Leben, ohne lesen zu können. 200.000 Erwachsene in NÖ verstehen simple Texte nicht. Matthias und Bernhard mussten ganz ohne Schrift auskommen. Warum sie nicht lesen lernten, und was das im Alltag heißt.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 30. Juli 2021 (05:18)
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Fragezeichen über Fragezeichen werfen schriftliche Texte für rund200.000 Niederösterreicher auf. So viele Menschen können hierzulande, Schätzungen des BhW auf Grundlage der jüngsten PIAAC-Studie zufolge, nicht ausreichend lesen.
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„Ein Schnitzl und ein Cola, bitte“, sagt Matthias*. Diese Bestellung wiederholt er bei fast jedem seiner Restaurant-Besuche. Wenn er auf das klassische Menü doch einmal keinen Gusto hat, fragt er den Kellner nach einer Empfehlung. Die Speisekarte liest der 19-Jährige nie. Lange konnte er das nicht. Er hat, obwohl er in Niederösterreich aufgewachsen ist und neun Jahre in die Schule ging, nicht Lesen und Schreiben gelernt.

Trotz der herrschenden Unterrichtspflicht ist Matthias damit nicht alleine. Wie viele Menschen in Österreich ohne Schrift auskommen müssen, wird gerade im Zuge eines OECD-Projektes erforscht. Die Vorgängerstudie zeigte, dass 970.000 Menschen zwischen 16 und 65 Jahren eine niedrige Lesekompetenz haben. „Das bedeutet, dass sie langsam Buchstaben zu einem Wort verbinden, aber keinen einfachen Text verstehen können“, sagt Michael Lindenhofer von der Erwachsenenbildungseinrichtung

„Meine Unterschrift habe ich mir nach der Schule selbst beigebracht.“ Bernhard (30)

BhW NÖ. Laut dessen Schätzung sind alleine in NÖ 200.000 Erwachsene betroffen. Einige von ihnen können gar nicht lesen und schreiben. Die neuen Daten zum funktionalen An alphabetismus werden in einigen Monaten erwartet. „Sinken wird die Zahl nicht. Im Gegenteil“, sagt Lindenhofer voraus.

550 Teilnehmer in Basisbildungskursen

Die Kulturtechniken auch im Erwachsenen-Alter ganz frisch lernen oder die Fähigkeiten verbessern können Betroffene etwa im BhW. Das Institut bietet an 18 Standorten im Land Kurse an. Inhaltlich reichen die von der Alphabetisierung bis hin zur sprachlichen Führerschein-Vorbereitung. 550 Niederösterreicher haben das 2020 genutzt.

Matthias besucht seit vier Jahren verschiedene Kurse. Entschlossen hat er sich dazu, als er eine Lehre begann. Heute verzeichnet er erste Erfolge: Die Speisekarte liest er mittlerweile nur noch aus Gewohnheit nicht. Probleme bereitet sie ihm keine mehr. „Zumindest, solange sie nicht in Schreibschrift ist“, sagt der St. Pöltner. Auch die Anzeigentafel am Bahnhof kann er nun problemlos lesen, genau wie Infos im Internet. „Früher habe ich alles mit Sprachsteuerung am Handy gelöst. Ich habe etwas gesagt, das Handy hat es geschrieben oder die Antwort vorgelesen. Man kann locker leben, ohne lesen zu können.“

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Michael Lindenhofer vom BhW hat in seiner Berufslaufbahn schon viele Niederösterreicher kennengelernt, die erst im Erwachsenenalter Lesen und Schreiben lernten.
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In der Schulzeit hat sich der St. Pöltner, der sich mündlich gut ausdrücken kann, auf seine handwerklichen Fähigkeiten konzentriert. In dem Bereich ist er heute vielen überlegen. „Ich war in einer Privatschule, deshalb war das möglich. Lesen und Schreiben haben mich nie interessiert.“ Seine Schulkollegen und Lehrer hätten gewusst, dass Matthias beides nicht beherrscht.

Ähnlich ging es Bernhard*. Der heute 30-Jährige lernt ebenfalls seit zwei Jahren in einem Basisbildungskurs Lesen und Schreiben. Einfache Wörter, die er häufig sieht, kann der Hollabrunner entziffern. „Einen ganzen Text kann ich nicht lesen“, sagt er leise. Die Ursache sieht er in seiner Volks- und Hauptschulzeit. Lehrer hätten ihn als dumm abgestempelt, die Eltern seien mit sich selbst beschäftigt gewesen. „Meine Unterschrift habe ich mir nach der Schule selbst beigebracht“, erzählt er.

Gründe, warum erwachsene Menschen nie lesen und schreiben gelernt haben, hat Lindenhofer in seiner Berufslaufbahn viele erfahren. In einigen Fällen liegen Lernschwächen dahinter, in anderen verursacht etwa eine lange Krankheit in der Schulzeit Lücken, die nicht wieder gefüllt werden können. Es gebe aber auch Familien, in denen Schrift einfach keine Rolle spielt. Häufig sind auch Migranten betroffen, die keine Schule besuchen konnten.

Die vergessene Brille dient oft als Ausrede

Matthias hat aus seinem Analphabetismus nie ein Geheimnis gemacht. „Ich sage es allen. Alles andere würde nur innerlichen Stress auslösen.“ Verträge wie jenen für seine Wohnung nimmt er mit nach Hause. In solchen Fällen hilft ihm bis heute seine Mutter. Gewöhnlich ist der offene Umgang mit diesem Thema aber nicht, weiß Lindenhofer. Für viele Betroffene ist es mit Scham verbunden – was auch der Grund sein könnte, warum sich vergleichsweise wenige Betroffene in Kursen oder bei Anlaufstellen melden. Unangenehm ist seine Schwäche auch Bernhard. „Ich sage es bei Behörden, da habe ich keine andere Option. Sonst habe ich mich nur einer einzigen Person anvertraut.“

Weil es in unserer Gesellschaft als ganz selbstverständlich gilt, lesen und schreiben zu können, entwickeln Betroffene Strategien, um ihre Schwäche zu verstecken. „Oft so gut, dass es nicht einmal der eigene Partner weiß.“ Als häufige Ausrede müssen Sehschwächen herhalten. „Typisch ist, dass jemand fragt, ob man etwas vorlesen kann, weil er oder sie seine Brille vergessen hat“, sagt Lindenhofer, der von einem ehemaligen Kursteilnehmer erzählt, der es ohne Schrift sogar in die Selbstständigkeit geschafft hat.

Dieses Ziel hat sich auch Matthias gesetzt. Er will sein handwerkliches Talent zum Beruf machen. Bei dazu nötigen Verträgen will er sich auf niemand anderen verlassen. „Die will ich selbst lesen.“ Deshalb wird er weiterhin im BhW die Kursbank drücken. * Die vollen Namen sind der Redaktion bekannt.