Bauwirtschaft trägt ein Zehntel der NÖ-Wirtschaft

Erstellt am 28. Juni 2022 | 13:45
Lesezeit: 4 Min
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In Niederösterreich werden pro Jahr rund 5.000 Ein- und Zweifamilienhäuser für 1,83 Milliarden Euro gebaut. Allein ein neues Ein- und Zweifamilienhaus mit 150 Quadratmeter Wohnnutzfläche sichert 2,7 Arbeitsplätze und schafft 219.000 Euro an Wertschöpfung.
Foto: Unsplash/Chuklanov
Der Bausektor generierte im Vorjahr 5,7 Milliarden Euro an Wertschöpfung und sicherte 74.000 Jobs in Niederösterreich. Das zeigte eine Studie der KMU Forschung Austria im Auftrag der Wirtschaftskammer NÖ. Für Herbst und das Jahr 2023 erkennt die Branche aber bereits einen Auftragsrückgang. Die Preisrallye bei Rohstoffen und Lieferkettenprobleme treiben den Bauherren die Baulust aus. Der Vorsitzende der Bauindustrie Stefan Graf sieht in dem aktuellen Risikoumfeld die öffentliche Hand als Auftraggeber in der Pflicht.

"Häusl bauen" wird zunehmend zum Hochrisikoprojekt - sowohl für Bauherren als auch für Baufirmen. Galoppierende Rohstoffpreise, Energiekosten und Lieferkettenprobleme erschweren allen Parteien Bauprojekte nach Zeit- und Kostenplan durchzuziehen. Mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hätten sich alle Parameter verändert. "Der Baukostenindex ist allein in den letzten vier Monaten um exorbitante 15 Prozent gestiegen. Im gesamten Jahr 2021 waren es nur um 18 Prozent mehr", sagt Bau-Landesinnungsmeister Robert Jägersberger.

NÖ-Bauwirtschaft profitiere nicht von Preisrallye

"Wir kalkulieren mit Preisen von gestern, die morgen aber nicht mehr gelten. Wir wissen nicht, was nächstes Jahr sein wird", so Jägersberger. Dass die Bauwirtschaft von Mitnahmeeffekten profitiert - wie Gesundheitsminister Johannes Rauch kürzlich im ORF suggerierte, weise er entschieden zurück. Vielmehr sei der Bausektor "Durchläufer und Kostenkalkulator, nicht Marktpreismacher". Man müsse wie auch die Bauherren die gesamte Preisentwicklung mittragen. Die Branche sei jedenfalls durch die Krisen gefordert, etwa mit Lohnfixpreisen oder anderen Modellen die Vertragssituation für alle Parteien zu verbessern.

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von links: Stefan Graf, Vorsitzender der Fachvertretung Bauindustrie, Studienautorin Christina Enichlmair von der KMU Forschung Austria, WKNÖ-Präsident Wolfgang Ecker und Robert Jägersberger, Landesinnungsmeister Bau, präsentierten die Ergebnisse der Studie „Die Bedeutung der Wertschöpfungskette Bau in NÖ.“
Foto: Josef Bollwein

Noch sind die Auftragsbücher der Bauwirtschaft voll. Aber für Herbst kristallisiert sich bereits ein Rückgang von Baugenehmigungen heraus: Eine Reduktion der Nachfrage im Bausektor sei spürbar. Auch die öffentliche Hand beginne Projekte hinauszuschieben, sagt Stefan Graf, Vorsitzender der Bauindustrie in der WKNÖ. "Wir merken an allen Ecken und Kanten, dass wir an Boden verlieren. Besonders 2023, wahrscheinlich auch 2024, werden schwierige Zeiten auf uns zukommen." Generell prognostizieren Euroconstruct und Wifo ein deutlich reduziertes Wirtschaftswachstum für kommendes Jahr. 

Öffentliche Hand soll Bauaufträge erteilen

Graf fordert von der Politik "stabile Rahmenbedingungen" und eine "klare, wirtschaftliche Strategie", die er bis dato vermisse. Die öffentliche Hand müsse als Auftraggeber mutig in der Krise investieren, "dass wir nachher produktiver und wettbewerbsfähiger daraus hervorgehen." Als mögliche Investitionsbereiche nennt Graf etwa den Straßen-bau, die Schiene, den Wohnungsmarkt und den Breitbandausbau.

Graf und Jägersberger rechnen künftig mit einer Stabilisierung der Preise auf einem hohen Niveau. Bei einem Rückgang der Nachfrage würden jedenfalls auch die Preise für Baustoffe enorm fallen.

Ecker: "Bauwirtschaft ist Triebfeder für den Wirtschaftsstandort"

Eine "Triebfeder für den Wirtschaftsstandort" sei die Bauwirtschaft mit seinen Verflechtungen und garantiere damit in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten Stabilität, sagt WKNÖ-Präsident Wolfgang Ecker. Ecker fordert für die Bauwirtschaft Zuschüsse und Förderungen mit angemessenen Laufzeiten, damit Aufträge nicht ins Ausland vergeben werden. Der Ausbau der Kreislaufwirtschaft, die Wiederverwendung von Baumaterialien, der Ausbau der Erneuerbaren und die thermische Gebäudesanierung wie auch PV-Ausbau stellen künftige Herausforderungen dar.

Dass der Bausektor mit Hoch-, Tiefbau und Bauinstallationsfirmen wie Installateure, Bauschlosser, Maler, Glaser und Dachdecker jedenfalls für den Wirtschaftsstandort Niederösterreich eine ordentliche Wertmaschinerie ist, zeigt eine Studie der KMU Forschung Austria im Auftrag der Wirtschaftskammer NÖ. Die NÖ-Bauwirtschaft inklusive diversen Vorleistungen produziere demnach einen Wert von 14,48 Milliarden Euro (13,2 % des gesamten Produktionswert Niederösterreichs), generiere dabei 5,7 Milliarden Euro an Wertschöpfung (11,1 % der NÖ-Gesamtwertschöpfung), schaffe 3,27 Milliarden Euro Einkommen für Beschäftigte (12,2 % des NÖ-Gesamteinkommens) und sichere bzw. schaffe hierzulande rund 74.000 Jobs.

Haus mit 150q2 Wohnfläche sichert 2,7 Jobs ab

In Niederösterreich werden pro Jahr rund 5.000 Ein- und Zweifamilienhäuser mit einem Investitionsvolumen von 1,83 Milliarden Euro gebaut. Ein einziger Neubau eines Ein- und Zweifamilienhauses mit 150 Quadratmeter Wohnnutzfläche für Baukosten mit rund 366.000 Euro schaffe einen regionalwirtschaftlichen Produktionswert von 511.600 Euro, 219.900 Euro an Wertschöpfung und sichere 2,7 Jobs ab, sagt Studienleiterin Christina Enichlmair von der KMU Forschung Austria. Ein Neubau eines Kindergartens mit 1,54 Millionen Euro Baukosten generiere 900.000 Euro an Wertschöpfung und die energetische Gebäudesanierung mit Tausch des Heizungssystem von Öl- und Erdgas auf Biogene, Wärmepumpen bzw. Fernwärme mit Investitionen von 1,83 Milliarden Euro würde 1 Milliarde Euro an Wertschöpfung auslesen.