Vom Rand Österreichs ins Herz Europas. Viele Jahre war Carina Rambauske als Redakteurin für die NÖN in Niederösterreich unterwegs. Aktuell fährt sie im Auftrag von ecoplus durch das Bundesland, um mit den Unternehmerinnen und Unternehmern in der Grenzregion über den Fall des Eisernen Vorhangs und die wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Region zu sprechen.

Von Carina Rambauske. Erstellt am 08. Oktober 2019 (14:59)
Michael Lenz/Milestones in Communication
Was bei Pollmann vor 130 Jahren mit der Uhrenerzeugung begann, entwickelte sich zur Herstellung elektromechanischer Baugruppen für die Automobilindustrie. Die Cousins Robert und Markus Pollmann führten Carina Rambauske durch den Familienbetrieb, den sie in vierter Generation leiten.

Teil 3 unserer Blog-Serie mit Besuch beim Automobilzulieferer Pollmann in Karlstein.

Was Uhren, Videorekorder und Schiebedächer gemeinsam haben? Sie alle sind zum Teil made im Waldviertel. Genauer gesagt: in Karlstein, in den Produktionshallen von Pollmann. 600 Einwohner zählt die kleine Ortschaft an der Thaya. 650 Mitarbeiter das Unternehmen – und das lediglich im Waldviertel. Weitere 805 sind es an den Standorten in Tschechien, China und Amerika.

Michael Lenz/Milestones in Communication

Doch der Reihe nach: 1888 gründete Franz Pollmann eine Uhrenmacherei in Karlstein, in der er auch andere technische Geräte produzierte – etwa Füllstandsanzeigen oder Manometer während des Zweiten Weltkriegs und später mechanische Zähler für die Tonbandindustrie von Philips. Bis der Erfolg Mitte der 1970er-Jahre durch den Einzug der Elektronik einbrach und beinahe die Hälfte der 300 Mitarbeiter gekündigt werden mussten. Aufgeben war für das Waldviertler-Unternehmen jedoch keine Option. „Unsere Väter haben damals erkannt, dass unser technisches Know-how genauso gut für die Automobilindustrie genutzt werden kann“, erzählen die Cousins und Firmeneigentümer Robert und Markus Pollmann. Wenig später war Pollmann Alleinlieferant von Kilometerzählern für Ford und Crysler – weltweit.

Grenzfall: Vom Nach- zum Vorteil

Und das obwohl die Waldviertler, bedingt durch den zehn Kilometer weit entfernen Eisernen Vorhang, das Gefühl hatten, am Ende der Welt zu sein: „Nördlich von Karlstein gab es einfach nichts. Wir wussten zwar, dass da Tschechien war, aber defacto war es da aus“, schildert Markus Pollmann. „Obwohl wir nur wenige Kilometer entfernt aufwuchsen, setzten wir nie einen Fuß auf tschechisches Gebiet. Ganz im Gegenteil: Beim Schwammerl suchen wurde uns eingebläut, ja aufzupassen nicht rüber zu gehen“, fügt Robert Pollmann hinzu.

Der Grenzfall vor 30 Jahren änderte das und eröffnete der Unternehmerfamilie neue Möglichkeiten. Zu dieser Zeit fuhren die beiden als junge Erwachsene zum ersten Mal über die tschechische Grenze – in beruflicher Mission, auf der Suche nach der Vergabe von Lohnarbeit. Sie landeten schließlich in Jindrichuv Hradec, wo sie das Lada-Werk mit der Arbeit beauftragten. Zwei Jahre später, 1991, kauften sie das Unternehmen.  „Das war der Anfang unseres Wachstums, der erste, zarte Schritt in Richtung Internationalisierung. Was jahrelang ein Nachteil war“, erzählen die Firmenchefs, „wurde jetzt zum Vorteil: Wir rückten vom Rand Österreichs in das Herz Europas“.

Weltweit kaum ein Auto ohne Pollmann

Wenig später, Mitte der 90er-Jahre, neigte sich die Ära der mechanischen Zähler und Videorekorder dem Ende zu und eine neue, technische Innovation musste dringend her. Mehr durch einen Zufall begann Pollmann, sich in Richtung Schiebedach-Kinematik, Türschlosssysteme und Motorraum umzuorientieren – mit Erfolg. Heute gibt es weltweit kaum eine Automarke, die nicht zumindest eine Komponente von Pollmann in ihren Fahrzeugen eingebaut hat.

Mit der Standorteröffnung 2001 in Amerika und 2006 in China wurde die internationale Präsenz weiter ausgedehnt. Erst vor kurzem wurde in Kunshan nähe Shanghai auf die nahezu doppelte Größe erweitert. Da auch der Karlstein-Standort – „die Mutter des Unternehmens“ – seine Raumkapazität bereits ausschöpft, baut Pollmann aktuell in Vitis um 17 Millionen Euro ein neues Werk und legte stattdessen – auch infolge der Präsidentschaftswahl – die geplanten Ausbaupläne in Mexiko auf Eis.

Mit Selbstinitiative durch Krisen

Auf die Frage nach dem Erfolgsrezept, das durch sämtliche Höhen und Tiefen, zwei Weltkriege und die Wirtschaftskrise 2008 manövrierte, antworten die beiden Firmenchefs während sie inmitten der großen Produktionshallen in Karlstein stehen. Das sei die Antwort, sagen die beiden, während sie mit einem Armschwenk auf die Mitarbeiter deuten, die durch die Produktionshallen wuseln, die Maschinen bedienen und an neuen Lösungen tüfteln. Gut ausgebildete, engagierte und loyale Leute – auch deshalb werde so intensiv in die Ausbildung investiert. 46 Lehrlinge – ein Drittel davon Mädchen – werden aktuell in acht unterschiedlichen Berufssparten ausgebildet.

Außerdem habe, erklären die Pollmann-Cousins weiter, der Erfolgskurs viel mit dem Charakter des Waldviertels zu tun: „Geografisch bedingt waren um uns nur wenig andere Unternehmen, weshalb wir schon damals einen relativ hohen Anteil an Eigenanfertigung hatten. Man hat es entweder selbst gemacht oder gar nicht. Dadurch entstanden innovative Ideen, mit denen wir auf uns aufmerksam machen konnten.“ Diese Selbstinitiative helfe in jeder Krise. Unabhängig davon, ob diese mit Uhren, Videorekordern oder Schiebedächern zu tun habe.