Wie es ist, nichts zu hören und nicht gehört zu werden

In Niederösterreich leben mehr als 320.000 Menschen mit einer Hörbehinderung. Gebärdensprachdolmetscher und -dolmetscherinnen wie Sabine Zeller unterstützen sie im Alltag. Dennoch müssen Gehörlose täglich Herausforderungen meistern, über die hörende Personen gar nicht erst nachdenken.

Erstellt am 10. Januar 2022 | 14:03
Lesezeit: 5 Min
Gebärdensprache Alphabet
Gehörlose verständigen sich mittels Gebärdensprache
Foto: Christina Glatz

Wie „hören“ gehörlose Menschen ihren Wecker? Wie erfahren Gehörlose von wichtigen Lautsprecherdurchsagen? Und wie wählen gehörlose Menschen den Notruf? Viele Dinge sind für hörende Menschen selbstverständlich, Gehörlose müssen sich jedoch eigene Lösungen suchen. In Österreich leben rund 450.000 Menschen mit einer Hörbehinderung. Allein in Niederösterreich sind 1.600 Personen gehörlos, weitere 319.000 Niederösterreicher und Niederösterreicherinnen sind schwerhörig. Obwohl viele Einrichtungen und Projekte Gehörlose im Alltag unterstützen, gibt es immer noch viele Hindernisse zu meistern.

Eine Sprache für Gehörlose

Die österreichische Gebärdensprache (ÖGS) erleichtert die Kommunikation mit gehörlosen Menschen. Sie gilt seit 2005 als eigenständige Sprache in Österreich. Da jedoch nur sehr wenige Österreicher und Österreicherinnen diese Sprache beherrschen, benötigt es Gebärdensprachdolmetscher und -dolmetscherinnen. Der Österreichische Gebärdensprach-DolmetscherInnen- und -ÜbersetzerInnen-Verband (ÖGSDV) hat mittlerweile über 120 Mitglieder, die Gehörlose im Alltag unterstützen.

Sabine Zeller kommt aus St. Pölten und ist seit 20 Jahren selbstständige Dolmetscherin für Gebärdensprache: „Als Dolmetscherin hat man eine sehr große Verantwortung – man muss die Person, für die man dolmetscht, gut kennen und Vertrauen zu ihr aufbauen.“ Zellers Eltern waren gehörlos, sie selbst kann hören und hat die Gebärdensprache im Laufe ihrer Kindheit erlernt. Bevor sie sich als Dolmetscherin selbstständig gemacht hat, war sie mehrere Jahre als Lehrerin tätig. Nun dolmetscht sie vor allem in der Politik und im Veranstaltungsbereich, aber auch in alltäglichen Situationen wie bei Behördenwegen und Arztbesuchen.

Wenig Unterstützung in der Schule

Die meisten gehörlosen Kinder wachsen heutzutage mit der österreichischen Gebärdensprache als Muttersprache auf. Dennoch gibt es kein Gesetz, dass das Recht auf eigene Schulen und Bildungseinrichtungen für Gehörlose absichert. Viele Kinder werden daher in integrativen Klassen gemeinsam mit hörenden Kindern unterrichtet. Dabei wird hauptsächlich auf die Vermittlung von Lautsprache und das richtige Artikulieren Wert gelegt. Durch Lippenlesen können jedoch nur etwa 30% der gesprochenen Inhalte transportiert werden, wodurch viele Informationen verloren gehen. Zudem werden gehörlose Kinder oft nach dem allgemeinen Sonderschullehrplan unterrichtet, obwohl sie keine zusätzliche (geistige) Behinderung aufweisen. Gehörlose Kinder erhalten damit in der Schule nicht die Unterstützung, die sie benötigen.

Bilingualer Unterricht

Obwohl die ÖGS seit über 15 Jahren als eigenständige Sprache gilt, wird sie in den meisten Bildungseinrichtungen in Österreich nicht praktiziert. Weniger als jedes zehnte hörbeeinträchtigte Kind erhält Unterricht in ÖGS. Aus einem Positionspapier des Österreichischen Gehörlosenbundes (ÖGLB) geht hervor, dass Gehörlose und schwerhörige Kinder „in ihrer schulischen Ausbildung mit erheblichen kommunikativen und sozialen Barrieren konfrontiert [sind].“

Bereits seit mehreren Jahren fordert der ÖGLB daher die Einführung eines bilingualen Unterrichts für hörbehinderte Kinder. Dabei würde neben der Laut- und Schriftsprache vor allem auch die österreichische Gebärdensprache vermittelt werden. Durch bilingualen Unterricht für gehörlose Kinder könne nicht nur Wissen besser vermittelt werden, es würde auch den sozialen Kontakt stärken und Sprachbarrieren beseitigen. Es gibt bereits seit mehreren Jahren entsprechende Lehrpläne, die bis jetzt jedoch noch nicht umgesetzt wurden.

"Gehörlosen Menschen war es lange nicht möglich, an der pädagogischen Akademie zu studieren."

Technische Möglichkeiten erhöhen Bildungschancen

Durch die fehlende Unterstützung an Schulen gestaltet sich der Berufseinstieg für Gehörlose umso schwieriger. Lange Zeit waren handwerkliche Tätigkeiten die einzige Möglichkeit für Gehörlose einen Beruf auszuüben. Besonders beliebt waren die Berufe Tischler, Schneider, Schuster und Maler. Abgesehen von den Berufen Schneider und Schuster gab es jedoch keine spezielle Ausbildung für Menschen mit einer Hörbehinderung. Heute erhalten Gehörlose weitaus mehr Unterstützung in ihrer Berufsausbildung und auch im Hochschulbereich haben sich die Bildungschancen erweitert.

„Gehörlosen Menschen war es lange nicht möglich, an der pädagogischen Akademie zu studieren, da es einen Eignungstest gab, bei dem man singen und musizieren musste – und das ist schwierig, wenn man nichts hört“, bedauert Sabine Zeller. Das hat sich mittlerweile geändert. Nun sollen auch Gehörlose die Chance erhalten, im pädagogischen Bereich zu arbeiten. Zurzeit gäbe es jedoch leider noch zu wenige, die diese Möglichkeit in Anspruch nehmen. Auch in weiteren Fachbereichen haben sich einerseits durch die Hilfe von Dolmetschern und Dolmetscherinnen, andererseits durch die technischen Möglichkeiten neue Berufswege für Gehörlose erschlossen.

So gibt es mittlerweile Gehörlose in der Sozialarbeit, Pharmazie und Psychologie. Doch auch beim Einstieg in das Berufsleben sind Gehörlose auf die Hilfe von Dolmetschern und Dolmetscherinnen angewiesen. „Besonders Bewerbungsgespräche sind eine sehr heikle Angelegenheit für Dolmetscher, da man ein Bild von der gehörlosen Person transportieren muss. Wir müssen sehr präzise sein“, berichtet Sabine Zeller.

Taube Dolmetscher und Dolmetscherinnen

Ein besonders spannender Arbeitsbereich ist der Beruf des tauben Dolmetschers. Das sind Gehörlose oder schwerhörige Personen, die eine Ausbildung zum Gebärdensprachdolmetscher absolviert haben. Sie arbeiten vorwiegend gemeinsam in einem Team mit hörenden Gebärdensprachdolmetschern. In gewissen Bereichen, wie z.B. bei Sportveranstaltungen oder Konferenzen, dolmetschen sie auch allein. Die Besonderheit bei tauben Dolmetschern ist, dass sie meist mit der österreichischen Gebärdensprache als ihre Muttersprache aufgewachsen sind und daher ein sehr feines und intuitives Sprachverständnis besitzen.

Des Weiteren verfügen sie über ein breites Wissen und Verständnis gegenüber der Gehörlosenkultur. Die Anwesenheit eines tauben Dolmetschers kann einen positiven psychologischen Einfluss auf gehörlose Kunden haben. Taube Dolmetscher werden vor allem in der Kommunikation mit Gehörlosen eingesetzt, die nur über geringe Gebärdensprachkenntnisse verfügen. Sie verfügen über Intuition und Expertenkenntnisse, die sich hörende Dolmetscher nicht in diesem Ausmaß aneignen können. Sabine Zeller betont die Notwendigkeit von tauben Dolmetschern: „Das kann ich als hörende Dolmetscherin niemals so gut wie jemand, der selbst gehörlos ist.“

Die Verantwortung der Hörenden

Während hörende Menschen vieles für selbstverständlich ansehen, müssen Gehörlose in ihrem Alltag viele Barrieren überwinden und auf so manches verzichten. Es liegt in der Verantwortung der Gesellschaft, sich der unterschiedlichen Bedürfnisse der Mitmenschen bewusst zu werden und anderen Menschen mit Empathie zu begegnen. Sabine Zeller findet die richtigen Worte: „Ich wünsche mir, dass gehörlose Personen nach eigenen Bedürfnissen agieren können und die Freiheit haben, die Angebote, die es gibt, ohne größeren Aufwand zu nutzen.“

Dieser Beitrag wurde in einer Lehrveranstaltung im Zuge einer Kooperation mit dem Bachelor-Studiengang Medienmanagement an der FH-St. Pölten erstellt.