Das unheilige Duell zwischen Koloman und Leopold. Ein irischer Pilger oder ein bedeutender Landesfürst? Wer in Niederösterreich als Landespatron verehrt wird, war in früheren Zeiten auch eine machtpolitische Frage.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 12. Mai 2021 (15:55)

Die Pilgerschaft ist für die Christen der Antike und des Mittelalters von großer Bedeutung. Es ist kein Zufall, dass im Mittelalter ein Pilger erster „Patronus Austriae“, also Landespatron, wird. Der Schotte Koloman ist, so will es die Überlieferung seit dem 12. Jahrhundert, ein Pilger auf dem Weg ins Heilige Land. Die Bevölkerung verdächtigt ihn, als Spion die Möglichkeiten für Angreifer auszuspionieren. In erster Linie wird es aber schlicht die Fremdheit gewesen sein, die ihn verdächtig machte.

Koloman spricht die Sprache der Personen, die ihn befragen nicht; Richter, die im Auftrag des Markgrafen agiert hätten, hatten ja keine Gelegenheit mehr, ihn zu befragen, weil man ihn vor deren Eintreffen hingerichtet hat. Genau das aber ruft dann den Markgrafen, der ja auch oberster Gerichtsherr ist, auf den Plan. Wunder sollen sich ereignet haben: Der Leichnam verwest nicht. Als ein Vater im Traum aufgefordert wird, Fleisch von diesem abzuschneiden und es auf die lahmen Glieder seines Sohnes zu legen, fließt frisches Blut.

Das Grab, in das man den Toten dann doch gelegt hat, wird vom Hochwasser nicht eingenommen. Der Leichnam wird exhumiert und in die Burg nach Melk gebracht. Dort wird Koloman seit damals verehrt: Schon im 12. Jahrhundert wird sein Grab von einen Wallfahrer aufgesucht, den seligen Berthold von Garsten.

Ein Bistum für die Babenberger

Im 13. Jahrhundert startet Herzog Leopold VI. Initiativen für die Errichtung eines Landesbistums. Dafür braucht er einen Heiligen für seine neue Diözese: Er versucht für den heiligen Koloman eine „Kanonisation“ zu erreichen. Seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert gibt es dafür in der Kirche ein eigenes Verfahren. Die Verehrung wird dem Bistum Passau erlaubt. Die Bistumspläne sind aber mit dem Aussterben der Babenberger in der männlichen Linie im Jahr 1246 zunächst vom Tisch.

Der Habsburger-Herzog Rudolf IV. der Stifter bemüht sich um eine Übertragung des Leichnams Kolomans nach St. Stephan in Wien. Die Melker allerdings bleiben hart und geben ihren Heiligen nicht her, Rudolf muss sich mit einer Berührungsreliquie begnügen. Er lässt beim „Bischofstor“ der Stephanskirche etwa auf Augenhöhe jenen Stein einmauern, auf dem Koloman in Stockerau die Schienbeine zersägt worden sein sollen.

Am Ende des Mittelalters verschieben sich die Prioritäten. Der unmittelbare Bezug zu politischen und religiös bedeutenden Vorfahren spielte für Kaiser Maximilian eine große Rolle. 118 Selige und 89 Heilige werden in seiner Zeit in den „Habsburgerstammbaum“ aufgenommen, in dem sich auch viele erdichtete Verbindungen finden. Die Bemühungen Maximilians richten sich gezielt auch auf die „Austria Sancta“, das „Heilige Österreich“. Unmittelbar nach seiner Regierungszeit wird ein Holzschnitt hergestellt, der wichtige Heilige Österreichs abbildet: die beiden Bischöfe Quirinus und Maximilian von Lorch, den legendären römischen Beamten und Märtyrer Florian, den „Apostel Österreichs“ Severin, den Märtyrer Koloman, den Babenberger-Markgrafen Leopold.

Für Koloman ist damit ein Konkurrent auf den Plan getreten. Er behält zwar bis zum Jahr 1683 offiziell die Position des Landespatrons inne, allerdings beginnt spätestens im Jahr 1485, also ab der Zeit, in der Markgraf Leopold offiziell „kanonisiert“ wurde, auch die Diskussion in der Frage des Vorrangs. Da ist zum einen der Markgraf, der das Gebiet des heutigen Österreichs im Reich zu einer bedeutenden Stellung führte und Klöster gründete, und auf der anderen Seite der Heilige ohne „Familie“, Koloman. Das gilt als Makel. In Melk hält man dagegen: Man hat angeblich aus dem schottischen Kloster Dunfermline, wo Margarethe von Schottland und König Malcolms III., die angeblichen Eltern Kolomans, begraben sind, wird ein Stammbaum geholt, der auch Koloman eine entsprechende Abstammung sichern soll.

Leopold, der Österreicher

Markgraf Leopolds III. Verehrung ist durch zahlreiche Handschriften bereits für das 14. Jahrhundert belegt.Kaiser Friedrich III. und das Stift Klosterneuburg erlangen schließlich die „Kanonisation“, seine Aufnahme in den Kreis der Heiligen. 1485 wird in einer Ehrenrede die besondere Bescheidenheit und Klugheit Leopolds gelobt. Herausgestrichen wird auch, dass schon Papst Innocenz II. der Witwe Leopolds gegenüber seine Tugend betont habe.

1508 wird Leopold feierlich „erhoben“ und in Klosterneuburg in einer Prozession in die Kirche, an den Platz, an dem er ruhen soll, gebracht. Leopold ist ein Heiliger auch mit politischem Österreich-Bezug. 1675 wird in einer Festpredigt sogar vorgeschlagen, die Buchstaben-Reihe „A.E.I.O.U“ als Bezug auf das Leben Leopolds zu deuten – und mit den solcherart aufgeladenen Buchstaben die fünf „Lerchen“ im Niederösterreichischen Landeswappen zu ersetzen.   

Die Leopold-Verehrung ist da am Höhepunkt: 1683 wird der Namenspatron Kaiser Leopolds I. zum Landespatron ernannt. Der kaiserliche Wille ist eine Sache, die liturgischen Schriften sind eine andere. Denn sieht man Kalender- und Martyrolog-Drucke des 18. Jahrhunderts im Bistum Wien durch, so steht hier Koloman immer noch als der „Patronus Austriae“ vermerkt. Hier bildet sich eine andere Realität ab: Die Resilienz derjenigen, die den Heiligen auch weiterhin verehren wollen.