Grenzenlose Wildnis: einst getrennt, heute vereint. Viele Jahre war Carina Rambauske als Redakteurin für die NÖN in Niederösterreich unterwegs. Aktuell fährt sie im Auftrag von ecoplus durch das Bundesland, um mit den Unternehmerinnen und Unternehmern in der Grenzregion über den Fall des Eisernen Vorhangs und die wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Region zu sprechen.

Von Carina Rambauske. Erstellt am 10. Oktober 2019 (08:50)
Michael Lenz/Milestones in Communication
Unterwegs im Nationalpark Thayatal: Nationalparkdirektor Christian Übl mit Carina Rambauske.
 

Teil 4 unserer Blog-Serie mit Besuch im Nationalpark Thayatal

Dichte Wälder, raschelnde Büsche und die Thaya, die sich durch das Tal schlängelt. An ihren Ufern streifen Wildkatzen versteckt durch das Dickicht, Mäuse huschen über die Waldwege und Seeadler kreisen über den Baumwipfeln. Unberührte Natur wie die des Nationalparks Thayatal gibt es hier, am nördlichsten Rand Niederösterreichs, seit Jahrzehnten.

Genauso wie die Schilder mit dem Hinweis „Achtung Staatsgrenze – Flußmitte“. Und die hellgrün-türkise Brücke in Hardegg, die Österreich und Tschechien verbindet.  Heute ist diese eine beliebte Überfahrt über die Thaya bei Wanderungen und Radtouren. Früher war die Brücke das Ende der Welt, wie man sie kannte. Ihr verrostetes Stahlgerüst war ein deprimierendes Sinnbild dieser Trennung.

Michael Lenz/Milestones in Communication
Bevor die Wildkatze im 19. Jahrhundert beinahe ausgerottet wurde, streifte über 200.000 Jahren durch die Wälder Europas. Vor einigen Jahren konnte die Wildkatze im Nationalpark Thayatal wieder nachgewiesen werden, in dem seit einiger Zeit auch Frieda zu Hause ist.

„Einst“, erinnert sich Nationalparkdirektor und Retzer Christian Übl, „war es eine sehr bedrückende Situation“. Oft, wenn er von Hardegg über den Fluss auf tschechisches Gebiet blickte, sah er Soldaten mit ihren Hunden und Gewehren patrouillierten. „Durch die Grenze hat die zweite Hälfte gefehlt“, sagt Übl weiter. Mit der Grenzöffnung 1989 wurde aus diesen zwei Hälften ein Ganzes: der grenzüberschreitende Nationalpark Thayatal auf österreichischer und der Národní Park Podyjí auf tschechischer Seite. Und die Brücke? Sie wurde vom Symbol der Trennung zum Symbol grenzüberschreitender Zusammenarbeit.

Grenzfall: Ein Nationalpark entsteht

Als am 26. Dezember 1989 der Grenzzaun in weiten Teilen Niederösterreichs schon geöffnet war, war diese Brücke nach wie vor geschlossen. Bis die Hardegger und Tschechen die Sache selbst in die Hand nahmen, von beiden Seiten zur Brücke strömten, über die rostigen Eisentraversen zum Nachbarn balancierten und sich ineinander in die Arme fielen. „Die Euphorie, die die jahrelange so bezeichnende Perspektivenlosigkeit abgelöst hat, war unbeschreiblich“, erzählt Übl.

Nachdem 1948 die Grenze abgeriegelt und 1951 der Zaun errichtet wurde, durfte die Zone zwischen Grenze und Thaya nicht mehr betreten werden. Sie wurde zum Sperrgebiet für die Menschen, zur Einschränkung ihrer Freiheit. Die Natur jedoch konnte sich in dieser verlassenen Zone über Jahrzehnte hinweg entfalten. Bald nach der Grenzöffnung wurde erkannt, wie besonders das ist und Pläne, diese gemeinsam zu bewahren, wurden geschmiedet.

1991 wurde der Národní park Podyjí auf tschechischer Seite gegründet und in Österreich eine Machbarkeitsstudie für die Errichtung des Nationalparks Thayatal beauftragt. Im Mai 2000 wurde schließlich die Vision eines grenzüberschreitenden Nationalparks Wirklichkeit. Seither schützt der Naturraum auf 6.300 Hektar auf tschechischer Seite und 1.360 Hektar auf österreichischer Seite das Thayatal zwischen Frain (Vranof) und Znaim. Und mittendrin: Hardegg, die kleinste Stadt Österreichs, in der sich nicht nur die 80 Einwohner, sondern auch Fuchs, Hase und Katze gute Nacht sagen. So sehr haben sich die Thayatal-Bewohner aneinander gewöhnt.

Nach jeder Kurve eine andere Vielfalt

Von außen ist die Besonderheit des Nationalparks kaum erkennbar. Doch drinnen: wunderschöne Flussschleifen – „sie machen den Park zum kleinen Grand Canyon Österreichs“ –, aufsteigende Hangwälder und einladende Wiesen entlang der Thaya, die sich durch die Landschaft schlängelt. „Im Thayatal reicht es oft, wenn man um eine Kurve geht und schon ist die Natur wieder ganz anders“, zeigt Übl auf acht unterschiedliche Straucharten innerhalb weniger Meter während er durch den Wald spaziert.

Fast die Hälfte aller Pflanzenarten Österreichs – nämlich rund 1.290 – sind im Nationalpark zu finden. Und das trotz seiner kleinen Größe. „Von einigen Tierarten, die in ganz Österreich nur bei uns leben, gibt es nicht einmal einen deutschen, sondern nur einen lateinischen Namen“, sagt der Biologe stolz.

„Born to be wild“: von der Wildkatze zum Camp

Seine tierischen Bewohner wissen die Vielfalt des kleinsten Nationalparks Österreich seit Jahrzehnten zu schätzen. Hier tummeln sich unter anderem Schwarzspechte, Feuersalamander und sogar Wildkatzen, die in Österreich lange Zeit als ausgestorben galten. Und mittlerweile tausende Naturliebhaber aus unterschiedlichsten Nationen, die den Nationalpark auf insgesamt hundert Kilometern Weglänge alljährlich bewandern.

Auch für zunehmend viele Kinder und Jugendliche wird die grenzenlose Wildnis des Nationalparks Thayatal zum Erlebnis. Möglich macht das das 2018 eröffnete Wildkatzen-Camp, das einerseits mit 60 Betten, Sanitäreinrichtung, Outdoorküche und Lager-Feuerstellen angenehmen Komfort bietet, während andererseits im angrenzenden Nationalparkwald das wilde Abenteuer wartet. „Mit dieser Kombination laden wir Kinder und Jugendliche ein, eine Beziehung zur Natur aufbauen, die zunehmend oft verloren geht“, beschreibt der Nationalparkdirektor. Fast ohne Ausnahme kommen sie in der unberührten Wildnis des Thayatals schnell auf den „born to be wild“-Geschmack. So, wie es die tierischen Bewohner des Nationalparks seit Jahrzehnten tun – mit oder ohne Grenze.