Birol Kilic: „Vor Missbrauch der Religion gewarnt“. Für Islam-Experten war Anschlag „nicht zufällig“. Muslime in Österreich geschockt.

Von Walter Fahrnberger. Erstellt am 18. November 2020 (04:55)
Ein Kerzenmeer an den Tatorten erinnert an den Terroranschlag in der Wiener Innenstadt. Der von der Polizei getötete Attentäter war ein 20-jähriger IS-Sympathisant.
APA/Fohringer

Zwei Wochen nach dem Terroranschlag in Wien, bei dem vier Menschen getötet wurden, laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Die Frage, ob der getötete Attentäter im Vorfeld auch Helfer bzw. Mitwisser hatte, ist noch nicht geklärt.

Spuren des Täters Kujtim F. hatten sehr bald auch nach Niederösterreich geführt, wo es in St. Pölten einige Hausdurchsuchungen und Verhaftungen gegeben hat. Die Suche nach Fehlern im Vorfeld beschäftigt unter anderem die NÖ Landespolitik .

„Die Muslime werden jetzt unter Generalverdacht gestellt“, so Birol Kilic.
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Großer Schock herrscht auch unter den Muslimen in Österreich, wie Birol Kilic, Präsident der türkischen Kulturgemeinde in Österreich, gegenüber der NÖN berichtet: „Wir werden jetzt unter Generalverdacht gestellt. Der Großteil von uns verurteilt aber jeglichen Missbrauch der Religion und ist gegen Terror.“

Viele Moscheen werden für Radikalisierung junger Muslims missbraucht

Wie Kilic betont, sei der Anschlag aber in Österreich nicht zufällig passiert: „Die Extremisten nutzen Österreich als Hinterland des verfassungsfeindlichen politischen Glaubens. Hier konnten Vereine bzw. Organisationen (sogar Firmen) gegründet werden, die eine gemeinsame Eigenschaft haben: Sie waren und sind in der Türkei gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung. Diese Vereine, Sekten bzw. Parteien kämpfen sukzessiv gegen die liberale, wehrhafte Demokratie unter dem Vorwand, ein Feuerlöscher zu sein, obwohl sie Brandstifter sind“, sieht Kilic auch Fehler der Politik und der Behörden. Er habe vor diesem Missbrauch der Religion seit über 25 Jahren gewarnt.

Der bekennende Erdogan-Gegner sieht, dass viele Moscheen in Österreich für die Radikalisierung von jungen Muslims missbraucht werden. So sei das auch bei dem 20-jährigen Attentäter von Wien passiert. Als Problem ortet Kilic, der unter anderem eine türkisch-sprachige Zeitung herausgibt, auch die Deradikalisierungsvereine bzw. einige Integrationsexperten, die seiner Meinung nach „nicht neutral“ wären.