Ernst Geiger: „Krimis lese ich nur selten!“

Mit dem Buch „Heimweg“ versucht sich Ex-Chefermittler Ernst Geiger als Krimiautor. Ein Gespräch über große Fälle, die Pension und seine Kartenspielrunde.

Erstellt am 13. Oktober 2021 | 00:01
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Ex-Chefermittler Ernst Geiger aus Puchberg veröffentlichte mit „Heimweg“ sein erstes Buch im Verlag „edition a“.
Foto: Foto Lukas Beck, „edition a“

Als einstiger Spitzenpolizist war Ernst Geiger federführend an der Aufklärung vieler berühmter Kriminalfälle beteiligt – nicht zuletzt leitete der gebürtige Wiener Neustädter, der heute in Puchberg am Schneeberg lebt, die Ermittlungen im Fall Jack Unterweger. In seinem ersten Buch „Heimweg“ widmet sich der 67-Jährige den sogenannten „Favoritner Mädchenmorden“ – sexuell motivierte Gewaltverbrechen, die in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren ein ganzes Land in Atem hielten.

NÖN: Sie haben sich ein Berufsleben lang mit Kriminalität befasst – darunter mit der Öffentlichkeit gut vertrauten Fällen wie Jack Unterweger oder dem Saliera-Diebstahl. Warum hat Sie das Thema – trotz Pension – nicht losgelassen, sodass Sie jetzt sogar ein Buch, das die sogenannten „Favoritner Mädchenmorde“ thematisiert, geschrieben haben?
Ernst Geiger: Wenn man so lange mit Kriminalfällen befasst ist und so tiefe Einblicke in menschliche Abgründe gewinnt, kann man sich auch im Ruhestand nicht ganz davon lösen. Ich habe viele große Fälle erlebt – dass ich gerade diesen für das Buch ausgewählt habe, hat damit zu tun, dass es mein erster großer Fall war. Und dass ich daran fast gescheitert wäre.

Und warum wären Sie fast daran gescheitert?
Geiger: Das war mein erster großer Mordfall, und obwohl wir den Täter anfangs im Visier hatten, konnten wir den Fall lange nicht klären. Das ist erst nach zwölf Jahren gelungen.

Hätte es auch andere Fälle gegeben, die für das Buch in Frage gekommen wären?
Geiger: Es gab viele verschiedene Kriminalfälle – bekannte und unbekannte. Wir hatten oft sehr spektakuläre Mordfälle, die sind heute eher seltener geworden. Stattdessen gibt es heute viele – menschlich sehr tragische – Beziehungstaten, die aber kaum Aufklärungsarbeit erfordern. Früher gab es mehr komplexe Fälle, wenn ich etwa an Jack Unterweger denke, der insgesamt elf Morde verübt hat – und das in vielen verschiedenen Ländern und sogar auf zwei Kontinenten.

Serienmörder eignen sich für Krimis einfach gut Ernst Geiger, Ex-Chefermittler und Autor

Die sogenannten „Favoritner Mädchenmorde“, die Sie in Ihrem Buch thematisieren, haben damals ganz Österreich in Atem gehalten. Heute hat man den Eindruck, dass Serienmörder schon in jedem zweiten Krimi vorkommen, fast schon lustvoll inszeniert werden. Finden Sie das seltsam?
Geiger: Serienmörder eignen sich für Krimis einfach sehr gut. Aber gäbe es tatsächlich so viele, wären wir schlecht dran. Krimis vermitteln oft den Eindruck, dass an jeder Ecke ein Serienmord passiert – das ist Fiktion und hat mit der Realität eigentlich gar nichts zu tun.

Wie viel wahre Begebenheit findet sich in Ihrem Buch, wie viel Fiktion ist dabei?
Geiger: Im Prinzip basiert das Buch auf drei Mordfällen, die alle Faktum und tatsächlich so passiert sind. Auch die Ermittlungen beschreibe ich so, wie sie sich dargestellt haben. Aber natürlich hat ein Roman andere Gesetze als ein Polizeibericht, es braucht auch die spannenden Elemente. Das Schwierige an der Sache war ja, dass der Fall nicht in ein paar Stunden, Tagen oder Wochen aufgeklärt war, sondern dass sich das alles über zwölf Jahre erstreckt hat. Natürlich kommt in dem Buch Fiktion hinzu – etwa in den Bereichen, wo es um die Täter geht. Da braucht man eben die Fantasie: Wie könnte es gewesen sein? Welche Überlegungen könnte der Täter gehabt haben?

Wenn Sie Fälle nicht gänzlich klären konnten – konnten Sie dann persönlich trotzdem damit abschließen?
Geiger: Tatsächlich konnten wir nicht alle Fälle restlos klären, und manchmal war es schwer, damit umzugehen. Die Vielzahl der Fälle, die wir aufklären konnten, hat das aber wieder relativiert. Manche Details bleiben einem ewig in Erinnerung, das bringt man nie ganz weg.

Inwiefern hat sich der Beruf des Kriminalisten in all den Jahren verändert? Geht es da nur um die neuen technischen Möglichkeiten?
Geiger: Dem widme ich mich auch in meinem Roman, der sich ja auch über einen längeren Zeitraum erstreckt. 1988 – hier beginnt das Buch – steckt man kriminaltechnisch sowie ohne IT-Ausrüstung noch in den Kinderschuhen. Gefragt ist zu dieser Zeit der engagierte Ermittler mit hoher Menschenkenntnis, der Verhörspezialist. Die technische Entwicklung kam dann mit dem Fall Jack Unterweger – das war der erste Fall, in dem wir mithilfe von DNA-Spuren vorgehen konnten, und es hat die Ermittlungen revolutioniert. Heute ist die Kommunikationstechnologie dazugekommen. Mussten früher hunderte Kalendereintragungen überprüft werden, ist der Mensch heute viel gläserner. IT-Spezialisten sind aus der Ermittlungsarbeit nicht mehr wegzudenken.

Ernst Geiger, Heimweg
edition a

Inwiefern hat sich denn eigentlich die Kriminalität selbst verändert – politisch sind immer wieder die Femizide ein Thema, von denen es in Österreich heuer bereits 21 gab.
Geiger: Zweifelsohne hat sich die Kriminalität verändert. Früher gab es viel mehr Morde. Zu meiner Zeit als Leiter der Wiener Mordkommission hatten wir 40 bis 50 vollendete Tötungsdelikte jedes Jahr. Femizide gab es auch schon damals, sie wurden nur anders genannt. Bei den Tötungsdelikten waren schon früher die Hälfte der Opfer weiblich. Das hat dazu geführt, dass das Gewaltschutzgesetz eingeführt wurde. Heute stehen Femizide auch deshalb im Vordergrund, weil es kaum mehr Morde an Männern gibt.

Sie sind seit dem Jahr 2017 in Pension – werden Sie eigentlich bei Ermittlungsarbeiten trotzdem noch manchmal zu Rate gezogen?
Geiger: Nein, denn die Jungen können das genauso gut. Ich habe einen sehr guten Kontakt mit meinen Nachfolgern, wir treffen uns auch regelmäßig, aber da reden wir über andere Dinge.

Geht Ihnen Ihr Job ab oder sind Sie gerne Pensionist?
Geiger: Mein Job geht mir nicht ab – ich bin froh, jetzt in einer anderen Lebensphase zu sein. Ich bin zu meinen Wurzeln zurückgekehrt, ins Schneebergdörfl (Gemeinde Puchberg am Schneeberg, Anm. d. Red.), wo ich einst aufgewachsen bin und als Kind gelebt habe. Ich sehe den Schneeberg, alte Schulfreunde und bin viel in der Natur unterwegs. Das ist auch sehr schön.

Wird es einen zweiten Geiger-Krimi geben – oder ein Sachbuch, etwa über gute Ermittlungsarbeit?
Geiger: Schauen wir einmal, wie das erste Buch ankommt. Themen gäbe es mehrere, aber etwas Konkretes ist nicht geplant.

Haben Sie ein literarisches Vorbild?
Geiger: Nein, aber ich lese grundsätzlich sehr gerne, am liebsten österreichische Literatur, aber auch Englischsprachiges. Krimis lese ich selten.

Warum?
Geiger: Weil ich selbst so viele Kriminalfälle erlebt habe. Ich bewundere die Krimiautoren ja um ihre Vorstellungskraft und dass sie so gut und spannend schreiben können. Bei mir war es ja genau umgekehrt. In meiner Freizeit befasse ich mich einfach gerne mit anderen Sachgebieten.

Und wenn Sie sich dann doch mit einem Krimi befassen – geht die Geschichte, aus Ihrer Sicht, völlig an der Realität vorbei oder ist das schon auch stimmig?
Geiger: Die Krimis sind gut gemacht, aber die Realität schaut schon anders aus – man kann das aber auch nicht so schreiben, schließlich dauert reale Polizeiarbeit sehr viel länger, oft sogar Jahre. Wirkliche Polizeiarbeit besteht viel mehr aus Schreiben und weniger aus Action.

Blieb während der Arbeit an Ihrem Buch eigentlich noch Zeit für Ihre Kartenspielrunde?
Geiger: Ja. Ich habe ja sogar zwei Runden – einmal Schnapsen, einmal Tarock. Fürs Kartenspielen nehme ich mir immer Zeit.