechen in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Am 2. Mai 1945, also sechs Tage vor Kriegsende, wurden dort 228 jüdische Kinder, Frauen und Männer aus Ungarn von den Nationalsozialisten hingerichtet. Die Opfer waren Zwangsarbeiter, die davor in den Baracken der Donaukraftwerksbaustelle Ybbs/Persenbeug untergebracht waren. Nach einem Todesmarsch aus Wien dachten sie, dem Grauen entkommen zu sein. Doch es kam anders.

Endphase Pressefotos
Ein Foto des Protagonisten Marton Kardos im Archiv des Holocaust Memorial Center in Budapest.
Foto: Hans Hochstöger

„Das war das schlimmste Endphase-Verbrechen in Österreich und eines der größten im deutschsprachigen Raum“, weiß Hans Hochstöger. Der 39-jährige Fotograf aus der Hofamt Prieler Nachbargemeinde Persenbeug hat dieses Massaker im Film „Endphase“ aufgearbeitet, der in dieser Woche in den NÖ-Kinos Premiere feiert (Termine siehe Infos unten).

In seinem ersten Film-Projekt hat sich Hans Hochstöger gemeinsam mit seinem Bruder Tobias, einem Politikwissenschaftler, auf die Spuren des Massakers begeben, das sogar in der Heimatgemeinde in Vergessenheit zu geraten drohte. Nach jahrelangen Debatten wurde erst 1993 der Gedenkstein aufgestellt. Der Kampf gegen das Vergessen und die Suche nach einer Erklärung für das Schweigen im Ort waren der Antrieb für Hochstöger, sich dem Thema anzunehmen.

Interview mit Überlebenden des Massakers

Hochstöger begann ab dem Jahr 2015 Zeitzeugen zu befragen, von denen viele mittlerweile verstorben sind. Er recherchierte im Archiv der jüdischen Kultusgemeinde und besuchte sogar einen Überlebenden in Israel, der beim Massaker in Hofamt Priel seine Mutter und beide Schwester verloren hatte. Der Mann war von den Einheimischen in den Tagen danach vor den Nazis versteckt gehalten worden.

Hans Hochstöger
Hans Hochstöger arbeitete sechs Jahre an dem Filmprojekt und interviewte dabei zahlreiche Zeitzeugen wie Rosa Eder, eine der Protagonistinnen des Films.
Foto: Hochstöger

Die berührenden Begegnungen bei Hochstögers Recherchen weckten bei den Überlebenden, bei den Angehörigen der Opfer und den Zeitzeugen starke Emotionen. Alle mussten mit den schrecklichen Erinnerungen umgehen, nachdem die meisten von ihnen 75 Jahre lang über die Ereignisse geschwiegen hatten.

Für Hans Hochstöger selbst war erst mit der Zeit klar, dass er aus dem gesammelten Material einen Film gestalten werde. Ursprünglich war ein Fotoprojekt angedacht. Nach sechsjähriger Arbeit feierte der Dokumentarfilm im Vorjahr in Linz seine Premiere. Die Kosten von 120.000 Euro wurden großteils aus Förderungen finanziert.

Verbrechen bis heute ungeklärt

Bis heute unbeantwortet ist die Frage nach den Schuldigen. Das Massaker von Hofamt Priel ist das einzige Verbrechen dieser Größenordnung, das bis heute ungeklärt ist, obwohl das Gerücht über die Beteiligung von heimischen Kriegsverbrechern nie ganz verstummte. Zu einem Prozess kam es nie. Auch von staatlicher Seite wurden die Ermittlungen 1963 eingestellt.

Nach einem Streit um das Grundstück zwischen den Eigentümern des Ackers (unter dem die Leichen vergraben waren) und den Behörden wurden die Gebeine der Opfer 1964 exhumiert und am jüdischen Friedhof in St. Pölten begraben.