Ärztemangel: Kassenarzt sein, ist schwer. Nur eine Planstelle bei Allgemeinmedizinern unbesetzt. Bezirksärztevertreter sieht Problem in Zukunft.

Von Adalbert Mraz, Stefanie Cajka, Otto Havelka und Gerald Burggraf. Erstellt am 13. Februar 2019 (04:59)
Burggraf
Der Schwechater Allgemeinmediziner Robert Grubmüller, im Bild mit Ordinationsassistentin Anita Stevanovic, betreibt mit zwei Kollegen ein Primärversorgungszentrum in der Braustadt.

In vielen Regionen Niederösterreichs fehlen mittlerweile Kassenärzte. Im Brucker Bezirk gibt es 43 Planstellen für Allgemeinmedizinern und die sind im Grunde auch besetzt.

Einzig in Moosbrunn ist die Kassenstelle mit dem Umzug von Ärztin Sandra Stangel-Sapergia nach Mitterndorf ab April frei. Die Gemeinde befindet sich bereits intensiv auf der Suche nach einem Nachfolger. Um die Stelle attraktiver zu machen, überlegt VP-Bürgermeister Paul Frühling sogar, an einem neuen Standort eine neue Arztordination einzurichten. Momentan sucht man nach einem passenden Gebäude.

Gleichzeitig freut man sich in Höflein nach acht Jahren endlich wieder über einen Arzt im Ort. „Gerade weil die Ärzte in Bruck so ausgelastet sind, ist es gut zu wissen, dass ein zusätzlicher Arzt in der Region vorhanden sein wird und somit die Versorgung längerfristig gesichert ist“, so VP-Ortschef Otto Auer.

"Entwicklung des Ärztemangels sind auf mehrere Faktoren zurückzuführen"

Bezirksärztevertreter Erwin Schenzel sieht die Situation dennoch kritisch. Ihm zufolge handelt es sich bei dem Ärztemangel um ein Problem, das seit Jahren absehbar war. Ihm zufolge seien die Stellen unattraktiv, er beurteilt es als schwierig, zu den derzeit gegebenen Bedingungen Kassenarzt zu werden. Während man früher als Arzt noch die Möglichkeit gehabt hätte, „klein“ anzufangen und langsam zu wachsen, brauche man heute die komplette Ausstattung ab dem ersten Tag, was natürlich kostenintensiv sei. Eine weitere Problematik sieht er darin, dass es diesbezüglich keine klare politische Linie gibt und ihm zufolge kein politischer Wille zu Änderungen bzw. Verbesserungen vorhanden sei.

Strukturelle Defizite sieht auch Karl Koller. Er war bis 2010 insgesamt 34 Jahre lang praktischer Arzt in Hainburg mit allen Kassen. „Zu meiner Zeit war es noch möglich, sich dem Patienten und den Beschwerden ausgiebig mit seinen persönlichen Kompetenzen zu widmen, eine Diagnose zu erstellen und gemeinsam eine Therapie vorzuschlagen.“ Heute werde der praktische Arzt vielfach nur mehr als Dienstleister für das Ausstellen von Rezepten, Überweisungen und Krankmeldungen gesehen. Die Entwicklung des Ärztemangels führt Koller auf mehrere Faktoren zurück: Das Bild des Hausarztes mit ungeregelten Dienstzeiten – ein Hausarzt soll Tag und Nacht für seine Patienten zur Verfügung stehen – in Verbindung mit keinen adäquaten Honorarleistungen, schrecken viele Ärzte ab, sich in dem Umfeld eine Existenz aufzubauen.

Kein Problem mit der Anzahl der Ärzte hat man hingegen in der 7.000-Seelen-Gemeinde Himberg. Allerdings nur wenn alle drei Allgemeinmediziner ihre Praxis geöffnet haben. Seit Jahren versucht die Gemeinde zudem vergeblich, einen Kinderarzt in den Ort zu locken. SP-Bürgermeister Ernst Wendl verhandelt mit der Gebietskrankenkasse „auf Hochdruck“, um eine Lösung zu finden. „Die Zukunft liegt in einem Primary Health Care-Zentrum mit mindestens drei Ärzten“, so Wendl.

Dem stimmt auch Allgemeinmediziner Robert Grubmüller zu. Er hat mit seinem Kollegen Martin Ruttner ein Primärversorgungszentrum (PVZ) in Schwechat eröffnet. „Ab drei Ärzten macht es in Ballungszentren Sinn“, urteilt er. Das habe viele Vorteile für Patienten, etwa längere Öffnungszeiten. Zudem könne in einem PVZ auch Physiotherapie oder Wundmanagement geboten werden.