Pandemie eindämmen - aber wie?. Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres, Infektiologe Herwig Lindner und Umweltmediziner Hans-Peter Hutter zeigten in einer Pressekonferenz Möglichkeiten auf, die aktuell ernste Lage in eine mit Licht am Ende des Tunnels umzuwandeln.

Von Eva Hinterer. Erstellt am 19. November 2020 (14:18)
ÖAK-Präsident Thomas Szekeres
APA

Die Lage sei "kritisch und ernst", lässt Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres keinen Zweifel daran, dass Corona das Land im Griff hat. "Wir müssen alles tun, damit dieser Lockdown erfolgreich ist." 

Die Spitäler seien derzeit an der Kapazitätsgrenze, "die Anzahl der Intensivbetten ist der limitierende Faktor", sagt der oberste Ärztevertreter. In Tirol etwa sind derzeit 90 Prozent der Intensivbetten besetzt.

Neben den bekannten Schutzmöglichkeiten Maske, Abstand, Händehygiene und Raumlüftung spricht sich Szekeres für das Contact Tracing aus, "ich befürworte die Verwendung der Stopp-Corona-App."

"Wer sich krank fühlt, soll zum Arzt gehen"

Herwig Lindner
APA/Neubauer

Menschen, die sich krank fühlen, sollen unbedingt zum Arzt gehen: "Die Ordinationen und Spitalsambulanzen sind geöffnet, wer sich krank fühlt, soll hingehen. Und sich vorher anmelden" Übertriebene Sorge, sich oder andere anzustecken, dürfe einem Besuch beim Arzt nicht entgegenstehen, denn  "wir haben gelernt, die Ordinationen abzusichern."
Zusätzlich gebe es - wie auch im ersten Lockdown - wieder die Möglichkeit der telefonischen Krankmeldung.

Plasmaspender gesucht

Was auch hilft: Plasmaspenden von Genesenen, die beim Roten Kreuz und in Universitätskliniken gegeben werden können. "Das ist wie eine Blutspende, es dauert nur ein wenig länger", erläutert Szekeres.

Nachdem es noch keine Impfung gibt und Corona-Patienten mit diversen Medikamenten behandelt werden wäre eine internationale Datenbank hilfreich, natürlich mit anonymisierten Daten. "Dann wüssten wir besser, welche Medikation hilfreich ist."

"Betroffene ringen um Luft"

Infektiologe Herwig Lindner warnt davor. Corona zu unterschätzen. "Das ist eine potenziell schwere Krankheit, aber in der Bevölkerung herrscht vielfach der Eindruck, dass es sich um eine leichte Grippe handelt. Nur: Die schwer Kranken liegen in den Spitälern, die sieht man nicht. Aber Corona sei eine schwere Krankheit, "Betroffene ringen um Luft und kämpfen um ihr Leben."
Ja, es gebe auch ältere Menschen mit leichtem Verlauf. Genauso gebe es aber Mittzwanziger, die künstlich beatmet werden müssten.

Trotzdem habe man in den Spitälern viel gelernt, die Letalität sei gesunken, sagt Lindner. Sollte eine Impfung kommen, dann "ist eine hohe Durchimpfungsrate essenziell für den Erfolg."

Antigentest: Nur sinnvoll unter ärztlicher Aufsicht

Zu den Coronatests sagt Lindner, dass jene Antigentests (Schnelltests), wie sie in Apotheken oder Fitnesscentern angeboten wurden, "keinerlei Wert" haben. "

Der Antigentest habe zwar den Vorteil, dass das Ergebnis binnen Minuten verfügbar sei. "Aber das Ergebnis ist mit Vorsicht zu genießen." Warum? Wird der Antigentest falsch angewandt, kommt es zu falsch positiven Ergebnissen. Diese Testart gibt Auskunft über die Virenkonzentration in Mund und Nase; ist aber diese Konzentration beispielsweise im Mund zu niedrig, könne es zu falsch negativen Ergebnissen kommen. Daher müsse die Testung in Händen der Ärzte bleiben, weil sie das Ergebnis richtig interpretieren können.

Überdies gebe es dutzende verschiedene Antigentests "von höchst unterschiedlicher Qualität", sagt Lindner.

Massentests standardisieren

Hans-Peter Hutter
APA/Punz

Die stichhaltigsten Ergebnisse bringe der PCR-Test, bei dem die Virendichte nachgewiesen wird. 
Die von der Regierung geplanten Massentests "müssen standardisiert werden." Bedeutet: Es reicht nicht, Personen einmal zu testen, sondern alle drei bis vier Tage. Sonst habe man lediglich viele Momentaufnahmen.
Für Umweltmediziner Hans-Peter Hutter ist es daher dringend erforderlich, ein Gesamtkonzept für die Massentestung auszuarbeiten.

"Eine wichtige Säule ist die Nachverfolgung, denn nur so können wir Ansteckungsketten unterbrechen", erläutert Hutter. Der aktuelle Lockdown sollte genützt werden, um die Nachverfolgung wieder aufzubauen. Denn "nach dem Lockdown soll nicht wieder vor dem Lockdown sein."

Überlegungen zum Weihnachtseinkauf

Abseits der medizinischen Faktoren gibt es auch soziale: "Wir nehmen schon Krisenmüdigkeit wahr", sagt Hutter. "Und eine Spaltung der Gesellschaft." 
Demonstrationen wie jene kürzlich in Berlin, wo tausende Coronaleugner unterwegs waren, müssten unterbunden werden.
Es sei grundsätzlich kein Problem, wenn viele Leute auf der Straße sind, "entscheidend ist, wie sich die Leute dort verhalten." Mit genügend Abstand und Mund-Nasen-Schutz sei das kein Problem. Daher brauche es jetzt schon Überlegungen, wie mit dem Weihnachtseinkauf umgegangen wird, um Hotspots zu vermeiden.

Mit Infizierten in der Wohnung

Was sollen Menschen tun, die mit Infizierten in einer Wohnung leben? Thomas Szekeres empfiehlt: Maske tragen, im eigenen Bett schlafen, eigene Handtücher benutzen, sich nicht gleichzeitig im Bad aufhalten und viel lüften.
Was alle Menschen tun sollten: Viel an der frischen Luft sein.