"Alle Schulen gleichzeitig öffnen ist zu gefährlich" . Warum sie ein schrittweises Aufsperren der Bildungseinrichtungen als sinnvoll erachtet, und wie sie zu einer prüfungslosen Matura steht, erzählt Bildungslandesrätin Christiane Teschl-Hofmeister im NÖN-Gespräch.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 06. April 2020 (18:48)
Bildungslandesrätin Christiane Teschl-Hofmeister
NLK Reinberger

NÖN: Seit drei Wochen wird zuhause gelernt. Wie läuft das bisher?

Christiane Teschl-Hofmeister: Wir wollen uns da bei der Beurteilung gar nicht so auf unser Bauchgefühl verlassen. Sehr geholfen hat uns eine Studie, die die Landesschülervertretung dankenswerterweise gemacht hat und bei der sich über 2.700 Schüler beteiligt haben. Da gibt es grundsätzlich sehr positive Rückmeldungen. Die meisten sagen, dass es einerseits von der Menge des Angebots und andererseits auch von der Kommunikation und technisch eigentlich sehr gut funktioniert. Bis auf individuelle Ausnahmen, die es natürlich immer wieder gibt. Die kritischsten Stimmen kommen von den Eltern, weil sie sagen, sie sind neben Home Working und anderen Sorgen und Problemen etwas überfordert manchmal. Deshalb haben wir jetzt darum gebeten, den Druck herauszunehmen.

Wie soll das funktionieren?

Teschl-Hofmeister: Die Lehrerinnen und Lehrer waren am Anfang sehr engagiert und haben sehr viele Übungen geschickt. Wir haben die Direktorinnen, Direktoren und Klassenvorstände jetzt gebeten, da ihre Drehscheiben-Funktion sehr ernst zu nehmen. Der Klassenvorstand soll ein Auge darauf haben, dass es bei den verschiedenen Fachlehrern in Summe nicht zu viel Stoff wird. Und dass es möglichst wenig Kanäle gibt, über die der Stoff ausgeschickt wird. Ich glaube, da werden wir sehr rasch einen Weg finden, der die Schüler fordert, aber eben nicht überfordert.

Bildungsminister Faßmann hat angekündigt, dass nun auch neuer Stoff gemacht werden kann. Das bleibt den Schulen überlassen. Wie sehen Sie das – auch vor dem Hintergrund, dass es schon jetzt Klagen über zu viele Aufgaben gibt?

Teschl-Hofmeister: Ich glaube, dass die Pädagoginnen und Pädagogen ihre Schülerinnen und Schüler sehr gut kennen und wissen, was ihnen zuzumuten ist. Ich habe aber mit Minister Faßmann telefoniert und ihn gebeten, hier einheitlich vorzugehen. Ich halte es nicht für ideal, die Entscheidung, ob man neuen Stoff unterrichtet, den Schulen zu überlassen.

Das heißt, es ist möglich, dass hier doch noch eine genauere Regelung kommt?

Teschl-Hofmeister: Das erwarten wir uns. Das ist meine große Bitte aus Niederösterreich: Wenn schon neuer Stoff, dann für alle und mit Augenmaß.

In den vergangenen Tagen gab es von verschiedenen Seiten Klagen, dass beim Home-Schooling schwächere Schüler zurückgelassen werden. Sehen Sie dieses Problem auch in Niederösterreich?

Teschl-Hofmeister: Dass es schwächere und bessere Schülerinnen oder Schüler gibt, ist ein Umstand, der nicht der Krise geschuldet ist. Das war schon immer so und das wird wahrscheinlich auch immer so bleiben. Worum es jetzt geht, ist dafür zu sorgen, dass Schülerinnen oder Schüler, die nicht so gut von ihren Eltern betreut werden können, jetzt nicht auf der Strecke bleiben. Aber dafür haben wir Schulpsychologen, Beratungslehrer, auch muttersprachliche Lehrer, falls es Sprachbarrieren gibt. Und die sind jetzt aufgefordert, mit diesen Schülern Kontakt zu halten und sie zu beraten. Mein Appell auch an die Eltern ist, wenn sie sich überfordert fühlen, bitte direkt mit ihrer konkreten Schule Rücksprache zu halten.

Wie funktioniert das in der Praxis? Können sich Schüler und Eltern da in der Direktion melden?

Teschl-Hofmeister: Ja, die Direktion ist die Ansprechstelle für alles. Telefonische Beratung kann es auf jeden Fall geben.

Um überhaupt zuhause lernen zu können, ist eine gewisse technische Ausstattung notwendig. Die ist aber vielleicht nicht in allen Familien vorhanden. Gibt es eine Möglichkeit, für sozial schwächere Familien Geräte wie Laptops zu bekommen? Gibt es da Unterstützung vom Land?

Teschl-Hofmeister: Viele Schulerhalter, Gemeinden, sind schon von sich aus aktiv gewesen. Viele Schüler, bei denen sie erfahren haben, dass es da technisch Ausstattungsschwierigkeiten gibt, sind schon von den Gemeinden selbst versorgt worden, was ich als großartig empfinde. Und auch hier sind die Schulpsychologen und Beratungslehrer angehalten, mit den Schülerinnen und Schülern, die nicht erreichbar sind, Kontakt aufzunehmen, um herauszufinden, wo das Problem liegt. Wenn das Problem an der technischen Ausstattung liegt und es da finanzielle Schwierigkeiten gibt, hat Minister Faßmann angekündigt, dass es von Bundesseite Unterstützung gibt. Es werden leihweise Geräte zur Verfügung gestellt.

Bleiben wir noch bei der Technik. Digitalisierung in die Schule zu bringen, ist in Niederösterreich schon lange eine Forderung. Sehen Sie hier in der Krise eine Chance, dass das jetzt passiert und die neue Art zu lernen auch etwas in den Regelunterricht übergeht?

Teschl-Hofmeister: Ich glaube auf jeden Fall, dass die Krise in diesem Sinn eine echte Chance sein kann. Wir haben jetzt alles, was uns auf dem digitalen Gebiet zur Verfügung steht, ausprobiert, weil wir es ausprobieren müssen. Jetzt wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Wir werden jetzt erfahren, was die guten Angebote sind, und was die weniger guten Angebote sind. In Zukunft werden wir die guten verstärkt einsetzen. Es zeigt sich jetzt, dass eine digitale Schule wesentlich mehr ist, als eine digitale Schultafel.

Gelerntes wiederholen müssen jetzt auf jeden Fall die Maturanten. Ob ihre Prüfungen wie angekündigt am 18. Mai starten, ist aber immer noch nicht klar. Bildungsminister Heinz Faßmann hat nur angekündigt, dass es eine Matura geben wird. Einige fordern jetzt aber eine Matura ohne Prüfungen. Was halten Sie davon?

Teschl-Hofmeister: Der Termin steht im Raum. Aber das ist eine Entscheidung, die von der Entwicklung der Pandemie abhängt. Ich verstehe, dass das für viele Schülerinnen, Schüler und Eltern unbefriedigend ist. Aber es wird jeder einen gültigen Schulabschluss machen können. Wie diese Abschlüsse ausschauen, kann ich im Moment nicht sagen.

Das heißt, ein Abschluss ohne klassische Matura-Prüfungen ist durchaus möglich?

Teschl-Hofmeister: Wir sind in einer Sondersituation. Ich schließe keine Möglichkeit aus.

Ungewissheit macht auch vielen anderen Schülern und Eltern zu schaffen. Sie wollen wissen, wann die Schulen wieder aufsperren... Bisher ist nur klar, dass das Home Schooling noch bis Mitte Mai weitergeht.

Teschl-Hofmeister: Ich bin selbst Mutter eines schulpflichtigen Kindes und natürlich fragt mich auch meine Tochter jeden Tag, wann die Schule wieder losgeht. Und ich muss immer sagen, dass es noch dauern wird. Die Kinder sind da aber sehr tapfer. Ansonsten bin ich genauso wenig Hellseherin wie alle anderen. Aber ich gehe davon aus, wenn sie wieder aufsperren, dann nicht alle auf einmal.

Sie rechnen also nicht damit, dass vor dem Sommer alle gleichzeitig wieder zur Schule gehen?

Teschl-Hofmeister: Ich halte es für zu gefährlich, alle Schulen gleichzeitig wieder zu öffnen.
Wir setzen uns dann der Möglichkeit aus, die Kurve, die mühsam hinuntergebracht wurde, wieder zum Ansteigen zu bringen. Ein schrittweises Aufsperren halte ich deshalb für sinnvoll. 

In den Schulen gibt es weiterhin Betreuungsangebot. Das wurde in Niederösterreich bisher nur sehr wenig genutzt. In den Osterferien gibt es jetzt ein zusätzliches Angebot. Können Sie schon abschätzen, wie viele Schüler das nutzen werden?

Teschl-Hofmeister: Ich möchte an allererste Stelle sagen, dass es großartig ist, wie viele Pädagogen sich da freiwillig gemeldet haben. Das waren über 4.000. Es ist aber gut, dass das Angebot jetzt schon so gering genutzt ist. Es ist ja sinnvoll, dass die Kinder zuhause sind. Hier geht es um hunderttausende potenzielle Viren-Überträger allein in NÖ. Ich glaube nicht, dass über die Ferien großer Ansturm kommen wird. Ich gehe eher davon aus, dass es wieder mehr wird, wenn die Ferien vorbei sind.