Trotz Krisen aller Art: Aus für „NÖ-Krisentelefon“. Wegen „Doppelgleisigkeiten“ wurde die bekannte 0800er NÖ-Krisennummer mit Ende August nach 21 Jahren eingestellt. Eine Ex-Mitarbeiterin erzählt.

Von Norbert Oberndorfer. Update am 16. September 2021 (10:48)
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Über 11.000 Anrufe gingen beim NÖ-Krisentelefon (0800 20 20 16) jedes Jahr ein. Seit September läuft dort Tonband und leitet Anrufer auf 1450 um. Andere Krisen-Hotlines wie das NÖ-Frauentelefon (0800 800 810) existieren weiterhin.
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„Wir waren keine Kummer-Nummer, sondern eine Krisenhotline. Die Rettung und auch 1450 hat an uns überwiesen, wenn es sich um akut psychische und seelische Notfälle handelte. Wir alle waren psychologische Beraterinnen mit entsprechender Qualifikation“, sagt Monika Steiner, ehemalige NÖ-Krisentelefon-Beraterin, die in Wirklichkeit anders heißt.

Im März 2000 wurde das Krisentelefon vom NÖ Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS) im Zuge der Psychiatrie-Reform initiiert, um psychiatrische Aufenthalte weitgehend verhindern zu können. Monika war von Beginn an dabei. „Unsere Professionalität war es, herauszuspüren und abgrenzen zu können, ob eine Person suizidgefährdet ist, eine psychische Erkrankung vorliegt oder jemand ‚nur‘ in seelischer Not ist und Orientierung braucht.“

Über die Jahre etablierte sich das NÖ-Krisentelefon als Anlaufstelle für psychische Notsituationen und seelische Krisen aller Art. Monika hat das Aus in Krisenzeiten wie diesen sehr überrascht. „Es wurde mit uns nicht geredet, trotz mehrerer An- und Rückfragen auch an Notruf NÖ, an wen wir diese Leute zukünftig verweisen sollen“, sagt sie.

Wegen „Doppelgleisigkeiten“ und einer Vielzahl von neu entstandenen Beratungshotlines wie Männernotruf, Frauenhotline und Rat auf Draht wurde das NÖ-Krisentelefon eingestellt, heißt es vom NÖGUS. Weiters: „Bei akuten psychischen und psychiatrischen Krisen sorgen in NÖ das Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes und das Akutteam NÖ, je nach Bedarf, für Beratung, Weiterleitung an lokale Anlaufstellen, ÄrztInnen usw., aber auch Unterstützung vor Ort.“

Tonbänder und Daten als Barriere für Anrufer

Bei der „neuen“ Anlaufstelle 1450 von Notruf NÖ werden Anrufende per Tonband gebeten, zuerst die richtige Klappe (2) zu wählen und dann Sozialversicherungsnummer, Name und Wohnadresse bereitzuhalten. „Nicht wenige unserer Anrufer waren in solchen Ausnahmezuständen, dass sie kaum sprechen können. Wenn die hören, dass sie Daten hergeben müssen, legen sie auf“, befürchtet Monika.

Das NÖ-Krisentelefon habe sich als anonyme, niederschwellige Anlaufstelle ausgezeichnet. „Die Anrufer, die bei uns anriefen, haben keine Lobby. Das sind Betroffene oder ihre Angehörigen in akuten Ausnahmesituationen, oder auch chronisch kranke Menschen, für die wir ein Stück Nabelschnur zur Welt bedeutet haben“, sagt die ehemalige Mitarbeiterin.

Gesundheitslandesrätin Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ) hat sich während der Pandemie für den Ausbau niederschwelliger Beratungsstellen und von Psychotherapieplätzen ausgesprochen. „Ob die Einstellung des Krisentelefons, das nicht in mein Ressort fällt, zu einer Verschlechterung des Angebots führt, wird davon abhängen, ob es unter gleichzeitigem Aufbau eines Alternativangebots oder ersatzlos passiert“, sagt die Landesrätin. Man müsse allerdings beobachten, ob es negative Auswirkungen für die Menschen in Niederösterreich hat.

Zu wenig werde für die psychische Gesundheit getan, die Wartelisten in Therapie-Praxen seien lang, und die aktuelle Corona-Politik wirke wie ein Brennglas, sagt Monika. Es brauche dringend Orte für eine professionelle Erstversorgung. Denn die Schwierigkeiten werden generell nicht weniger. Krisenhotlines in NÖ finden Sie unter: notrufnoe.com/krisenhotlines/