„Reha Now“ als neue Chance für Arbeitssuchende. Immer mehr NÖ-Arbeitslose können ihren Beruf aufgrund einer schweren Krankheit oder wegen eines Arbeitsunfalls nicht mehr ausüben. Tendenz steigend. Eine Initiative rund um das AMS NÖ will mit beruflicher Reha diesen Menschen eine Chance auf dauerhaften Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt ermöglichen - mit bisher 50 Prozent Erfolgsquote.

Von Norbert Oberndorfer. Erstellt am 29. Oktober 2020 (16:25)
WKNÖ-Präsident Wolfgang Ecker, AMS-NÖ-Landesgeschäftsführer Sven Hergovich, AK-NÖ-Präsident Markus Wieser, stv. Chefärztin der Pensionsversicherungsanstalt Brigitte Preier und Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrums (BBRZ)-Geschäftsführer Roman Pöschl bei der Präsentation von "Reha Now" in St. Pölten (v.l.n.r.)
Norbert Oberndorfer


14.475 aller Arbeitslosen in NÖ haben aufgrund einer schweren Erkrankung oder wegen eines Unfalls ihren Arbeitsplatz verloren. „Das ist jeder Fünfte“, sagt AMS-NÖ-Landesgeschäftsführer Sven Hergovich. Alle Altersgruppen seien betroffen, nicht nur die über 50-Jährigen. Nachdem der Zugang zur Invaliditätspension 2012 erschwert worden ist, habe sich die Zahl der Arbeitsuchenden mit gesundheitlichen Problemen mittlerweile verdreifacht, sagt Hergovich. Arbeitssuchende mit gesundheitlichen Problemen seien für AMS-Beraterinnen und Berater eine „Herausforderung“, weil sie schwer zu vermitteln sind und mehrfach betroffen sind. 

„Zurück ins Leben“

Mit der gemeinsamen Initiative „Reha Now“ vom AMS-NÖ,  der Pensionsversicherungsanstalt (PV), Arbeiterkammer NÖ (AKNÖ), Wirtschaftskammer NÖ (WKNÖ) und des Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrums (BBRZ) sollen diese Arbeitssuchenden wieder „in die Spur des Lebens kommen“, wie es AKNÖ-Präsident Markus Wieser ausdrückt. "Es ist ein saugeiles Konzept", "Ich bin ein neuer Mensch" und "Man ist kein Akt. Man wird wahrgenommen", werden drei Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf einer Werbebroschüre der Initiative "Reha-Now" zitiert.

4,3 Millionen Euro standen 2019 für 903 Teilnehmende der freiwilligen beruflichen Rehabilitation zur Verfügung. Eine ähnliche Summe steht vermutlich auch 2020 parat. 50 Prozent der „Reha-Now“-Teilnehmer haben den dauerhaften Wiedereinstieg durch individuelle Beratung, Ausbildungen, Umschulungen, Qualifizierungsmaßnahme und gesundheitlicher Rehabilitation mit Hilfe der vier Partnerorganisationen geschafft. Eine Erfolgsquote, die für sich spreche, so Hergovich. Die andere Hälfte haben aufgrund einer Verschlechterung ihres Krankheitsverlaufs, Folgeerkrankungen oder anderen Gründen den Wiedereinstieg nicht geschafft.

Psychosoziale Erkrankungen im Vorlauf

Probleme mit Stütz- und Geh-Apparat waren früher oft der Grund für eine Arbeitsunfähigkeit – auf Dauer oder zeitlich begrenzt. Heute sind es Menschen, die wegen eines Burnouts, Überforderung oder anderen psychosozialen Erkrankungen ihren Job nicht mehr ausüben können, sagt AK-NÖ Präsident Markus Wieser.

Es sei eine „win-win-Situation“, wenn ein Arbeitnehmer durch eine „Reha-Now“-Teilnahme mit neuen Kompetenzen, gesund und persönlich gestärkt zu seinem alten Arbeitgeber zurückkehren kann. An den Gesetzgeber appelliert Wieser den Schutz für Arbeitnehmer im Krankheitsfall auszubauen.

„Von reiner Fachlichkeit zum Mensch als Gesamtkunstwerk“

Die Art der beruflichen Rehabilitation habe sich stark gewandelt, sagt Roman Pöschl, Geschäftsführer der BBRZ – eine Entwicklung von einem starren Reha-Plan zu individueller Rehabilitation. Früher ging es um reine Fachlichkeit, „das geht heute so nicht mehr“, sagt Pöschl. Heute werde der Mensch als Persönlichkeit und Gesamtkunstwerk betrachtet. Die Gründe dafür liegen auch an dem Wandel der Anforderungen im Berufsleben und auch an dem rasanten Anstieg an psychischen Erkrankungen.

„Unternehmen fordern heute Teamfähigkeit, intrinsische Motivation, selbstständiges Arbeiten – das sind neue Formen“, sagt Pöschl. Bei „Reha-Now“ stehe der Selbstkompetenzen-Erwerb und die Entwicklung der Persönlichkeit im Vordergrund, sagt Pöschl.

Medizinische Rehabilitation reicht meistens nicht aus

Mit einem Antrag auf freiwillige berufliche Rehabilitation werden anhand der Befunde die eingetretene oder drohende Berufsunfähigkeit geprüft, sagt Brigitte Preier, stellvertretende Chefärztin der PVA. Wenn eine berufliche Rehabilitation als „zweckmäßig“ und „zumutbar“ beurteilt wird (je nach Alter, Situation) erfolgt die Bewilligung mit dem BBRZ. Zur Reha können Umschulungen, neue Berufsqualifizierungen oder eben das Erlernen eines neuen Berufs gehören. Eine reine medizinische Rehabilitation reiche meistens nicht aus, sagt Preier.

Die Pension vor Augen

Im Rahmen eines Invaliditäts- bzw. Berufsunfähigkeits-Pensionsantrags, der zunächst als Antrag auf Leistungen der beruflichen und medizinischen Rehabilitation behandelt wird, wird die medizinische "Restleistung" (welche Belastung dem Antragsteller noch zumutbar ist) beurteilt. Wenn festgestellt wird, dass der Antragsteller in seinem erlernten und ausgeübten Beruf nicht mehr arbeiten kann, in einem anderen Beruf jedoch sehr wohl noch, wird zusätzlich eine Berufspotentialanalyse und eine Reha-Planung durchgeführt. Für die genannten Maßnahmen bestehe eine Mitwirkungspflicht für die antragstellende Person. Die Erfolgschancen auf diesem verpflichteten Weg für eine berufliche Rehabilitation sind in der Regel sehr schlecht, „da viele die Pensionierung schon vor Augen haben." Ein Wiedereintritt ins Berufsleben steigere das Selbstwertgefühl, sagt Preier.

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