Ärztemangel: „Es ist Feuer am Dach“. Gemeinden suchen verzeifelt nach Fachärzten. Purkersdorf will Kassendiskussion abwarten.

Von Martin Gruber-Dorninger. Erstellt am 13. Februar 2019 (04:17)
Marlene Trenker
Der Purkersdorfer Arzt Wolfgang Grünzweig hat bereits vor 15 Jahren Alarm geschlagen. Die Entwicklungen wundern ihn keineswegs.

Seit zwei Jahren gibt es in Purkersdorf keinen Kassen-Kinderarzt mehr. Die Gemeinde hat ebenso lang diesen Posten ausgeschrieben, doch das Interesse hält sich bislang in Grenzen. Der Ärztemangel hat also, wie viele Gemeinden Niederösterreichs, auch den Speckgürtel von Wien erreicht.

„Jede nicht besetzte Stelle hat ihre eigene Geschichte“, weiß Bezirksärztevertreter Andreas Barnath. Für junge Ärzte sieht er derzeit generell wenige Anreize, sich zu bewerben – vor allem in den Landgemeinden. So sei etwa der Tarif für die Behandlungen zu niedrig. Außerdem fehle in vielen Fällen die Hausapotheke als zusätzliche Einnahmequelle. „Hätten alle Stellen diese Option und ein ausreichend großes Einzugsgebiet, gäbe es keine einzige leere Stelle“, ist Barnath überzeugt.

In der Region Purkersdorf ist es aber nicht nur schwer eine offene Stelle zu besetzen, es fehlt generell an Fachärzten, wie auch Pressbaums Bürgermeister Josef Schmidl-Haberleitner bemängelt: „Wir haben bei der Ärztekammer und den entsprechenden Gremien Ansuchen nach mehr Kassenstellen eingebracht.“ Schließlich ist Pressbaum eine stark wachsende Gemeinde, die ärztliche Versorgung wird hier allmählich eng. Auch hier fehle, laut Schmidl-Haberleitner, ein Kinderarzt.

Wahlarzt versus Kassenarzt

Alarm schlägt auch der Purkersdorfer Ganzheitsmediziner Wolfgang Grünzweig: „Das System ist stocksteif und unbeweglich. Es ist Feuer am Dach.“ Seiner Meinung nach sei es nachvollziehbar, dass immer mehr seiner Kollegen den Weg des Wahlarztes einschlagen würden und von den Kassen weggingen. „Es ist auch eine medizinisch inhaltliche Geschichte. Ich will meinen Patienten die Behandlung angedeihen lassen, von der ich glaube, dass die am meisten Erfolg bringt. Das wird aber von den Kassen oft nicht toleriert“, so Grünzweig, der beim derzeitigen Problem nur von der Spitze des Eisberges spricht. Von Jahr zu Jahr würden weniger Ärzte mit der Ausbildung fertig. Die Ausbildungssituation sei durch die neue Studienordnung noch verschärft worden. „Die Zahlen sind bekannt. Außerdem gehen demnächst viele in Pension. Das Problem wird erst jetzt erkannt“, ist Grünzweig in keiner Weise verblüfft, er selber würde bereits seit 15 Jahren auf dieses Problem hinweisen. „Von der Ärztekammer kam der Vorschlag, dass Ärzte eben bis zu einem Alter von 70 Jahren arbeiten sollen. Das ist auch keine Perspektive“, so Grünzweig.

In Purkersdorf wird weiterhin fieberhaft nach einem Kinderarzt gesucht. Doch die Not macht erfinderisch. „Wir haben ein Übereinkommen mit Kinderärztin Christa Levin-Leitner, die nur noch kleinere Kassenverträge bedient. Sie behandelt auch Patienten der großen Kassen zu einem vergünstigten Tarif“, erklärt Bürgermeister Stefan Steinbichler. Die Stadtgemeinde wolle sich auch die nächsten Monate die Entwicklungen bei den Kassenzusammenlegungen genauer anschauen. „Sollte sich da eine Tendenz erkennen lassen, werden wir sofort darauf reagieren“, so Steinbichler.

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