Runtastic-Gründer: „Leute vom Land haben Hausverstand“. Runtastic-Gründer Florian Gschwandtner aus Strengberg über Unternehmer-Chancen in der Krise, seinen neuen Job und was er von der Politik erwartet.

Von Walter Fahrnberger und Daniel Lohninger. Update am 03. März 2021 (09:12)

NÖN: Sie sind in Strengberg in Niederösterreich aufgewachsen. Wie stark ist aktuell noch Ihr Bezug zum Heimatort?

Florian Gschwandtner: Sehr stark. Jetzt in Corona-Zeiten ein bisschen weniger – den Eltern zuliebe, da mein Opa ja auch bei uns wohnt, und der ist 91 Jahre alt. Aber normalerweise bin ich wirklich jede zweite Woche zuhause am Bauernhof. Der Bauernhof gehört mittlerweile auch mir, den habe ich schon von den Eltern übernommen und die Ackerflächen verpachtet.

Sie haben das Josephinum in Wieselburg absolviert, sind aber in einem ganz anderen Bereich erfolgreich geworden. Wie sehr hat Sie die Schule geprägt?

Gschwandtner: Ich bin immer ganz ehrlich: Für mich war das Josephinum nicht die erste Wahl, sondern die erste Wahl meiner Eltern. Aber ich glaube trotzdem, dass mich die Schule geprägt hat, weil es eine sehr breite Ausbildung bot. Und Leute, die vom Land kommen, haben meistens einen guten Hausverstand und können Dinge lösen. Das lernt man am Bauernhof. Und mit einer guten Basisausbildung kann man sehr viel erreichen. Ich glaube, ich bin ein gutes Beispiel dafür.

Als Gründer der Firma Runtastic, die Sie 2015 an Adidas verkauft haben, sind Sie bekannt geworden. Vor wenigen Wochen haben Sie mit „Leaders21“ ein neues Start-up gegründet. Was sind die besonderen Herausforderungen für Start-ups in der Corona-Zeit?

Gschwandtner: Jede Krise ist eine Riesenchance. Selbst wenn du in der schwierigsten Branche bist, kannst du in der Krise besser arbeiten als dein Mitbewerber, und du kannst sicherlich leichter Marktanteile gewinnen, als wenn es die Krise nicht gibt.

Was ist die Geschäftsidee Ihrer neuen Firma?

Gschwandtner: Leadership im 21. Jahrhundert bedarf einer neuen Führungskultur. Wir beraten querbeet alle Branchen in allen Größen – von Audi bis zu Klein- und Mittelbetrieben –, ob 100 Jahre alt, ob modern, ob Start-up, ob Konzern. Warum ist das möglich? Weil Leadership per se sehr ähnlich funktioniert. Und das haben wir durch Runtastic sehr gut gelernt. Wir waren damals eine der ersten Firmen, die da einen sehr lockeren Stil hatten. Alle waren per Du, das war teilweise ein freundschaftliches Verhältnis. Ich glaube, wir haben gezeigt, dass man auch so erfolgreich sein kann. Es braucht oft einen ganzheitlichen Wandel. Und wir wollen dabei helfen, dass es dem gesamten Unternehmen besser geht – nicht nur wirtschaftlich.

Durch Ihre Erfolgsgeschichte sind Sie ein großes Vorbild für viele Jungunternehmer. Was muss ein Gründer mitbringen?

Gschwandtner: Da gibt es meine drei Regeln für Investment. Das Erste ist immer: Eine Idee alleine ist nicht genug, man muss sie umsetzen. Es muss schon erste Aufträge oder Kunden geben, denn Ideen haben viele. Zweitens investiere ich irrsinnig gerne in Teams und nicht in Individualpersonen. Für mich war das immer der Gedanke. Bei Runtastic haben wir immer als Team gewonnen und nicht nur ich. Zusammen erreichen wir mehr. Und drittens muss das Business skalierbar sein.

Ist die Unterstützung der Jungunternehmer durch die öffentliche Hand in Österreich ausreichend?

Gschwandtner: In Österreich haben wir eine gute Förderlandschaft, wenngleich sie ein Förderdschungel ist. Du brauchst oft einen bezahlten Experten, der dir den Förderantrag macht, damit du gute Chancen hast, eine Förderung zu bekommen. Die Bürokratie ist nach wie vor hoch, das ist ja okay. Aber manche Dinge sind nicht okay. Wenn man Mitarbeitern Firmenanteile übergeben will, ist das einkommenssteuerpflichtig. In vielen anderen Ländern ist das, wie mit echten Anteilen, einfach kapitalertragssteuerpflichtig. Ein zweiter großer Schmerz für Investoren ist, dass Risikokapital nicht steuerlich absetzbar ist. Unternehmertum ist bei uns leider noch immer nicht positiv behaftet.

Warum ist das so?

Gschwandtner: Daran sind wir alle ein wenig schuld. Die Eltern genauso wie der Radiomoderator, wenn er sagt, Mathematik ist Blödsinn. Die MINT-Fächer (Anm.: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) sind die Grundlage für alles, was Technologie in Zukunft ist. Eigentlich müsste Englisch als zweite Fremdsprache und Programmieren als dritte Fremdsprache ab der ersten Klasse Volksschule unterrichtet werden. Das wäre eine Grundlage im Digitalbereich. Dabei macht auch die Politik zu wenig für die Bildung.

An wie vielen Firmen in Niederösterreich sind Sie beteiligt?

Gschwandtner: Mit meinen Gründer-Kollegen gemeinsam habe ich 25 Beteiligungen, sieben habe ich noch alleine, davon sind drei in Niederösterreich (Anm.: u. a. auch beim Kinderfahrradhersteller „woom“ aus Klosterneuburg). Jetzt ist das Limit erreicht. 30 Beteiligungen sind ja auch ein Aufwand. Und ehrlich gesagt werden von den 30 Firmen einige nicht funktionieren. Außerdem habe ich bei Leaders21 wieder eine größere operative Aufgabe. Zum Beispiel darf man wieder an Themen wie dem Pressemeldung-Schreiben mitarbeiten. Ich bin zwar nicht CEO, sondern stehe quasi an der Seitenlinie.

Was treibt Sie an, nachdem sie bereits so erfolgreich waren?

Gschwandtner: Ich habe diese Grundmotivation in mir und will den einen oder anderen Traum in die Welt setzen oder andern Menschen helfen, ihre Träume umzusetzen.