Wenn Wohnen nicht mehr leistbar ist

Die Kluft zwischen Einkommen und Wohnkosten wächst beständig. Das Armutsnetzwerk warnt anlässlich des Welttages der Armut am 17. Oktober vor einer wachsenden Zahl an Notlagen.

Erstellt am 18. Oktober 2021 | 13:25
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Das Armutsnetzwerk NÖ fordert mehr Investitionen in leistbaren Wohnraum. Und die Verankerung des Rechts auf Wohnen in der Verfassung.
Foto: Nadja Meister

„Ich habe Angst meine Wohnung zu verlieren, wo soll ich denn sonst hin?“ mit diesen Worten wendet sich Frau W. an die Beraterin. Die Hälfte ihres Einkommens verwendet sie jeden Monat für die Kosten ihrer kleinen Wohnung, dazu kommen dann noch die Kosten für Strom und Gas. Und nun hat Frau W. erfahren, dass auch die Miete im nächsten Jahr steigt. Sie weiß nicht mehr, wie sie sich ihre Wohnung dann noch leisten soll.

So wie Frau W. geht es mittlerweile vielen Menschen in Niederösterreich, wie  ein nüchterner Blick auf die Statistik zeigt: Betrug die durchschnittliche Bruttomiete (inkl. Betriebskosten) in NÖ im Jahr 2009 noch 361 Euro, waren es zehn Jahre später bereits 509 Euro.

Das entspricht einer Zunahme von 41% innerhalb von 10 Jahren und dabei sind die angekündigten Preissteigerungen bei Gas noch gar nicht berücksichtigt.

"Bestehende Förderungen reichen nicht aus"

„Die Kluft zwischen dem Einkommen vieler Menschen und der steigenden Wohnkosten vergrößert sich und die bestehenden Förderstrukturen reichen nicht aus, um die Notlagen, die dadurch für viele entstehen, abzufedern bzw. zu verhindern“, sagt Barbara Bühler, Obfrau und Koordinatorin des NÖ Armutsnetzwerks.

Wenn Einkommen und Wohnkosten immer mehr auseinanderklaffen, führt das zu prekären Wohnformen, beispielsweise Wohnungen mit akutem Schimmelbefall, schlecht beheizbare oder beengte Wohnformen. Die Aussage von Frau W. „Wo soll ich denn sonst hin?“ zeigt den Mangel an Alternativen für viele Betroffene.

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Binnen zehn Jahren sind die durchschnittlichen Bruttomieten um 41 Prozent gestiegen.
Nadja Meister

Dabei sei menschenwürdiger, gesicherter und leistbarer Wohnraum die Basis, sagt Claudia Lui vom Diakonie-Flüchtlingsdienst, eine der Mitgliedsorganisationen des NÖ Armutsnetzwerks.

Leistbaren Wohnraum schaffen

Um die wachsende Kluft zwischen Einkommen und Wohnungskosten zu verringern bzw. zu schließen benötige es einige lang-, mittel- und kurzfristige Maßnahmen, fordert Barbara Bühler.

Diese bestehen zum Beispiel in einer Wohnbauoffensive im geförderten Wohnbau bzw. der Schaffung von Gemeindewohnungen, um ausreichend leistbaren Wohnraum sicherzustellen. Auch müssten bestehende Förderstrukturen überarbeitet werden, damit alle Bedürftigen erreicht werden. Kurzfristig müssten sich Richtsätze an den tatsächlichen Kosten orientieren, die Menschen zu bewältigen haben. Dies sei nötig "um zu verhindern, dass Menschen aufgrund der wachsenden Kluft zwischen Einkommen und Wohnungskosten ihr Zuhause verlieren“, sagt Bühler.

Die Forderungen des Armutsnetzwerks im Detail:

  • Ausweitung der Subjektförderung und Wohnbauoffensive: Ob jemand eine monatliche Förderung (Wohnzuschuss, Mietbeihilfe) erhält, hängt davon ab, ob er oder sie in einem geförderten Wohnobjekt wohnt. Geförderter Wohnraum ist aufgrund der hohen Einstiegskosten (Finanzierungsbeiträge) für viele Wohnungswerber nicht leistbar und auch nicht flächendeckend verfügbar. Daher braucht es eine Ausweitung der Subjektförderung auch auf nicht geförderten Wohnbau sowie eine Wohnbauoffensive zur Schaffung von leistbarem Wohnraum.
  • Bestehende Förderstrukturen adaptieren, damit alle erreicht werden: Derzeit wird der Wohnzuschuss in NÖ vom Wohnanteil der Sozialhilfe abgezogen. Jene Menschen, die in einer existenziellen Notlage sind, werden also derzeit von diesen Förderstrukturen nicht unterstützt. Bestehende Förderungen, wie der Heizkostenzuschuss, müssen jährlich beantragt werden, viele Betroffene wissen jedoch gar nicht, dass sie einen Anspruch haben bzw. ist das Einbringen der erforderlichen Unterlagen häufig eine Hürde.
  • Es braucht Investitionen in den sozialen Wohnbau und ein klares Bekenntnis der Kommunen zum geförderten Wohnbau und leistbaren Mietwohnungen.
  • Existenzsichernde Richtsätze: Die gültigen Richtsätze der Sozialhilfe orientieren sich nicht an den realen Kosten, die Betroffene zu bewältigen haben. Beispielsweise werden die in den letzten Jahren massiv gestiegenen Mietpreise nicht berücksichtigt. Es braucht eine Orientierung an den tatsächlichen Kosten, die die Menschen zu bewältige haben.
  • Verankerung sozialer Menschenrechte, unter anderem das Recht auf Wohnen, in der Verfassung.
  • Die Armutskonferenz hat dazu konkrete Vorschläge erarbeitet: https://www.armutskonferenz.at/files/sozialrechtsnetz_recht_auf_wohnen_2021.pdf
  • Nähere Informationen zum Netzwerk und seinen Aktivitäten: www.noe-armutsnetzwerk.at