Verein Neustart NÖ: "Toxisches Bild von Männlichkeit". „Was hätte ich sonst tun sollen, als sie zu schlagen? Sie hat es ja provoziert indem sie nicht getan hat, was ich ihr sage!“ Sätze wie diese fallen oft zu Beginn einer Betreuung von Tätern, die wegen häuslicher Gewalt verurteilt wurden. Und sie sagen sehr viel über die Haltung aus, in der die Ursachen der Gewalt gegen Frauen wurzelt.

Von NÖN-Redaktion, APA. Erstellt am 03. Mai 2021 (18:04)
Neun Frauen wurden in diesem Jahr bereits ermordet. Prävention, die schon im Kindesalter ansetzt, könnte dazu beitragen, Gewalt zu verhindern.
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Einerseits gehe es hier um einen vorausgesetzten patriarchalen Machtanspruch. "Der Täter beansprucht das Recht über die Frau zu entscheiden, die sich seinem Willen unterzuordnen hat. Andererseits passiert gleichzeitig eine Täter-Opfer-Umkehr, mit der Haltung, der Mann wäre durch die Weigerung der Frau zur Gewalt gezwungen worden“, erläutert Alexander Grohs, Leiter von Neustart Niederösterreich.

Der Bewährungshilfe-Verein betreut aktuell ca. 250 Täter mit gerichtlichem Auftrag im Zwangskontext in der Bewährungshilfe und in Anti-Gewalt-Trainings.

"Frauen dienen der Bestätigung der eigenen Männlichkeit"

Alexander Grohs, Leiter des Vereins Neustart in NÖ: " „Es benötigt bei Gewalttätern eine intensive Auseinandersetzung mit ihrem Männlichkeits- und Frauenbild. Toxische Bilder davon, was es heißt, ein Mann zu sein, müssen gezielt angesprochen und bearbeitet werden."
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Dieses Männlichkeitsbild begünstigt und führt zu häuslicher Gewalt und in seiner schrecklichsten Ausprägung zu Femiziden. „Es benötigt bei diesen Tätern eine intensive Auseinandersetzung mit ihrem Männlichkeits- und Frauenbild. Toxische Bilder davon, was es heißt, ein Mann zu sein, müssen gezielt angesprochen und bearbeitet werden. Darunter fällt unter anderem, dass Gefühle als schwach gelten, Konflikte mit Gewalt gelöst werden können, man hart und dominant sein muss und nach außen hin nicht überfordert und hilflos erscheinen darf. Frauen werden nicht als gleichberechtige Partnerinnen wahrgenommen, sondern dienen der Bestätigung der eigenen Männlichkeit. Kommt es zu Trennungen oder werden diese angekündigt, ist oftmals eine massive empfundene Kränkung die Folge, welche in Gewalttaten münden kann“, sagt Grohs.

Arbeit mit Tätern ist Arbeit zu Ursachen, Konsequenzen und Verantwortung

Mit den zugewiesenen Klienten wird im Rahmen der opferschutzorientierten Täterarbeit intensiv daran gearbeitet, was die Ursachen für ihr Gewaltverhalten sind, ihre Verantwortung hierfür und welche Konsequenzen ihre Tat für das Opfer hatte. Hierbei ist das Ziel eine Opferempathie. Wenn Gewalttäter nachvollziehen können, welches Leid und Schmerzen der Frau zugefügt wurden, ist ein wichtiger Schritt in der Rückfallvermeidung getan.

Fehlende Einsicht erhöht Gefahr eines Rückfalls

Das höchste Risiko eines Rückfalls besteht bei jenen Klienten, die sich den Terminen entziehen oder sich in Gesprächen inhaltlich verschließen und weiterhin Gewaltbereitschaft zeigen. In solchen Fällen ist eine enge Zusammenarbeit mit Justiz, Polizei und den Opfer- und Gewaltschutzeinrichtungen von großer Bedeutung, wie beispielsweise in sicherheitspolizeilichen Fallkonferenzen.

„Es gibt hier kein entweder – oder. Opfer brauchen Unterstützung und Betreuung, um aus Gewaltbeziehungen aussteigen zu können, Schutz zu erhalten und das Erlebte zu verarbeiten. Täter müssen sich mit ihrer Tat und ihrer zugrundeliegenden Haltung auseinandersetzen, damit es zu keinen weiteren Opfern kommt.“

Gesellschaft darf Gewalt nicht tolerieren

Eine gesellschaftliche Grundhaltung, die Gewalt gegen Frauen nicht verharmlost oder toleriert, ist allerdings in der Prävention entscheidend und muss schon im Kindesalter ansetzen. Dadurch können viele spätere Taten schon im Vorfeld verhindert werden.