Verein Neustart: "Sind mitten in den Gewaltberatungen!"

Seit 1. September müssen Gewalttäter, gegen die ein Betretungs- oder Annäherungsverbot ausgesprochen wurde, sechs Stunden Gewaltberatung absolvieren. Laut Neustart kommt die überwiegende Mehrheit der Verpflichtung, sich binnen fünf Tagen zu melden, nach.

Erstellt am 18. Oktober 2021 | 16:34
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Gewalt gegen Frauen soll durch Beratungen eingedämmt werden. Seit 1. September 2021 müssen Gefährder diese Beratungen verpflichtend absolvieren.
Foto: Shutterstock.com/271 EAK MOTO

„Es gab hier keine Aufwärmphase, wir befinden uns bereits mittendrin bei den Gewaltberatungen. Die teils jahrzehntelange Erfahrung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich der Täterarbeit bei häuslicher Gewalt kommt uns hier sicherlich zugute.“ zieht Alexander Grohs, Leiter Neustart NÖ und Burgenland, Resümee. Vor knapp zwei Monaten sind die  Beratungsstellen für Gewaltprävention in Niederösterreich gestartet.

182 Zuweisungen im ersten Monat

Dort müssen sich Personen, gegen die ein Betretungs- und Annäherungsverbot verhängt wurde, verpflichtend binnen fünf Tagen melden und insgesamt sechs Stunden Gewaltberatung absolvieren. Die erste Beratung muss innerhalb von 14 Tagen nach Meldung erfolgen. Bereits im ersten Monat fanden 182 Zuweisungen durch die Polizei statt. Die zugewiesenen Betretungs- und Annäherungsverbote erstrecken sich von mehrheitlichen Fällen von häuslicher Gewalt in Paarbeziehung über Gewalt von Kindern gegen die Eltern bis hin zu sexueller Gewalt.

Mehrzahl der Gefährder kooperativ

Die Mehrzahl der Gefährder kommt der Meldung innerhalb der Fünf-Tagesfrist nach. Sie zeigen sich auch kooperativ und bekommen bei Anruf einen baldigen Termin zugewiesen. Bei vielen zeigt sich auch bereits bei der Kontaktaufnahme eine Betroffenheit über die eigenen Handlungen. Dies bestätigt die Sichtweise, dass es wichtig ist, nach einem Gewaltvorfall sehr bald mit den Tätern zu arbeiten. 

Leider auch Übergriffe

Damit soll auch die Schiene zur Weitervermittlung an längerfristige Beratungs- und Betreuungseinrichtungen gelegt werden, da viele Gefährder die von sich aus nicht nutzen. Aggressive Übergriffe durch die Gefährder in den Beratungen sind klar die Ausnahme - sind im ersten Monat allerdings schon vorgekommen.

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Alexander Grohs, Leiter Neustart für NÖ und das Burgenland.
Verein Neustart

„Sollte die Beratung aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden müssen ist dies ein wichtiger Indikator für die Gefährdungseinschätzung und die Rückmeldung an die Sicherheitsbehörde, wo eine sicherheitspolizeilichen Fallkonferenz angeregt werden kann“, hält Grohs fest.

Vernetzung ist das A und O

Im Sinne eines ganzheitlichen Gewaltschutzes ist eine Vernetzung mit den relevanten Einrichtungen ausschlaggebend. „Die Zusammenarbeit mit der Polizei, den Sicherheitsbehörden und der Kinder- und Jugendhilfe hat seit dem Start sehr gut funktioniert. Besonders mit dem Gewaltschutzzentrum NÖ, wo es schon seit Jahren eine engere Kooperation bei Risikofällen gibt, sind wir regelmäßig im Austausch“, betont Grohs.

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Michaela Egger, Leiterin des Gewaltschutzzentrums NÖ.
Gewaltschutzzentrum NÖ

Die Erfahrungen aus dem Gewaltschutzzentrum NÖ zeigen laut Geschäftsführerin Michaela Egger ebenfalls ein positives Bild. Im telefonischen Erstkontakt wird neben der psychosozialen Stärkung und Abklärung von Sicherheitsaspekten auch über die verpflichtende Beratung der Gefährder informiert. Ob ein Austausch, zwischen der Mitarbeiterin des Gewaltschutzzentrums und dem Mitarbeiter der Beratungsstelle für Gewaltprävention erfolgen darf hängt von der Zustimmung der Klienten ab. 

... manche sind auch erbost

„Viele Klientinnen begrüßen es, dass der Gefährder sich verpflichtend melden muss. Es gab aber auch vereinzelt die Rückmeldung, dass nach Ablauf des Betretungs- und Annäherungsverbots es neuerlich zu einer Eskalation kam, weil der Gefährder nach Hause kam, und erbost darüber war, dass er eben wegen der gefährdeten Person nun diese Stunden machen müsse. Gerade in diesen Fällen zeigt sich, wie wichtig und unerlässlich, ein Austausch zwischen den Akteurinnen der Einrichtungen notwendig ist.“

Uneinsichtigkeit ist ein Risiko

Uneinsichtigkeit eines Gefährders erhöht das Risiko eines neuerlichen Gewaltvorfalles, was es zu verhindern gilt. Durch die lange Kooperation zwischen Neustart und dem Gewaltschutzzentrum und das Wissen über opferschutzorientierte Täterarbeit wurden bereits Optimierungsschritte im Beratungskontext bzw. in der Kommunikation zwischen den Einrichtungen gesetzt. 

"Ein wichtiges Werkzeug"

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Landespolizeidirektor Franz Popp.
APA/Pfarrhofer

„Die Zusammenarbeit mit dem Gewaltschutzzentrum NÖ unter der Leitung von Michaela Egger als auch mit dem Verein Neustart unter der Leitung von Alexander Grohs funktioniert seit Jahren ausgezeichnet. Die Gewaltpräventionsberatung ist ein wichtiges Werkzeug, um mit den von einem Betretungs- und Annäherungsverbot betroffenen Gefährder in nur kurzer Zeit ein Beratungsgespräch führen zu können. Gewalttaten künftig zu vermeiden ist das Ziel und daran arbeiten wir auf Hochtouren", hält Landespolizeidirektor Franz Popp fest.