Staatssekretär Brunner: „Ich sehe mich als Vermittler“. Staatssekretär Magnus Brunner gilt als türkiser „Aufpasser“ im grünen Umwelt-Ministerium. Großes Thema ist dort gerade das 1-2-3-Ticket, bei dem es aus Niederösterreich Kritik an fehlenden Plänen für die Länder-Tickets und offenen Fragen zu Finanzierung und Infrastruktur gibt. Die NÖN sprach mit dem Vorarlberger beim Besuch in St. Pölten über seine Rolle bei den Verhandlungen, die Forderungen aus NÖ, Wasserstoff-Tankstellen, und die schwierige Balance zwischen Wirtschaft und Gesundheit beim Flugverkehr.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 08. August 2020 (08:53)
BKA/Christopher Dunker

NÖN: Das 1-2-3-Ticket ist gerade großes Thema. Ministerin Leonore Gewessler hat die Einführung der bundesweiten Jahreskarte 2021 angekündigt. Die Länder-Tickets sind noch in Schwebe. Es heißt nur, sie sollen bis zum Ende der Legislaturperiode kommen. Wie geht es da weiter?
Brunner:
Wichtig ist, wenn man das 3er-Ticket einführt, muss es auch einen Fahrplan für die anderen beiden Stufen geben. Die Länder brauchen da eine gewisse Sicherheit, es braucht eine Roadmap – finanziell und organisatorisch. Da braucht es noch intensive Gespräche. Wenn die erste Stufe kommt, also Mitte 2021, muss klar sein, wann die anderen folgen.

Aus Sicht der Länder hätte es die Gespräche längst geben sollen.
Die wurden bereits aufgenommen. Zwischen den Verkehrsverbünden, den Ländern und dem Ministerium laufen Gespräche.

In NÖ gibt es die Sorge, dass das günstige Ticket nicht reichen wird. Man muss auch bei der Infrastruktur nachbessern. Kommt der Bund den Forderungen des Landes hier nach?
Der Rahmenplan mit der ÖBB und das Budget dazu werden im Herbst verhandelt. Aber man darf nicht vergessen, die sogenannte letzte Meile mitzudenken. Unter anderem den Bus. Da muss man attraktive Angebote schaffen und schauen, ob man auf alternative Antriebssysteme umsteigen kann. Der Ausbau der Busfahrpläne wird gemeinsam mit der anderen Infrastruktur mitgedacht werden müssen.

Die ÖVP NÖ hat beim 1-2-3-Ticket zum Teil andere Vorstellungen als Grünen-Ministerin Leonore Gewessler. Sehen Sie sich da in einer Vermittler-Rolle?
Ja, ich sehe mich durchaus als Vermittler. Das 1-2-3-Ticket ist eines der Kernprojekte in unserem Ressort. Ich glaube, dass man die Kritik, die es gegeben hat, ernst nehmen muss.

Sie haben die alternativen Antriebsformen angesprochen. Selbst haben Sie ein Wasserstoff-Auto. Sehen Sie das als Technologie der Zukunft?
Ich glaube, Wasserstoff ist der Allrounder unter den Energie-Technologien. Er hat drei große Anwendungsformen: die Industrie, den Bereich Speicherung und die Mobilität, dort vor allem im Schwertransport. Man darf aber die Technologien nicht gegeneinander ausspielen. Es gibt sinnvolle Anwendungsbereiche der E-Mobilität im individuellen Umfeld und sinnvolle Anwendungsbereiche beim Wasserstoff. Wir werden beides brauchen.

Ich glaube, Wasserstoff ist der Allrounder unter den Energie-Technologien

Bis 2030 soll es 100 Wasserstoff-Tankstellen geben. In Niederösterreich gibt es momentan eine, insgesamt in Österreich fünf. Wann kommen die anderen und wie viele davon in NÖ?
Mir ist es wichtig, die Technologie vor den Vorhang zu holen. Das ist auch der Grund, warum ich ein Wasserstoff-Auto fahre. Bis Jahresende werden wir eine österreichische Wasserstoff-Strategie vorlegen.

Vor Ihrer Zeit in der Bundesregierung waren Sie in der Energie-Branche tätig. Der Ausbau der Erneuerbaren Energie ist ein wesentliches Ziel im Regierungsprogramm. Wie steht NÖ hier da?
Niederösterreich ist da Vorreiter in Österreich – vor allem, was Photovoltaik und Wind betrifft. Das Land ist deshalb auch auf Bundesebene stark eingebunden – etwa bei den Verhandlungen des Erneuerbaren Ausbaugesetzes, das 2021 in Kraft treten soll.

Niederösterreich ist da Vorreiter in Österreich – vor allem, was Photovoltaik und Wind betrifft

Sie sind auch für den Flugverkehr zuständig. Was sind da jetzt die Herausforderungen?
Der Flugverkehr war einer der ersten Bereiche, die betroffen waren von der Krise. Der Flugverkehr ist zum Stillstand gekommen. Das ist für den Wirtschaftsstandort natürlich eine Herausforderung. Die Luftfahrt hat einen unglaublichen Wert für den Wirtschaftsstandort. Jetzt geht’s drum, langsam wieder hochzufahren und die Balance zu halten mit der Gesundheitspolitik. Die richtige Erholung des Flugverkehrs wird aber noch einige Zeit dauern. Auch die AUA-Rettung war eine Herausforderung.

Die Luftfahrt hat einen unglaublichen Wert für den Wirtschaftsstandort

Wirtschaftliche Bedeutung, aber gesundheitliches Risiko: Würden Sie den Menschen vom Fliegen abraten?
Prinzipiell kann ich jedem raten, in Österreich Urlaub zu machen. Wir haben wunderschöne Regionen. Aber natürlich ist jeder selber für sich verantwortlich – genauso für sein Umfeld. Ich setze da auf Eigenverantwortung. Verbieten möchte ich das Fliegen niemandem.

Präsentiert haben Sie gerade Neuerungen für kleinere Flugobjekte – den Drohnen-Führerschein. Was ist die Idee dahinter?
Drohnen liegen voll im Trend. Bisher brauchte man für das Fliegen einer Drohne ab einer bestimmten Größe eine Bewilligung. Das wollen wir vereinfachen mit einer Registrierung. Damit wird es auch billiger. Der zweite Teil ist der Führerschein für den Drohnenpiloten. Da wird’s Online-Kurse und einen Test geben. Ich glaube, dass Drohnen auch für den Wirtschaftsstandort eine Chance sind. Da werden immer mehr Anwendungsfelder dazukommen. Deshalb ist es wichtig, das zu regeln, um die Sicherheit im Luftraum zu gewährleisten.

Ich glaube, dass Drohnen auch für den Wirtschaftsstandort eine Chance sind

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage. Nicht lange nach der Angelobung der neuen Regierung kam die Coronakrise. Gibt es etwas, das Sie persönlich daraus gelernt haben?
Oh ja – unterschiedlichste Dinge. Zum einen, dass man gewisse Dinge bewusster angeht. Dann, dass technologisch in der Arbeitswelt vieles möglich ist. Stichwort Homeoffice. Politisch auch, dass man Abhängigkeiten wirtschaftlich reduzieren muss. Und dass es wunderschön ist, in Österreich Urlaub zu machen.