„Massive Probleme“ bei Personalrekrutierung. Acht von zehn Betrieben haben laut Industriellenvereinigung NÖ Probleme beim Finden von Fachkräften. Mit dem Regierungsprogramm sei man weitgehend zufrieden.

Von Anita Kiefer. Erstellt am 14. Januar 2020 (16:55)

Grundsätzlich zufrieden zeigte sich der Präsident der Industriellenvereinigung (IV) NÖ, Thomas Salzer, heute Vormittag vor Journalisten mit dem Regierungsprogramm der neuen Bundesregierung. So befürworte er etwa das Bekenntnis zur Stärkung des Industrie- und Wirtschaftsstandorts ebenso wie die Pläne zur Senkung der KÖSt auf 21 Prozent, das Bekenntnis zur weiteren Entbürokratisierung, den Fokus auf die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, Anm.) und die angekündigten Maßnahmen zur organisierten Zuwanderung und der Reform der Rot-Weiß-Rot-Karte. Auch den Versuch, einen Ausgleich zwischen den Interessen der Umwelt und der Wirtschaft zu finden, begrüßt er.

Einige Kritikpunkte fand Salzer aber auch. „Uns wäre recht gewesen, wenn vor allem die Finanzierung der Maßnahmen deutlicher geregelt wäre“, so der IVNÖ-Präsident. Außerdem wolle er der neuen Regierung „Mut zusprechen, die Potenziale einer Lohnnebenkostensenkung zu prüfen“. Aktuell würden die Österreicherinnen und Österreicher zwar an und für sich im Vergleich gut verdienen, ihnen bliebe aber vom Bruttolohn netto zu wenig über. Mit einer Senkung der Lohnnebenkosten würde auch der Druck auf die (Industrie-)Betriebe bei Kollektivvertragsverhandlungen sinken, so Salzer.

Auch der Ablehnung des Handelsabkommens mit den Mercosur-Staaten steht er kritisch gegenüber. Zwar verstehe er die Argumente der Gegner. „Man kann Handelsabkommen aber auch dazu nutzen, dass sich in diesen Ländern etwas positiv verändert.“ Auch konkrete Bekenntnisse zu Reformen in den Bereichen Verwaltung, Pensionen und Gesundheit würden fehlen.

Ein „großes Fragezeichen“ sehe er außerdem bei der Frage der ökosozialen Steuerreform. Man müsse die generelle Steuerquote ebenso wie die Lohnnebenkosten in Österreich senken, so Salzers Forderung. Es brauche eine Vereinfachung des Gesamt-Steuersystems. Sorgen würden ihm, so Salzer, zu hohe CO2-Abgaben im Rahmen einer ökosozialen Steuerreform bereiten, die Betriebe treffen, die ohnehin vom Emissionshandelsgesetz erfasst sind – denn noch höhere Abgaben könnten dazu führen, dass Betriebe abwandern und Arbeitsplätze vorhanden sind.

Auch Geberit spürt Mangel an Fachkräften

Der Bildungssprecher der IVNÖ und gleichzeitig Geschäftsführer der Firma Geberit aus St. Pölten, Helmut Schwarzl, betonte, dass die Industriebetriebe „massive Probleme in der Rekrutierung von MINT-Personal“ haben. Er begrüßt daher ebenso die Fortsetzung der MINT-Offensive der neuen Bundesregierung. „Schade ist hingegen, dass sich die Koalitionspartner im Schulbereich nicht zu mutigeren Reformen durchringen konnten. Nach wie vor fehlt es an einem parteiübergreifenden Bildungsdialog, an strategischen Zielbestimmungen für Bildung sowie an einer umfassenden Begabten- und Spitzenförderungsstrategie“, so Schwarzl.

Auch in seinem Betrieb bemerke er trotz intensiver Bemühungen um Fachkräftenachwuchs, dass die Qualität der potenziellen Nachwuchs-Fachkräfte sinke. Eigentlich nehme Geberit jährlich fünf bis sechs neue Lehrlinge auf, betonte Schwarzl auf Nachfrage von Journalisten – im Herbst 2019 sei dies erstmals nicht gelungen. Es wurden nur vier Lehrlinge aufgenommen, und das bei über 70 Bewerberinnen und Bewerbern. „Die Qualität der Bewerber ist massiv gesunken. Wir haben auch das Level unseres Eignungstests abgesenkt.“

IVNÖ-Chefökonom Christian Helmenstein präsentierte außerdem eine Studie zu den Verdienstmöglichkeiten von Lehrabsolventen in der NÖ Industrie, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. „Die Ergebnisse zeigen, dass Industrielehrberufe ein höheres oder zumindest gleich hohes Lebenseinkommen wie einige Berufe mit Universitätsausbildung bieten“, so Helmenstein. Auch der Unterschied zwischen nach wie vor vor allem von Frauen und Männern gewählten Berufen sei laut dieser Zahlen eklatant. So verdient eine gelernte Fachkraft im Einzelhandel im Lauf ihres Lebens rund drei Millionen Euro brutto, ein Systemtechniker knapp 4,5 Millionen Euro brutto.