Niederösterreich ist das Land der Titel. Österreicher schmücken sich mit 1.800 Titeln. In NÖ gibt‘s 300, die sonst nirgends existieren.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 12. August 2020 (03:02)
Bildungseinrichtungen verleihen akademische Titel. Daneben gibt es aber noch viele andere.
Shutterstock.com/Fotoinfot

Grüß Gott Frau Magistra, habe die Ehre Herr Hofrat, willkommen Herr Bergrat honoris causa. Die Österreicher haben den Ruf, besonders großen Wert auf Titel vor ihrem Namen zu legen. Mit dem Meister, der ab 21. August in offiziellen Dokumenten geführt werden kann (siehe unten), reiht sich nun ein weiterer in die Liste.

Insgesamt werden hierzulande 1.800 Titel und Standesbezeichnungen in unterschiedlichen Wortlauten unterschieden. Das hat Heinz Kasparovsky, Leiter der Abteilung Internationales Hochschulrecht und Anerkennungsfragen im Wissenschaftsministerium, für sein Buch „Titel in Österreich“ herausgefunden.

Unterscheidet man die noch nach Spezifizierungen, kommt man sogar auf 2.600. Abseits der akademischen Grade, also Magister, Doktor oder Master, können sich die Österreicher mit Berufs- und Amtstiteln schmücken lassen. In Niederösterreich legt man darauf offenbar besonders viel Wert: „NÖ ist hier Spitzenreiter“, sagt Kasparovsky. Gefunden hat er hier 300 Titel, die in keinem anderen Bundesland existieren. Als Beispiel nennt er die Agrar-Oberbaurätin der Landesregierung.

„Titel kommen aus der Monarchie. Irgendwann ist das zum Ego geworden.“ Heinz Kasparovsky

Dass es hier überhaupt Unterschiede zwischen den Bundesländern geben kann, liegt daran, dass drei Stellen in Österreich Titel verleihen dürfen. Akademische Titel verleihen nur Bildungseinrichtungen.

Berufstitel werden vom Bundespräsidenten verliehen – so etwa der Professor für Menschen, die im Kultur- oder Literaturbereich Herausragendes geleistet haben. Zusätzlich dazu dürfen Bund und Länder weitere Titel einführen.

„Wenn man die vielen Titel in NÖ positiv sehen möchte, könnte man sagen, dass das Land da sehr genau ist und alles gesetzlich festhält“, schmunzelt Kasparovsky.

Titel-Affinität kommt noch aus der Monarchie

Die Titel-Affinität geht laut Kasparovsky noch auf die Habsburger-Zeit zurück. In der Monarchie war das Land so groß, dass es Hierarchien gebraucht habe. Dafür haben Titel gesorgt. „Heute ist die Situation natürlich anders. Irgendwann ist das gekippt und zum Ego geworden“, meint der Titel-Experte.

Das Badener Marktforschungsinstitut marketagent wollte 2016 wissen, wie Titelträger eingeschätzt werden. Damals meinten 61,8 Prozent der Befragten, dass Titelträger erfolgreicher seien. 64 Prozent hielten sie für machthungriger. Und mehr als die Hälfte (56,2 Prozent) gab an, dass ein Titel im Berufsleben eher wichtig ist. „Geändert hat sich am Wertlegen auf Titel bisher nichts – auch nach der Umstellung auf das System mit Bachelor und Master nicht“, so Kasparovsky.

Grund, sich über die Österreicher lustig zu machen, ist das für ihn aber keiner. „Auch in anderen Ländern gibt es das Bedürfnis, sich zuzuordnen oder zu zeigen, dass man jemand ist. Aber in anderer Form eben.“