Asylwerber: Lehre mit Ablaufdatum?. 950 Asylwerber in Österreich, 40 in NÖ, machen eine Lehre – bei drohender Abschiebung.

Von Anita Kiefer. Erstellt am 07. August 2018 (03:00)
Franz Gleiß
Der Syrer Mohamad Ahmad Al Najjar macht eine Lehre zum Systemgastronomiefachmann bei Marché.

Ein junger Mann, der an der Kassa eines Lebensmittelhändlers steht und freundlich dem nächsten Kunden entgegenlächelt. Grundsätzlich ist das nichts Ungewöhnliches.

Nur: Jioda Mohamed ist 20 Jahre alt, Lehrling – und Asylwerber. Dass er im Zuge einer mehrtägigen Flucht alleine von Nigeria nach Österreich kam und hier nach wie vor ohne Familie lebt, das ist ihm nicht anzumerken. Mit seinem gewinnenden Lächeln kommt er bei den Kunden gut an.

Eines schwingt in seiner täglichen Arbeit aber ständig mit: Ohne positiven Asylbescheid wird er abgeschoben. Auf diesen Bescheid wartet er – und zwar seit drei Jahren. Der 20-Jährige macht eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann mit Schwerpunkt Lebensmittelhandel in der Billa-Filiale in Guntramsdorf. Er steht kurz vor dem Abschluss, seine Noten sind hervorragend. Begleitend macht er die Matura.

„Für mich ist die Lehre die beste Möglichkeit, sich zu integrieren.“ Doris Rannegger, Leiterin Rewe Group Karriereschmiede

In NÖ gibt es laut AMS 40 Asylwerber, die eine Lehre absolvieren. Bundesweit sind es rund 950. Allein unter den 1.700 Lehrlingen, die Rewe ausbildet, finden sich knapp 50 mit Fluchthintergrund, drei davon noch mit offenem Verfahren – so wie Mohamed. „Sie haben aber alle gute Aussichten darauf, dass sie bleiben dürfen“, sagt Doris Rannegger, Leiterin der Rewe Group Karriereschmiede.

Eine Abschiebung würde sie sehr bedauern, für das Unternehmen und natürlich für den Lehrling. „Für mich ist die Lehre die beste Möglichkeit, sich zu integrieren.“ Und auch für Betriebe ist die Beschäftigung von Asylwerbern eine gute Möglichkeit, dem allerorts beklagten Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

"Das Risko besteht"

Ein weiteres Unternehmen, das sich für die Lehrausbildung eines Asylwerbers entschieden hat, ist das Moorheilbad Harbach im Bezirk Gmünd. „Wir haben aktuell einen Lehrling, der Asylwerber ist, und hoffen, noch einen zweiten dazuzubekommen“, erklärt Personalverantwortliche Christina Lohninger.

Das Risiko, den Lehrling trotz seines Asylstatus aufzunehmen, habe man beim Moorheilbad bedacht. Das Worst-Case-Szenario einer Abschiebung bei einem negativen Asylbescheid stehe natürlich im Raum: „Das Risiko besteht. Aber wir hoffen das Beste.“

Es gibt aber natürlich nicht nur Asylwerber, sondern auch Asylberechtigte, die in NÖ eine Lehre machen. Im Zeitraum Juli 2017 bis Juni 2018 gab es beim AMS NÖ 69 Abgänge von asylberechtigten Lehrstellensuchenden in einen Lehrberuf. Das Jahr davor waren es 41 – eine Steigerung von über 68 Prozent.

Franz Gleiß
Der Syrer Mohamad Ahmad Al Najjar macht eine Lehre zum Systemgastronomiefachmann bei Marché.

Mohamad Ahmad Al Najjar ist einer der Lehrlinge, die bereits asylberechtigt sind. Der gebürtige Syrer macht eine Lehre zum Systemgastronomiefachmann bei Marché in der Raststätte Schwechat. Mit den Leistungen seines Lehrlings ist Raststättendirektor Georg Sagmeister sehr zufrieden. „In der Berufsschule ist er einer der Besten.“

Auch Al Najjar fühlt sich wohl in seinem Team. „Mein Vorgesetzter hat immer ein offenes Ohr für Probleme“, erzählt er. Sagmeisters Gattin hat ihn sogar bei der Wohnungssuche unterstützt. Sein berufliches Ziel: ein eigenes Eisgeschäft eröffnen.

Dass er wie Al Najjar in Österreich bleiben darf, darauf hofft auch Jioda Mohamed. Seine Ziele? „Ich will bei Billa Karriere machen. Das ist mein Job.“ Der nächste Schritt ist die Bewerbung für die Rewe-Meisterklasse, wo künftige Führungspersönlichkeiten ausgebildet werden. Eine eigene Filiale zu führen, das kann er sich für die Zukunft jedenfalls gut vorstellen. Immer mit seinem charismatisch-gewinnenden, breiten Lächeln.

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