NÖ Nationalparks: Wildnis am Fluss im Wandel. Lebensräume ändern sich: Um die Vielfalt vor menschlichen Einflüssen zu schützen, muss der Mensch erneut eingreifen.

Von Stefanie Marek. Erstellt am 04. August 2020 (11:41)
Die Lebensräume am Fluss, hier im Nationalpark Thayatal, befinden sich in ständigem Wandel.
Nationalpark Thayatal/Lazarek

Umgestürzte Bäume liegen über dem schmalen Pfad, ein Meer aus meterhohen Brennnesseln macht das Vorwärtskommen schwer, und die Luft ist feucht, fast tropisch. Kaum erkennbar schlängelt sich der schmale Weg durchs hohe Gras – Besucher verirren sich normalerweise nicht hierher.

Wir befinden uns in Haslau (Bezirk Bruck/Leitha), in einem der ursprünglichsten Teile des Nationalparks Donau-Auen, einem der letzten Flussauengebiete Mitteleuropas. Die Donau gestaltet hier die Landschaft. Menschliche Eingriffe wie verbaute Ufer und Bauwerke für Schifffahrt und Hochwasserschutz sind sichtbar, auch wenn die Flusslandschaft weitgehendend intakt ist.

Der fast ausgestorbene Seeadler brütet hier

Von der Nationalparkverwaltung bekommt der Fluss etwas Hilfe durch den Rückbau von hart befestigten Ufern. Es laufen Projekte, bei denen etwa Seitengewässer wieder an die Donau angebunden werden, und andere, die die große Artenvielfalt erhalten sollen.

Kann der Fluss seiner natürlichen Dynamik folgen und sich entscheiden, wo er Ufer einbricht und Seitenarme macht, dann schaffe das auch mehr Lebensraum für diverse Fische und Vögel, erklärt Christian Baumgartner, Bereichsleiter von Natur und Wissenschaft im Nationalpark. Er steht barfuß im Wasser und betrachtet eine Wasserschnecke in seiner Hand.

Christian Baumgartner vom Nationalpark Donau-Auen zeigt eine Wasserschneckenart.
Bankhamer

Die Lebensräume am Fluss, erzählt er weiter, befinden sich in ständigem Wandel, bei dem die Flächen zwischen Land und Wasser wechseln und damit vielen Arten von Insekten, Fischen, Muscheln, Schnecken und Pilzen ein Refugium bieten. Auch der Seeadler, der noch vor wenigen Jahren als ausgestorben galt, brütet hier.

Der Auwald ist ein eigenes Ökosystem. An die 120 Jahre werden die Bäume hier alt – besonders alt sei das aber nicht. Um die Standort- und Artenvielfalt der Au zu erhalten, wird diese mit Gewässervernetzungsprojekten regelmäßig „zerstört“. Denn mit der Zeit wandelt sich Auwald in Mischwald um, damit geht die Artenvielfalt des Auwalds verloren. Die Au bleibt also nur erhalten, wenn der Auwald regelmäßig von Neuem entstehen muss.

Im Norden liegt Niederösterreichs zweiter Nationalpark, der Nationalpark Thayatal, an der Grenze zwischen Wein- und Waldviertel, Österreich und Tschechien. Auch hier ist der Wandel eine Konstante, und auch hier bemüht sich die Nationalparkverwaltung, die Lebensräume durch menschliche Eingriffe wieder „natürlicher“ zu machen. Denn: „Je reicher das Ökosystem, umso stabiler und resistenter ist es in schwierigen Jahren“, erklärt Rangerin Bernadette Lehner.

Für heimische Bäume wird Raum geschaffen

Seit 20 Jahren führt man hier eine Umwandlung des Waldes durch. Dabei werden Nadelbaumarten wie Fichten oder Kiefern, die vor 200 Jahren zur industriellen Nutzung gepflanzt wurden, systematisch aus dem Nationalpark entfernt, damit sich heimische Baumarten ungestört entwickeln können.

Mittlerweile ist die Umwandlung beinahe abgeschlossen. Im Gegensatz zu einem Wirtschaftswald können die anderen Baumarten hier ihre natürliche Lebensdauer von bis zu 300 Jahren erreichen. Wenn sie sterben, werden sie nicht entfernt, sie bleiben stehen oder fallen um und bieten einen Lebensraum für zahlreiche Vögel, Insekten, Spechte, Fledermäuse und Pilzarten. „Als Nationalpark-Direktor ist man wirklich stolz, wenn man solche Schätze zu Füßen liegen hat“, sagt Christian Übl und deutet auf das Totholz neben seinen Wanderschuhen. Für das Ökosystem sind die Bäume von unschätzbarem Wert.

Im Nationalpark finden sich zudem Arten wie die Traubeneiche, die mit dem Klimawandel sehr gut zurechtkommen. Die Baumart findet sich an den steilen Hängen des Nationalparks und scheint hitze- und trockenresistent zu sein. Saatgut von 100 ausgewählten solcher Bäume soll ab Herbst in Zusammenarbeit des Nationalparks mit dem Bundesforschungszentrum Wald und der BOKU zu einem neuen Wald herangezogen werden und zukünftige Wälder „klimafitter“ machen.

Zurück in den Donau-Auen fürchtet Christian Baumgartner keine direkten Auswirkungen des Klimawandels auf die Arten der Au. „Ich fürchte mich eher vor der menschlichen Reaktion auf den Klimawandel“, meint er und verweist auf verstärktes Entnehmen von Wasser aus der Au als mögliche Folgen von Trockenheit.