Peter Filzmaier: „Politische Bildung ist nicht wie Fahrradfahren“

Erstellt am 29. Juni 2022 | 05:34
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Symbolbild
Die Landtagswahl im März 2008 war eine der ersten, bei der bereits 16-Jährige wählen durften. Die Senkung des Mindestalters bescherte dem Land damals rund 45.000 zusätzliche Wähler. Peter Filzmaier (kleines Bild) will laufende Initiativen und Bildungsangebote in vielen Bereichen.
Foto: Ernst Weingartner; privat
Seit 15 Jahren dürfen 16-Jährige wählen. Das politische Interesse stieg seither. Für Demokratie-Bildung werde aber zu wenig getan: Politologe Peter Filzmaier vermisst laufende Initiativen, die Jugend ein eigenes Schulfach.

Mit 16 darf man Bier trinken, Lose kaufen – und seit 15 Jahren auch wählen. Am 29. Juni 2007 trat das Gesetz in Kraft, mit dem das Mindestwahlalter von 18 auf 16 Jahre gesenkt wurde. NÖ war 2008 eines der ersten Länder, in denen es zur Anwendung kam.

Ziel war es, durch die frühe Möglichkeit zur Mitbestimmung das politische Interesse Junger zu stärken und die seit Jahren sinkende Wahlbeteiligung zu heben: Denn während bei der Landtagswahl 1969 noch 92 Prozent ihre Stimme abgaben, waren es 2018 nur 67 Prozent.

Die Jungen sind hier aber besser als ihr Ruf, betont der Politik-Wissenschaftler der Donau-Uni Krems, Peter Filzmaier heute: „Es kommt auf die Wahl an, doch entgegen allen falschen Klischees entspricht die Beteiligung 16- bis 18-Jähriger jener aller Altersgruppen.“

Interesse junger Menschen an Politik gestiegen

In Bezug auf das Interesse junger Menschen an der Politik sieht er einen Erfolg: Langzeitstudien zeigen, dass es sich seit 2007 erhöht hat. „Das gilt nicht nur für den ‚Reiz des ersten Mals‘“, meint der Experte und erklärt, dass genau das das Ziel sei. Die 20- bis 29-Jährigen seien nämlich die Gruppe, die der Politik sonst oft verloren gehe. Ob sich an der politischen Beteiligung und am Interesse in der jüngeren Vergangenheit etwas verändert hat, soll bis Ende des Jahres eine von Staatssekretärin Claudia Plakolm beauftragte Studie zeigen.

Schulfach „Politische Bildung“ gefordert

Die Bundesjugendvertretung betont, dass sich Junge für ihr Umfeld und Themen wie Klima, Bildung und globale Konflikte interessieren.

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Elisabeth Ivancich spricht sich für das Fach Politische Bildung aus.
Foto: privat

Von der Politik fühlen sie sich nicht immer abgeholt. „Politisches Interesse ist kein Selbstläufer“, sagt Vorstandsmitglied Elisabeth Ivancich. Ein eigenes Fach „Politische Bildung“ sei in allen Schultypen seit 2007 überfällig.Bildungslandesrätin Christiane Teschl-Hofmeister spricht sich zwar auch für eine Verstärkung des Lernens über Politik aus. In welcher Form, sei aber vom Schultyp abhängig: „Ob eigenes Fach, Workshops, fächerübergreifende Themen und Materialien – es müssen die richtigen pädagogischen Konzepte gefunden werden.“

Für Filzmaier geht die Notwendigkeit der Bildungs- und Infoangebote über die Schule hinaus. „Politische Bildung ist nicht wie Fahrradfahren, das man nur einmal lernt.“ Er kritisiert, dass die 2007 gestartete Demokratie-Initiative des Bildungsministeriums „in dieser Dimension“ 2008 schon wieder vorbei war. Zudem brauchen aus seiner Sicht alle Bezugspersonen von Jugendlichen Aus- und Weiterbildung auf diesem Gebiet. Dazu zählt er Trainer, Streetworker und Offiziere.