Dringend gesucht: Ein neues "Daheim". Ob Jobverlust, Scheidung oder finanzielles Loch: Wohnungsnot kann Menschen in noch tiefere Krisen stürzen. Der "Verein Wohnen" rittert seit fast 30 Jahren dagegen an. Zwei Niederösterreicher erzählen von ihrer glücklichen Wende.

Von Norbert Oberndorfer und Lisa Röhrer. Erstellt am 02. Dezember 2019 (13:49)
"Verein Wohnen"-Geschäftsführerin Ingrid Neuhauser und Wohnbau-Landesrat Martin Eichtinger zogen Bilanz über die Hilfe für Menschen in Wohnungsnot.
Lisa Röhrer

Zita Kadanka wurde mit 15 Jahren Mutter einer Tochter. Die Melkerin lebte damals drei Jahre lang mit ihrer neugeborenen Tochter in der Wohnung ihres eigenen Vaters, der sich in Scheidung befand. Die Wohnung wurde schnell zu klein, etwas Größeres musste her. Vom Jugendamt bekam sie den Tipp sich an den „Verein Wohnen“ zu wenden. „Das Erstgespräch am Telefon war sehr aufschlussreich und unkompliziert für mich“, sagte die heute 20-Jährige.

Mit Hilfe einer Sozialarbeiterin vom „Verein Wohnen“ hat Kadanka nach einigen Formalitäten und nach einem Bewerbungsgespräch über die „NÖ Wohnassistenz“ die ideale Wohnung für sich und ihre 5-Jährige Tochter gefunden.  

„Unsere Wohnung ist direkt gegenüber der meines Papas – uns trennt nur das Stiegenhaus“, sagte Kadanka. Zwischenzeitlich hatte die junge Frau eine Nachtschichtarbeit in einem Großlager angenommen. Sie erspart sich durch das neue Wohnverhältnis die Kinderbetreuung in Form einer Tagesmutter bzw. Kindergruppe.

„Wenn ich in die Arbeit fahre, kümmert sich mein Papa um mein Kind. Und in der Früh, wenn ich heimgekommen, geht er in die Arbeit.“ Ohne den Verein wäre sie jetzt nicht da, wo sie ist, sagte Kadanka sichtlich dankbar. Derzeit plant sie ihren Führerschein mit der Sozialarbeiterin des „Verein Wohnen“.

"Dass es den Verein gibt, ist ein Segen"

Ein anderer Fall von Wohnungsnot war jener von Franz Grüner*. Er hat nach Jahren in der Versicherungsbranche und als Trainer in der Erwachsenenbildung keinen Job mehr gefunden. "Ich habe meinen Job verloren und dann schleichend alles andere", erzählte der 61-Jährige. Schließlich konnte er auch seine Wohnung nicht mehr finanzieren und musste notgedrungen ausziehen.

Über den „Verein Wohnen“ hat er ein neues Zuhause gefunden. „Dass es den Verein gibt, ist ein Segen“, sagte er und lobte die telefonische Erstberatung: „Man wird einfach angenommen“. Mittlerweile lebt Grüner seit einem Jahr in der Wohnung, die er durch die Einrichtung bekam. Erst vor wenigen Wochen hat er sie zur Hauptmiete übernommen. Nun freut er sich auf eine geregelte Frühpension mit 2020: "Ab einem gewissen Alter klappt es mit dem Job einfach nicht mehr. Da spielt es auch keine Rolle, ob man Beziehungen hat oder nicht." 

Landesrat Martin Eichtinger lobte bei einer Pressekonferenz am Montag die Arbeit des Vereins Wohnen“, der sich durch ein „besonders hohes Maß an Empathie“ auszeichne. Die 70 Mitarbeiter helfen seit dem Jahr 1990 Menschen in Wohnungsnot bei der Wohnungssuche und bieten sozialarbeiterische Beratung und Unterstützung bei Arbeitssuche, finanziellen Problemen, familiären Sorgen und selbständigem Wohnen.

Die Ursache für die Wohnungsnot liegt laut Eichtinger oft in einem Jobverlust, einer Scheidung oder Trennung, einem Familiennachwuchs, der nicht mehr adäquat versorgt werden kann, oder einfach in finanzieller Not begründet. 1,2 Millionen Euro fließen jährlich vom Land Niederösterreich in die „NÖ Wohnassistenz“, eine Initiative des Vereins Wohnen und der NÖ Wohnbauförderung. Durch die NÖ Wohnassistenz werden für Betroffene drei Monate bis zu einem Jahr Wohnraum angemietet.

Mit diesem Zeit- und Ressourcenpolster können die betroffenen Menschen leichter ihre persönliche bzw. finanziellen Probleme beseitigen. Ziele der NÖ Wohnbauassistenz ist die Stabilisierung der Lebenssituation, die Erlangung der Wohnungserhaltungsfähigkeit und letztendlich die Übernahme der Wohnung in Hauptmiete.

50 Prozent der Betroffenen sind Kinder

„Endlich hört jemand zu, ohne zu bewerten“, sei oft das Feedback auf die telefonische Erstberatung, sagte Ingrid Neuhauser, Geschäftsführerin des „Vereins Wohnen“. Der Verein bietet mit seinen Sozialarbeitern und Verwaltungsmitarbeiterin an drei Standorten in NÖ (St. Pölten, Korneuburg, Wiener Neustadt) täglich vier Stunden telefonische Erstberatung an.

Rund 1700 Haushalte wurden im letzten Jahr beraten. Die Menschen in Wohnungsnot sollen durch die Beratung und die Wohnraum-Anmietung bei Wohnbauträgern „zur Ruhe kommen und schauen, wie es weitergehen kann“, sagte Neuhauser. „In ihrem Leben ist ein Trubel, und sie verlieren sich aus den Augen.“ Da setze der Verein mit seinem Beratungsangebot an. 50 Prozent der Betroffenen in Wohnungsnot seien Kinder. Insgesamt wurden 1.366 Menschen durch den Verein Wohnen und die NÖ Wohnassistenz 2019 ein neues Zuhause vermittelt.

Die NÖ Erstberatung für Menschen in Wohnungsnot ist unter 02742 / 355934-100 telefonisch am Montag, Mittwoch und Freitag von 8.30 bis 12.30 Uhr und am Dienstag, Donnerstag von 12.30 bis 16.30 Uhr bzw. via E-Mail erstberatung@vereinwohnen.at zu erreichen. 

*Name von der Redaktion geändert