Rotraud Perner: „Pension? Das geht nicht“. Am 18. August wird Psychotherapeutin Rotraud Perner 75. Ein Gespräch über Lernen & Lieben.

Von Eva Hinterer. Erstellt am 13. August 2019 (05:48)
Waldviertelakademie
Rotraud Perner lebt im Bezirk Gänserndorf.

NÖN: Sie werden in Kürze 75 Jahre alt und der Kampf gegen Gewalt zieht sich durch Jahrzehnte Ihres Berufslebens, aktuell publizieren Sie regelmäßig „Briefe gegen Gewalt“. Was sagen Sie zur Gewalt in der Gesellschaft heute?
Rotraud Perner: Gewalt wird verharmlost. Die Wurzel der Gewalt ist immer der Vergleich, das fängt schon bei Kain und Abel an: Einer neidet dem anderen etwas und will ihn weghaben. Man sollte aber einen Sinn im Leben finden können, ohne auf andere zu schauen. Das ist natürlich auch schwierig, denn die ganze Werbung baut auf Neid auf. Und für Solidarität fehlen leider die Vorbilder. Auch bei der Sprache haben die Leute kein Gefühl mehr dafür, wie verletzend sie eigentlich sind. Dabei ist es eine Tatsache, dass Gewalt die Gesundheit schädigt, das hat die Hirnforschung bewiesen.

Was also tun?
Wir brauchen eine neue Achtsamkeit. Die beste Prävention ist die Intuition! Viele Gewaltopfer sagen, dass sie vorher gespürt haben, dass etwas passieren wird.

Sie haben nach dem Doktorat in Jus zahlreiche Fortbildungen absolviert, sind Psychotherapeutin, haben Theologie studiert. Sie stehen nie still – was treibt Sie an?
Ich habe von klein auf bei meinen Eltern gesehen, dass sie sich immer selbst beschäftigt haben; meine Mutter war Hausfrau, hat aber viel Handwerkliches gemacht oder stundenlang Klavier gespielt, sie war ausgebildete Pianistin. Mein Vater hat am Ende des Tages immer einen Bericht über den Tagesablauf und das Geleistete eingefordert. Ich bin wie ein Bauer – wenn ich Arbeit sehe, dann erledige ich sie (lacht). Und ich habe ein sehr gutes Zeitmanagement, stehe früh auf, arbeite, halte ein Mittagsschläfchen und arbeite bis in die Nacht. Fünf bis sechs Stunden Schlaf reichen mir. Bei Seminaren mache ich mittags lieber ein Schläfchen, als essen zu gehen.

Sie haben mit über 60 Jahren noch ein Studium der evangelischen Theologie begonnen und abgeschlossen. Warum eigentlich?
Eigentlich komme ich ja aus einem atheistischen Elternhaus – aber das, was mich verändert hat, ist mir immer zugefallen. In dem Fall war es das Friedensgebet von Franz von Assisi, das mir bei meiner Tätigkeit im Bildungshaus Großrußbach in den 80ern untergekommen ist. Der Satz „Herr, mach mich zum Werkzeug deines Friedens“ hat mich zutiefst berührt. In den 90er- Jahren habe ich dann den damaligen Superintendenten Paul Weiland kennengelernt, der ein starker Mentor für mich war. Er hat mich ermuntert, Fachtheologie zu studieren, denn ich wollte etwas für sozial behinderte Menschen tun. Und bei den Protestanten ist das Element der Heilung durch das Wort stark verankert. Nachdem mein Mann sehr krank geworden und 2009 gestorben ist, konnte ich 2010 mit dem Studium beginnen.

Sie schreiben, therapieren, halten Vorträge, gründen Institute: Welche Berufsbezeichnung würden Sie für sich wählen?
Ich bin Sozialforscherin. Gewalt, Gemeinschaft, Partizipation, Heilung durch Sprache – das sind meine Themen, zu denen forsche ich ständig. Manche Projekte ergeben sich auch, im Vorjahr habe ich zu den Staatsverweigerern geforscht, heuer zum Thema Bürgernähe. Ich sammle ständig Material und dann kommt ein Projekt auf mich zu. Ich brauche das nicht zu suchen, es kommt von selber. Immer wenn ich mir einbilde, etwas unbedingt machen zu müssen, dann wird es nichts (lacht).

Denken Sie an die Pension?
Nein! An mir hängen fünf Personen (auch meine beiden Söhne, die an meinen Instituten mitarbeiten), deren Einkommen ich verantworte.

Haben Sie eigentlich Hobbys?
Nein, ich arbeite lieber „spielerisch“! Aber mein seinerzeitiges Klavierspielen möchte ich wieder auffrischen. Wenn’s nicht klappt, will ich noch Tschechisch lernen, mein Vater war ja Tscheche.

Wenn Sie einmal nicht mehr sind, was soll man dann über Sie sagen?
(Denkt lange nach) In den 90ern habe ich viele Trainings für die AUVA gemacht, nach einem Seminar am Weißen Hof hat ein Sozialarbeiter zu mir gesagt: ,Das war das beste Seminar meines Lebens, denn es hat mir die Liebe zurückgebracht.‘ Und Liebe besiegt die Gewalt. Ich selbst habe mit Mühe gelernt, ein liebevoller Mensch zu sein. Das wäre mir im Rückblick wichtig.