Widerstand gegen NS-Regime im Zeichen des Glaubens. Wie der spätere Kardinal Franz König in St. Pölten jungen Menschen neue Hoffnung gab – und Geistliche für ihren Glauben ihr Leben aufs Spiel setzten. 

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 15. Mai 2021 (07:33)
Der große Wendepunkt: Der Wiener Kardinal Theodor Innitzer sprach sich öffentlich für den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich aus. Bei der nachträglichen Volksabstimmung am 10. April 1938 stimmte er mit „Ja“.
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Als die Nationalsozialsten im März 1938 in Österreich die Macht übernahmen, war es vor allem der Wiener Kardinal Theodor Innitzer, der den Kontakt mit der nationalsozialistischen Führung suchte, um für die katholische Kirche eine günstige Ausgangsposition zu erwirken. Für den 18. März berief er die österreichischen Bischöfe zu einer Konferenz nach Wien. Dabei konnte der damalige Gauleiter Bürckel den Bischöfen eine Erklärung für den Anschluss Österreichs an Deutschland am 10. April 1938 abringen.

Dass diese Zustimmung aber nicht einhellig bzw. ganz freiwillig war, sieht man am Beispiel der Diözese St. Pölten. Dieser Erklärung vom 21. März musste der Wortlaut „Aus innerster Überzeugung und freiem Willen“ vorangestellt werden, den man in der Diözese St. Pölten aber bewusst wegließ. Bereits am 29. März musste die Erklärung auf Geheiß der neuen Führung, nun mit diesem Zusatz, erneut abgedruckt und verlautbart werden. Für den Großteil der Bevölkerung war dieser Widerstand wohl nicht sichtbar, für den Klerus der Diözese und die katholische Bildungsschicht war es aber ein klares Zeichen.

Prozessionen wie die Auferstehungsprozession am St. Pöltner Domplatz 1944  waren stark eingeschränkt. Das gehörte zum Ziel des antiklerikalen Parteiprogramms der Nationalsozialisten. Auch kirchliche Vereine wurden verboten und es wurde sogar versucht, dem Weihnachtsfest den christlichen Geist zu entziehen.
Diözesanarchiv St. Pölten

Der Nationalsozialismus war schon aufgrund seines Parteiprogrammes antiklerikal, was auch an vielen Maßnahmen zu sehen war. Es gab Einschränkungen bei Prozessionen, kirchliche Vereine wurden verboten und auch das Weihnachtsfest wurde zu einem reinen Fest der Wintersonnenwende, dem Julfest, ideologisch umgedeutet. Der katholischen Kirche wurden die staatlichen Zuwendungen entzogen, die ihr aufgrund der josephinischen Reformen zustanden.

Von der Einführung des Kirchenbeitrages erhoffte sich die nationalsozialistische Führung eine Abkehr von der katholischen Kirche. Sicher gab es auch im St. Pöltner Klerus einzelne Stimmen, die den Nationalsozialismus begrüßten, der Großteil stand dieser Bewegung aber ablehnend gegenüber. Besonders der damalige Bischof Memelauer war schon vor dem Anschluss der Meinung, dass die Kirche nicht die Nähe einer politischen Partei suchen sollte.

Die Silvesterpredigt 1941

Als die deutschen und österreichischen Bischöfe aus immer mehr Berichten erfuhren, dass Kranke und Behinderte aus wirtschaftlichen oder medizinischen Gründen in Anstalten, wie im oberösterreichischen Hartheim, getötet wurden, versuchte man dagegen Stellung zu beziehen. Aufgrund der zu befürchtenden Repressalien geschah dies nur in sehr abgemilderter Form. Erst Bischof Galen von Münster fand in seinem Hirtenbrief und in einer Predigt am 3. August 1941 klare Worte. Auch Bischof Memelauer nahm in der Silvesterpredigt des Jahres 1941 im St. Pöltner Dom offen zur praktizierten Vernichtung „unwerten Lebens“ Stellung.

Hier sprach er die treffenden Worte: „Vor unserem Herrgott gibt es kein unwertes Leben.“ Bischof Memelauer verurteilte hier auch die vielen Übergriffe auf Gläubige, Geistliche und kirchliche Einrichtungen und stellte diese Taten des Nationalsozialismus provokant mit jenen des Bolschewismus gleich. Die Predigt hinterließ bei vielen Besuchern des Gottesdienstes großen Eindruck. Die befürchteten Maßnahmen durch die Gestapo blieben aber glücklicherweise aus.

Mit dem Anschluss an Deutschland wurden in Österreich alle nicht nationalsozialistischen Vereine verboten. Dies traf besonders die katholische Kirche mit ihren zahlreichen Vereinen, gerade auch im Kinder- und Jugendbereich, und nur allzu oft gab es Konflikte mit der lokalen NS-Führung wegen der Ministranten.

Die katholische Jugendgruppe unter Kardinal Franz König

1940 versuchten einige junge Burschen aus St. Pölten und Ober-Grafendorf dennoch Glaubensstunden und Jugendmessen zu organisieren.

Die katholische Jugendgruppe aus St. Pölten und Ober-Grafendorf übte sich in leisem Widerstand. Unterstützt wurde sie von Franz König, damals Domkurat. Das Foto zeigt die Gruppe bei einem Ausflug nach Mariazell im Jahr 1943.
Diözesanarchiv St. Pölten

Sie entwickelten ein Fünf-Punkte-Programm, wobei besonders der zweite Punkt als Gegenentwurf zur nationalsozialistischen Weltanschauung zu sehen war: „Wir wollen uns nicht zu einem Normaltyp degradieren lassen und Massenmenschen werden, sondern uns bemühen Wertmenschen zu werden.“ Als Unterstützer fanden sie den damaligen Domkuraten in St. Pölten und späteren Kardinal Franz König. Am 15. März 1940 kam es dann zur ersten Seelsorgestunde im Dom, die erste Jugendmesse wurde am 16. Juni 1940 in der Prandtauerkirche durchgeführt.

Im Laufe der Zeit konnten immer mehr Teilnehmer, vor allem auch Mädchen, gewonnen werden und auch in anderen Pfarren, wie z. B. in Kirchberg an der Pielach, begannen sich kleine Gruppen der „Jungen Kirche“ zu bilden. Die gesamte Kommunikation versuchte man so gut wie möglich geheim zu halten, dennoch wurden die Jugendmessen von Gestapospitzeln, wie in St. Pölten durch den so genannten „bladen Willy“, beobachtet.

Zu diesem wurde Domkurat König 1944 auch vorgeladen, ohne dass es jedoch zu Konsequenzen kam. Dennoch musste man weitere Störaktionen hinnehmen. Zu Christi Himmelfahrt 1941 beschmierten BDM-Mädchen die Wände des Domgebäudes mit dem zynischen Spruch: „Auch ihr werdet noch katholisch werden.“ Am 18. Juni 1941 wurde die Bevölkerung in Pottenbrunn durch die Gendarmerie gewarnt, nicht an der Jugendmesse teilzunehmen, woraufhin die Messe abgesagt werden musste.

Franz Steinmassl war aktives Mitglied der katholischen Jugendgruppe St. Pölten. Er wurde zum Wehrdienst eingezogen und starb am 16. Dezember 1943.
Diözesanarchiv St. Pölten

Die Jugendgruppen unternahmen auch zahlreiche Ausflüge, wie zum Beispiel am 4. Juni 1943 nach Türnitz oder am 10. Juli 1943 nach Mariazell. In den letzten beiden Kriegsjahren wurden immer jüngere Männer zum Wehrdienst eingezogen und so traf es auch einige aus den Reihen der Jugendgruppen, von denen manche nicht mehr aus dem Krieg heimkehrten. Besonders hart traf die St. Pöltner Gruppe der Tod von Franz Steinmassl am 16. Dezember 1943, einem aktiven Mitglied der ersten Stunde.

Während der NS-Zeit gab es auch zahlreiche Anklagen und Übergriffe auf Geistliche in der Diözese. So wurden nach dem Krieg in 114 Berichten von Seelsorgern die unterschiedlichsten Übergriffe gemeldet. Somit war statistisch jede vierte Pfarre in der Diözese zumindest einmal im Visier der Nationalsozialisten.

Ein Hauptspannungsfeld war der Religionsunterricht in der Schule. Dieser war den Nationalsozialisten besonders ein Dorn im Auge, da, nach dem Verbot aller nicht nationalsozialistischen Vereine, der Religionsunterricht der letzte Ort war, wo legal gesellschaftliche Ansichten abseits der NS-Ideologie weitergegeben werden konnten. Meist waren es Aussagen von Kindern, die daraufhin ein Lehrverbot für den Geistlichen zur Folge hatten. Mitunter waren es auch Geldstrafen, die verhängt wurden. In einigen Fällen traf es die Seelsorger auch härter, wie im Fall von Evermod Winkler, einem Prämonstratenser aus Geras, der 1942 Pfarrer in Göpfritz an der Wild war.

Ihm wurde das Verbrechen der „Zersetzung der Wehrkraft“ vorgeworfen. Er soll sich gehässig und hetzerisch über die deutsche Wehrmacht geäußert haben. Es wurde in der Klasse gerade das fünfte Gebot besprochen, als die Kinder meinten, die Russen würden die Deutschen martern. Pfarrer Winkler widersprach: „Die Deutschen sind nicht besser als die Russen, sie machen es ebenso.“ Er erzählte dabei von einem Bericht eines Offiziers, dass an der Front zehn Russen gefangen und anstatt zurücktransportiert, erschossen wurden. Pfarrer Winkler wurde daraufhin zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt.

Pfarrer Josef Stangl bekam Schulverbot, da er die Grundsätze der Nationalsozialisten nicht unterrichtete. Er überlebte das Konzentrationslager Dachau.
Diözesanarchiv St. Pölten

Einige Geistliche der Diözese hatten nicht das „Glück“ mit einer Freiheits- oder Geldstrafe davonzukommen. Sie wurden ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Darunter war auch der Pfarrer von Großau, Josef Stangl. 1939 bekam er Schulverbot, da er „den Unterricht in einer Weise erteilte, die gegen die Grundsätze der nationalsozialistischen Weltanschauung steht“. Außerdem hatte er das Glockenläuten anlässlich der Waffensiege über Frankreich unterlassen. Es erging der Schutzhaftbefehl und die Einlieferung ins Gefängnis in Znaim. Am 12. November 1940 wurde er ins Gefängnis Wien-Rossauerlände überstellt und am 30. November als Schutzhäftling in das KZ Dachau eingeliefert. Pfarrer Stangl konnte am 28. März 1945 das KZ verlassen.

Ein weiterer Priester, der ins KZ Dachau kam, war Anton Burger. Er war Kooperator in Steinakirchen am Forst und wurde am 25. April 1939 nach einer Hausdurchsuchung im Pfarrhof verhaftet. Auf seinen Prozess musste er noch bis zum 15. Februar 1940 warten, wo er dann zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Nach Anrechnung der Untersuchungshaft sollte er am 25. Februar 1940 an die Gestapo überstellt werden. In einem Brief an den Ordinariatskanzler bat er um Verzeihung, dass er seinen „überraschenden Urlaub etwas lange ausgedehnt hat!“.

Pfarrer Anton Burger wurde wegen  Hören eines feindlichen Radiosenders zu vier Jahren Haft verurteilt. 1941 kam er ins Konzentrationslager Dachau.
Diözesanarchiv St. Pölten

Doch aus seiner Freilassung wurde vorerst nichts – noch am 17. März war er bei der Gestapo in Schutzhaft. Nach seiner Freilassung war Burger Geistlicher in Maigen (Sigmundsherberg). Doch schon im Herbst 1940 wurde er wieder verhaftet und wegen Radiohörens (Feindsender) zu vier Jahren Haft verurteilt. Spätestens im März 1941 wurde er ins KZ Dachau gebracht.

Ein Mithäftling Burgers in Dachau war der Pfarrer von Großsiegharts, Richard Frasl. Frasl war schon seit 1923 in Großsiegharts und dort auch Berichterstatter für die Eggenburger Zeitung. Hier schrieb er am 3. August 1934 unter anderem, „dass alle Nazis lügen würden, dass sich die Balken biegen, von Hitler abwärts bis zum letzten Haderlumpen“. Die NSDAP-Ortsgruppe Großsiegharts und der Bürgermeister verlangten daher nach dem Anschluss bereits am 8. Juni 1938 die Versetzung von Frasl. Folgenschwer war aber dann ein Vorfall, der sich am 28. November 1942 beim Begräbnis der Frau des Arztes Dr. Dunsendorfer ereignete.

Pfarrer Richard Frasl verstarb im Konzentrationslager Dachau. Überliefert ist, dass er seinen Mithäftlingen Mut zusprach und sein Essen teilte.
Kirche Bunt

Da die Frau aus der Kirche ausgetreten war, weigerte sich Frasl die Kirchenglocken zu läuten. Der Bürgermeister aber wollte dies mit allen Mitteln durchsetzen, woraufhin Frasl die Glockenseile in den Turm hinaufzog, die Türen versperrte und meinte, den Schlüssel nur unter Gewalt hergeben zu wollen. Am 8. Jänner 1943 wurde Frasl, als er gerade zu Besuch bei seinem Bruder in Reingers war, von der Gestapo verhaftet. Anfang Februar wurde er ins KZ Dachau überstellt.

Berichten zufolge soll Frasl dort durch zuversichtliches Auftreten Mithäftlingen Mut zugesprochen und auch seine Lebensmittelzusendungen geteilt haben. Er meldete sich freiwillig zur Pflege typhuskranker Mithäftlinge und zur Desinfektion der Wäsche von Kranken oder Verstorbenen. Frasl starb am 16. April 1945 im KZ Dachau an Flecktyphus und wurde in einem Massengrab bestattet, elf Tage bevor das KZ befreit wurde.