Bezirk Scheibbs: Keine Bewerber für Kassenstellen. Vier Kassenstellen für Allgemeinmedizin sind frei, bislang gab es keinen einzigen Bewerber.

Von Karin Katona. Erstellt am 12. Februar 2019 (04:55)
Gerhard Rötzer
Allgemeinmedizinerin Olinka Hofmann will sich für ihre Patienten genug Zeit nehmen können: „Darum bin ich Ärztin geworden.“

Arzt sein heißt nicht immer nur Menschen helfen und Krankheiten heilen: Täglich sitzen Allgemeinmediziner, wie Bezirksärztevertreter Karl Brandstetter aus Purgstall und seine Kollegen, im Bezirk Scheibbs nach Ordinationsschluss stundenlang bei der Büroarbeit. Ein Aspekt unter vielen, der, wie nicht nur Brandstetter vermutet, viele junge Mediziner von einem Einstieg in den niedergelassenen Bereich abhält.

„Das hohe Ausmaß an Bürokratie und dass dadurch zu wenig Zeit bleibt, sich mit jedem einzelnen Patienten zu beschäftigen, gehören zu den Gründen für den Ärztemangel“, sagt Sigrid Ofner von der Ärztekammer Niederösterreich. „Das Problem ist mittlerweile in allen niederösterreichischen Bezirken angekommen.“

Mit der Pensionierung des Grestner Arztes Wolfgang Kammerer am 1. April 2016 hielt der Ärztemangel seinen Einzug auch im Bezirk Scheibbs. Die Stelle ist von der Ärztekammer mittlerweile 40 Mal ausgeschrieben worden – ohne Erfolg. In derselben Lage befinden sich seit 1. Jänner auch Purgstall und Wieselburg, wo insgesamt drei Kassenarztstellen vakant sind. Was auch bedeutet, dass in den betreffenden Sprengeln Wochenenddienste unbesetzt bleiben.

„Uns droht ein baldiges Ende der Zuwendungsmedizin“.Olinka Hofmann, Ärztin für Allgemeinmedizin, Oberndorf

Die Oberndorfer Ärztin Olinka Hofmann hat vor elf Jahren von der Unfallchirurgie auf die Allgemeinmedizin umgesattelt. „Ich wollte damals die Praxis meines Hausarztes übernehmen und war eine von fünf Bewerberinnen“, erinnert sich Hofmann. „Damals waren Praxen rar, heute finden sich auf dem Land keine jungen Ärzte.“ Nicht verwunderlich, wie Hofmann findet: „Wer eine Ordination eröffnet, muss wegen der umfangreichen Auflagen riesige Investitionen tätigen. Das wirtschaftliche Risiko ist vielen zu hoch.“

Durch die unbesetzten Ordinationen im Umkreis seien die verbliebenen Ärzte am Limit. „Ich hatte gestern über hundert Patienten in meinem Sprechzimmer. Meinen anderen Kollegen ergeht es nicht anders. Aber wir wollen unsere Patienten nicht im Fließband-Verfahren abfertigen.“ Die Allgemeinmedizinerin befürchtet ein Ende der „Zuwendungsmedizin“: „Die Patienten wünschen sich einen Hausarzt als Bezugsperson. Ob die Primärversorgungszentren diese Aufgabe erfüllen können, muss sich erst zeigen.“

Der Mangel an praktischen Ärzten beschert auch den Ambulanzen des Landesklinikums Scheibbs größeren Andrang. „Das Patientenaufkommen in unseren Ambulanzen steigt stetig an“, sagt der Ärztliche Direktor Erwin Schwaighofer.  „Wir schätzen, dass etwa 60 Prozent adäquat im niedergelassenen Bereich betreut werden könnten.“

Schwaighofer verweist auf die „Landarzt-Garantie“ von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner: „Bei langfristig nicht besetzten Landarztpraxen sollen Ärzte aus der Landeskliniken-Holding aushelfen und gleichzeitig finanzielle Anreize zur Modernisierung einer Praxis gegeben werden. Bis zum Jahr 2021 sollen in Niederösterreich außerdem 14 neue Gesundheitszentren entstehen.“