Barrierefreie Vorbilder in Niederösterreich. Zum zweiten Mal zeichnet das Bildungswerk NÖ mit dem Preis "Vorbild Barrierefreiheit" besondere barrierefreie Projekte aus ganz Niederösterreich aus.

Von Linda Goldsteiner. Erstellt am 16. September 2019 (15:42)

Das Bildungswerk (BhW) Niederösterreich möchte mit der Auszeichnung auf die Themen Barrierefreiheit, Inklusion und Behinderung aufmerksam machen und vorbildliche Menschen, Projekte und Innovationen aus ganz Niederösterreich vor den Vorhang holen. 

"Den Ausgezeichneten kommt Wertschätzung für ihr Engagement und ihren Weitblick für dieses wichtige Thema zu", heißt es von der BhW Geschäftsführerin Therese Reinel. So könne man auch andere motivieren, sich ebenfalls mit diesen Themen auseinanderzusetzen und einige der Projekte als Inspiration zu nützen. Die Initiative findet unter der Patronanz von Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister und Landesrat Ludwig Schleritzko statt.

Barrierefreiheit als Thema für alle

"Den Abbau von Barrieren voranzutreiben, ist unser gemeinsames Ziel. Der Preis zeichnet besondere Projekte aus, die durch ihr Beispiel die weitere Umsetzung von Barrierefreiheit in den verschiedenen Lebensbereichen vorantreiben", so Landesrätin Teschl-Hofmeister. Sie ruft andere Gemeinden und Vereine dazu auf, diese Projekte und Maßnahmen nachzumachen. 

Auch Landesrat Schleritzko lobt die Einreichungen und sagt: "Es ist unser großes Ziel, die Möglichkeiten zum Abbau von Hürden in unserem Alltag und die Bedeutung von Barrierefreiheit für die Gesellschaft hervorzuheben." Barrierefreiheit müsse ein Thema für die breite Mitte der Gesellschaft werden, so der Landesrat. 

Barrierefreiheit sollte außerdem als gelebte Selbstverständlichkeit wahrgenommen werden, betont Geschäftsführer der Kulturregion NÖ, Martin Lammerhuber. Begriffe wie Inklusion oder Behinderung würden gedanklich einschränken. "Es geht um das Spüren und das Miteinander in allen Lebensbereichen. Wir sind alle gleich", sagt er und dankt den Funktionären des Bildungswerks NÖ für deren Arbeit. 

Das sind die niederösterreichischen Vorbilder

In sechs verschiedenen Kategorien wurden von einer sechsköpfigen Jury jeweils zwei Projekte prämiert:

1. Gemeinden

In der Kategorie Gemeinden erhielt die Stadtgemeinde Zwettl in Kooperation mit freiraum-europa für ihre baulichen Maßnahmen eine Ehrung. Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Behinderungen hat die Gemeinde etwa taktile Bodeninformationen, Beschriftungen an den Handläufen oder kontrastreiche Markierungen der Glasflächen im Stadtamt Zwettl errichtet und bietet so "umfassende bauliche Barrierefreiheit". 

Auch die Stadtgemeinde Ternitz konnte mit ihrem umfassenden Gedanken der Inklusion beeindrucken, heißt es. Das gesamte Stadtgebiet wurde mit Unterstützung von geh- und sehbehinderten Personen barrierefrei umgebaut: Gehwegabschrägungen, Aufzüge und ein Lift für das Freibad waren einige der vielen Maßnahmen der Gemeinde. Außerdem wurde die Behindertenintegration, der örtliche Taxibetreiber und Behindertensportler finanziell unterstützt und Workshops zum Thema Barrierefreiheit organisiert. 

2. Personen und Institutionen

Damit bereits Kinder mit dem Thema Beeinträchtigung in Kontakt kommen, wurde das ausgezeichnete Projekt Sensibilisierung in den Kindergärten in Krems in Kooperation mit Salzburg durchgeführt. Gemeinsam mit einem Rollstuhlfahrer, einem Blinden und einem Hörbeeinträchtigen wurden etwa 600 Kinder besucht und die verschiedenen Behinderungsformen besprochen. Kinder konnten außerdem das Fahren mit einem Rollstuhl ausprobieren oder sich mit Augenmaske und Taststock im Raum orientieren.

"Jeder bekommt Anerkennung. Keiner bekommt Mitleid", ist das Motto des Zweitprämierten - Verein Ohrenschmaus. Er vergibt einen Literaturpreis an Menschen mit Lernschwierigkeiten aus ganz Österreich, die selbst Texte verfassen und vor einer hochkarätigen Jury vortragen. 

3. Innovationen

Besondere Anerkennung erhielt in der Kategorie "Innovationen" die Rewe International AG, die mit drei Maßnahmen punkten konnte: So wurden die Webseiten barrierefrei gestaltet, sodass etwa auch blinde Menschen online ihren Einkauf tätigen können. Der Betrieb ist außerdem bemüht, seine Mitarbeiter für die Themen Behinderung und Inklusion zu sensibilisieren und Menschen mit Behinderung einzustellen. 

Anpacken, wo gebraucht wird und Lösungen aus eigener Kraft schaffen, war dem Zweitprämierten offenbar ein Anliegen: Der Bademeister des Freibads Ybbsitz hat auf Eigeninitiative in Zusammenarbeit mit Gemeinde, Wirtschaft und örtlichen Institutionen einen Hebelift für das Freibad realisiert. So ist auch Menschen mit Behinderung und Rollstuhl die Benutzung von Freibädern möglich.

4. Digitale Barrierefreiheit

Dass Barrierefreiheit auch in die digitale Welt fließen kann und muss, zeigt der Verein Bewusst Bewegen Barrierefrei Waldviertel. Er betreibt Fitness, Breitensport und Inklusionssport und hat in Eigeninitiative seine gesamte Webseite barrierefrei gestaltet. Obmann Andreas Weidenauer berät außerdem gemeinsam mit der interessensvertretung für Menschen mit Behinderung zu Barrierefrei-Fragen. 

Gleiss /BhW

Die Zweitplatzierte in dieser Kategorie ist die Radiosendung "Barrierefrei aufgerollt", die unter anderem in Wien, St. Pölten, Graz und Salzburg ausgestrahlt wird. Menschen mit Beeinträchtigung wirken hier aktiv an der Gestaltung mit. Ziel sei es, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen und somit eine gesellschaftliche Diskussion zu eröffnen. Für Menschen mit Hörbeeinträchtigung werden die Sendungen verschriftlicht und können auch online nachgehört werden. 

Gleiss /BhW

5. Kultur/Tourismus/Bildung

Die Garten Tulln hat es sich zur Aufgabe gemacht, allen Menschen einen Besuch zu diesem Ausflugsziel zu ermöglichen. Neben baulichen Maßnahmen, wie gut berollbare und kontrastreiche Gehwege, barrierefreie und familienfreundliche Parkplätze, einer adaptierten Kassa und ausreichend Sitzgelegenheiten sollte die Garten Tulln zu einem Gartenerlebnis für alle Menschen und alle Sinne werden. 

Gleiss /BhW

Auch die Wehrkirchenstraße - Ausstellung Edlitz konnte heuer mit ihrem Ziel, für alle Menschen die Ausstellung zu einem Erlebnis zu machen, punkten. So wurden etwa Texte in einfacherer Sprache sowie in Gebärdensprache übersetzt oder Audiodeskriptionen für blinde Personen installiert. Da alle Sinne angesprochen werden, sei der Ausstellungsbesuch auch für Menschen ohne Beeinträchtigung ein Erlebnis. 

6. Sport und Bewegung

Der Bewegungsverein No Problem Baden hat es zum Ziel, Menschen mit Lernschwierigkeiten am sportlichen Leben teilzuhaben zu lassen, indem er einen einfangen Zugang zu Sportangeboten bietet. Finanziert wird der Verein ausschließlich durch ehrenamtliche Arbeit, Spenden und Aktionen des Vereins. Er unterstützt außerdem Menschen mit Behinderung bei Kosten, wie etwa eine Sommerferienwoche oder Tanzunterricht. 

Gleiss /BhW

Der Zweitprämierte in dieser Rubrik ist der SC Lebenshilfe Sollenau, ein gegründeter  Fußball-Verein für und mit Menschen mit Behinderung. Hier werden alle Vereinstätigkeiten auch allen Menschen angeboten, sodass Menschen mit Behinderung gleichzeitig Spieler der Mannschaft und für die Pflege des Rasens zuständig sind. Der Verein nimmt außerdem an internationalen Turnieren teil und deckt die Freizeitgestaltung mit einem ehrenamtlichen Trainer ab.