Die Stimme als Beweis. Phonetische Sprecherkennung / Ob gefährliche Drohung, Einbruch oder Schmuggel: Um Verdächtige zu überführen oder zu entlasten, bedarf es bei Tonaufnahmen Sprachwissenschaft.

Von Gila Wohlmann. Erstellt am 18. Mai 2015 (05:00)
NOEN, Wohlmann
Sprachwissenschafterin Sylvia Moosmüller zeichnet die Sprache von mutmaßlichen Tätern auf.
Die menschliche Stimme. Sie ist oft der schlagende Beweis, um einen Täter zu überführen. Oder auch Anlass, einen Verdächtigen zu entlasten.

Ob ein Mitschnitt eines Telefongespräches oder eines anderen Tonbandprotokolls: Um festzustellen, ob es sich wirklich um die Stimme eines mutmaßlichen Täters handelt, bedarf es nicht nur der Kriminaltechniker der Polizei, sondern auch der phonetischen und sprachwissenschaftlichen Expertise.

Dozentin Sylvia Moosmüller, seit 1992 am Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätig, arbeitet eng mit Polizei und Justiz zusammen. Die Sprachwissenschafterin ist Expertin für Phonetik. „Ich untersuche im Detail die Akustik der Sprache und der einzelnen Laute“, erklärt sie.

„Stimme verstellen hat wenig Sinn, denn irgendwann fällt jeder in sein normales Sprachmuster zurück.“ Sylvia Moosmüller, Sprachwissenschafterin

Lautsprecher, Kopfhörer, Aufnahmegerät, ein gutes Mikrophon und spezielle Software sind ihre Werkzeuge. An erster Stelle steht jedoch ihr geschultes Gehör. Doch nicht nur die Qualität der Laute ist im Zuge der forensischen Untersuchung von Bedeutung, sondern auch die Quantität, also die zeitliche Organisierung einer Sprechsequenz. Um welche Sprache es sich dabei handelt, ist für Moosmüller nebenrangig, auch der Inhalt des Gesprächs – dafür gibt es ja Übersetzer.

„Die Verschriftung durch den Dolmetscher erleichtert, Wortgrenzen besser zu erkennen“, erläutert sie. Ob Albanisch, Serbisch, Rumänisch oder auch Sprachen Westafrikas. Für alles hat Moosmüller ein auf die Mikroanalyse geschultes Gehör entwickelt.

Bereits in den 1970er-Jahren bediente sich die Polizei der damaligen Kommission für Schallforschung mit dem Begründer der Sprecherkennung in Österreich, Werner A. Deutsch. Einer der herausragendsten Fälle, wo akustische und phonetische Expertise bei den Ermittlungen herangezogen wurde: die Palmers-Entführung mit rund 2,2-Millionen-Euro-Lösegelderpressung 1977*.

„Aufgrund der gegenüber der Handytelefonie geringeren Bandbegrenzung waren analoge, über Festnetz übertragene Gespräche akustisch besser zu analysieren“, stellt sie fest.

Verdächtige kommen  zur Sprachforscherin

Bei der phonetischen Sprecherkennung wird mit „Vergleichsaufnahmen“ gearbeitet. Wenn die Originalaufnahme auswertbar ist, erhält der Verdächtige eine Vorladung vom Gericht, sich am Institut für Schallforschung einzufinden. Befindet sich die Person in Haft, kommt diese in Begleitung von Justizwachebeamten.

In einer schallgeschützten Kabine wird die Stimme des Verdächtigen aufgezeichnet und mit Originaltondokumenten verglichen. „Zirka 90 Prozent sind Männer, die zu mir kommen, verschiedensten Alters, verschiedenster Ethnien“, erzählt Moosmüller. Die Delikte, derer sie verdächtig sind, reichen vom Notrufzeichen-Missbrauch, gefährlichen Drohungen über Einbruchsdelikte, Drogengeschäfte bis hin zum Zigarettenschmuggel.

„Stimme verstellen hat wenig Sinn, denn irgendwann fällt jeder in sein normales Sprachmuster zurück“, erinnert sie sich an so manch „gescheiterte Schauspieler“ unter Verdächtigen. Denn jede Stimme ist einzigartig. Egal, welche Sprache man spricht.


Der Fall Palmers

Einer der herausragendsten Fälle, wo akustische und phonetische Expertise bei den Ermittlungen herangezogen wurde: 1977 wurde „Wäsche-Guru“ Walter Palmers Opfer einer Entführung. Die Entführung war eine Geldbeschaffungsaktion, durchgeführt von Studenten.

Palmers wurde nach einer Lösegeldzahlung von 30,5 Millionen Schilling (2,2 Millionen Euro) freigelassen, zwei der Terroristen wurden auf der Flucht verhaftet.Quelle: Wikipedia