Häufig Attacken gegen Ärzte in Spitälern. Nicht nur in Wien ist Gewalt in Spitälern Problem. In NÖ gab es im Schnitt sieben Vorfälle täglich.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 03. Dezember 2019 (02:59)
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Die unantastbaren Götter in Weiß sind Ärzte für viele Patienten heute nicht mehr. Zumindest entsteht dieser Eindruck, wenn man sich ansieht, wie oft Mediziner, genau wie Pflegepersonal, Opfer von Übergriffen werden. In Wien führte eine Umfrage gerade vor Augen, dass 85 Prozent des Personals des Krankenanstaltenverbunds bereits Gewalt in ihrem Beruf erlebt haben. Und auch der Blick nach Niederösterreich zeigt, dass Aggression im Klinik-Alltag mittlerweile an der Tagesordnung steht: 2018 gab es hierzulande 2.562 Übergriffe. Im Durchschnitt sind das also sieben Vorfälle täglich.

Dass die Gewalt in Krankenhäusern steigt, bestätigt auch Ärztekammer-Vizepräsident Ronald Gallob: „Die Beißhemmung von Patienten und deren Angehörigen nimmt ab. Das können wir deutlich beobachten.“ Die Angriffe gegen Ärzte und Pflegepersonal reichen von wüsten Beschimpfungen bis zu körperlichen Attacken. „Vorrangig, also bei über 40 Prozent, handelt es sich um verbale Übergriffe“, informiert Landeskliniken-Holding-Sprecher Bernhard Jany. Etwa 30 Prozent der Vorfälle sind aggressive Körperhaltungen wie beispielsweise Drohen mit den Händen oder der Faust. Bei den übrigen 30 Prozent kommt es dann tatsächlich zu körperlichen Angriffen oder Spucken.

„Die Beißhemmung von Patienten und deren Angehörigen nimmt ab. Das können wir beobachten.“ Ronald Gallob, Ärztekammer

Besonders schwierig sei die Situation, so Gallob, in den Unfallabteilungen der Krankenhäuser: „Hier kommt hinzu, dass die Patienten oft alkoholisiert sind. Das steigert die Aggressionsbereitschaft natürlich“, weiß Gallob.

Damit Ärzte und Pflegepersonal lernen, mit solchen Vorfällen umzugehen und deeskalierend zu wirken, werden Schulungen für Mitarbeiter der Landeskliniken angeboten. „Ziel der Ausbildung ist es, bereits im Vorfeld eine mögliche Eskalation durch Gefahrenerkennung und präventive, verbale Deeskalation zu verhindern“, erklärt Jany. Die Landeskliniken Holding startete außerdem im Vorjahr eine Kampagne mit Plakaten gegen Gewalt. Diese wurden in den niederösterreichischen Spitälern aufgehängt.

Sicherheitspersonal ist in NÖ kein Thema

Sicherheitspersonal gibt es in den Kliniken des Landes noch nicht. „Im Fall einer Aggression werden im ersten Schritt Kollegen gerufen. Die körperliche Präsenz mehrerer Personen löst eine deeskalierende Wirkung aus“, schildert Landeskliniken-Holding-Sprecher Bernhard Jany seine Erfahrung.

Weniger Probleme gibt es im niedergelassenen Bereich. „Natürlich kommt es immer wieder vor, dass sich Patienten lautstark aufregen, wenn sie mit einer Situation nicht zufrieden sind“, sagt der Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte, Dietmar Baumgartner. Ein Dauerbrenner sei hier etwa der Ärger über zu lange Wartezeiten. Ihm selbst ist in Niederösterreich aber nur ein einziger Vorfall bekannt, bei dem es tatsächlich zu roher Gewalt in einer Ordination gekommen sei. Dort dafür umso tragischer: „Im Bezirk Neunkirchen genehmigte ein Arzt einem Patienten seinen Krankenstand nicht. Der kam daraufhin mit einer Waffe zurück in die Ordination und erschoss die Gattin des Arztes“, schildert Baumgartner, betont aber, dass dieser Vorfall bereits 40 Jahre zurückliege. „Von körperlichen Angriffen habe ich seither nichts gehört.“