Mückstein: "Impf-Verpflichtung ist nicht zielführend". Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) besuchte das Primärversorgungszentrum in St. Pölten. Mit der NÖN sprach er über den Nutzen solcher Zentren, eine mögliche Impfpflicht und die neue PCR-Teststrategie.

Von Norbert Oberndorfer. Erstellt am 28. Juli 2021 (17:50)

NÖN: Mit 100 Millionen Euro fördert der Bund jetzt den Ausbau von Primärversorgungszentren. Sie haben selbst als praktischer Arzt eines der ersten in Wien aufgebaut. Warum braucht es solche Zentren? 

Wolfgang Mückstein: Die Primärversorgungszentren sind eine Ergänzung zu den derzeit vorherrschenden Einzelordinationen. Sie sind ein für Patientinnen und Patienten attraktiver Ort, wo kontinuierlich ohne Schließzeiten, mit verlängerten Öffnungszeiten ein erweitertes medizinisches und therapeutisches Spektrum angeboten wird, wo auch andere medizinische und therapeutische Berufsgruppen arbeiten. Und ich glaube, dass sie auch attraktiv für jüngere Kolleginnen und Kollegen sind. Der Ausbau der Primärversorgungszentren ist somit auch ein wichtiger Hebel gegen den Hausärztemangel. Deshalb bin ich sehr froh über diese 100 Millionen Euro, die wir gezielt in die Stärkung der Gesundheitsversorgung nahe am Wohnort investieren können – auch in Niederösterreich soll die Primärversorgung deutlich ausgebaut werden. 

Zu viel Impfstoff für zu wenig Impfwillige in Österreich: Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer (ÖVP) und auch Gastro-Obmann Mario Pulker sprachen sich kürzlich für eine generelle Impfpflicht aus. Wird es die in Österreich geben?

Mückstein: Ich bin gegen eine allgemeine Impfpflicht in Österreich. Eine Verpflichtung ist nicht zielführend, weil es mehr Widerstand auslösen würde als Menschen zum Impfen zu bringen. Was wollen Sie denn mit Menschen machen, die sich nicht impfen lassen: Bestrafen oder gar einsperren? Ich bin aber dafür im Gesundheitsbereich, in Spitälern und in Alters- und Pflegeheimen. Das ist ein hochsensibler Bereich, wo mit kranken und älteren Menschen gearbeitet wird. Jeder, der dort arbeitet, am Patienten, soll jedenfalls geimpft sein. Das können die Träger jetzt schon entscheiden und ich bin dafür, dass sie das tun. Das können die Träger jetzt schon entscheiden und ich bin dafür, dass sie das tun. 

Christiane Druml, Chefin der Bioethikkommission, würde gerne die Impfpflicht auf körpernahe Dienstleister ausweiten. Was halten Sie davon?

Mückstein: Da muss man eine breite Diskussion führen. Gehören Polizisten, Masseure und Friseure dazu oder nicht? Impfungen sollten jedenfalls dort vorgeschrieben sein, wo kranke Menschen behandelt werden und, wo ältere Menschen betreut werden.  Die müssen sich darauf verlassen können, dass das betreuende Personal Covid-19 geimpft ist, das ist wichtig. Derzeit ist das möglich über die Länder. Das heißt, die Träger von den Alters- und Pflegeheimen und die Träger von Spitälern können das beim Einstieg so veranlassen.

In der Nachtgastro gibt es seit der Öffnung einige Cluster. 28 Prozent der Covid-Neuinfektionen gehen auf diese zurück. Menschen fälschen Tests und Testzertifikate und schmuggeln sich trotz Kontrollen in die Disco. Wie wollen Sie das verhindern?

Mückstein: Die Kontrollen sind eine Reaktion darauf und wir verstärken sie jetzt, weil wir wissen, dass dort zunehmend Ansteckungen passieren. Man kann jetzt nur noch in die Nachtgastronomie gehen, wenn man geimpft ist oder den wesentlich sichereren PCR- Test hat.

Der Schwenk zur PCR-Teststrategie funktioniert in urbanen Zentren wie Wien, wo man mit Öffis zur Apotheke oder zur Gurgel-Testbox fahren kann, sehr gut. In einem Flächenbundesland wie NÖ ist man in der Regel aufs Auto angewiesen und eine Testung derzeit noch schwieriger. Was braucht es da noch?

Mückstein: Die Intention war, dass die verpflichtende PCR- Testung oder eben die Impfung für den Eintritt in die Nachtgastronomie dazu führen wird, dass junge Menschen beides verstärkt nachfragen und somit auch, dass das Angebot an PCR-Testungen ausgebaut werden muss. Das ist ja zum Teil schon passiert. Länder wie Vorarlberg und Tirol haben das sehr schnell. In Vorarlberg und Tirol haben sie das rasch geschafft. Wir brauchen ja auch die PCR- Testungen am Ende für den Schulbetrieb und wollen, dass diese sichere und genauere Form der Testung sich etabliert. Das ist auch ein Teil der neuen Teststrategie. 

Wie geht es weiter in Ihrer Impfstrategie?

Mückstein: Wir haben seit drei Wochen eine ganz neue Situation, weil wir jeden, der das will, die Erst- und Zweitimpfung anbieten können. Das heißt, es gibt noch Bevölkerungsgruppen, vor allem die Jungen bis 35 Jahre, von denen noch relativ wenige geimpft sind, und wir haben auch noch Lücken bei manch älteren Menschen. Unser Das Ziel muss sein, eine möglichst hohe Durchimpfungsrate zu erreichen. Es werden jetzt die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte verstärkt impfen. Dann muss man am Ende den Impfstoff zum Menschen bringen. Das gelingt auch. Die Bundesländer machen das sehr attraktiv mit Impfangeboten wie Pop-up Impfstraßen, Impfen am Boot, Impfen in  Impfbussen und dem betrieblichen Impfen. Das muss möglichst niederschwellig sein. Impfen ohne Termin war ein großer Erfolg. Viele Menschen wollen sich keinen Termin ausmachen, sind aber bereit, wenn sie nach der Kirche oder vor dem Einkaufszentrum ein Angebot bekommen, dass sie sich dann impfen lassen. Und natürlich über die Hausärztin und den Hausarzt, denen sie in der Regel sehr vertrauen.

Also die Impfung muss zum Menschen kommen und nicht umgekehrt?

Mückstein: Ja, das ist ein Teil der Strategie.

Im weiteren Verlauf der Pandemie, rechnen Sie mit notwendigen Impfauffrischungen?

Mückstein: Jetzt gehen wir davon aus, dass neun Monate nach der zweiten Teilimpfung aufgefrischt werden muss, eventuell bei älteren oder chronisch kranken Menschen früher. Das wird gerade im nationalen Impfgremium besprochen.