Schlumberger-CEO: „Ich spüre da einen positiven Druck“

Im Gespräch mit Schlumberger-Vorstand Benedikt Zacherl über Corona als “Feier- und Sektbremse“, blau-gelbe Trauben und regionale Wertschöpfung, Abschaffung der Sektsteuer und das Erbe der Gründer.

Norbert Oberndorfer
Norbert Oberndorfer Erstellt am 17. September 2021 | 05:44
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Schlumberger Vorstand Benedikt Zacherl über die mit Juli 2020 abgeschaffte Sektsteuer: „Ich habe mir da sieben Jahre den Mund fusselig geredet.“
Foto: Norbert Oberndorfer

NÖN:  Die Trauben für Schlumberger Sekt kommen Großteils aus Poysdorf (Bezirk Mistelbach). Warum gerade von dort?

Benedikt Zacherl: Poysdorf und die Region liegen auf dem gleichen Breitengrad wie die Champagne. Das sind klimatisch nicht ganz unähnliche Bedingungen. Das nördliche Weinviertel ist für einen Sektgrundwein ein sehr gutes Anbaugebiet. Der Grundwein braucht eine andere Voraussetzung als der normale Flaschenwein. Wir lesen ihn auch ein Stück weit früher. Unsere Philosophie ist, dass wir gemeinsam mit unseren Partnerwinzern auch aufgrund der früheren Lese versuchen, am Ende des Tages verträglichere, leichtere Produkte zu machen.

„Mit Umstellung auf Homeoffice, einem engmaschigen Testsystem und Kurzarbeit bis Ende Juni konnten wir gemeinsam mit unseren 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die erste, schwierige Phase der Krise gut meistern.“

Was ist sonst noch „blau-gelb“ in Ihren Wertschöpfungsketten?

Die Etiketten kommen von Marzek in Traiskirchen, das Glas von Vetropack in Pöchlarn und auch die Kartonage kommt zum Teil aus Niederösterreich. Wir produzieren Schaumweine an unserem Ursprungsstandort in Bad Vöslau und haben unser gesamtes Fertigwarenlager in Achau. Dazu kommt eine Lagerstätte für Rohsekt in Münchendorf.

Wie laufen Ihre Pläne die Produktionsstätten von Bad Vöslau und Wien nach Müllendorf bei Eisenstadt zu übersiedeln?

Wir haben alles aufgrund von Corona und der Planungsunsicherheit, die es im Moment gibt, ein wenig auf Eis gelegt. Wir beschäftigen uns intensiv damit und streben gemeinsam mit dem Eigentümer eine Lösung an, die für das Unternehmen auch nachhaltig Sinn macht und zukunftsfähig ist.

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Der geplante Umzug der Schlumberger Produktion von Bad Vöslau und Wien-Döbling (Bild) ins burgenländische Müllendorf ist Corona-bedingt vorerst auf "Eis gelegt". Die Kellerwelten und die Unternehmenszentrale sollen in Wien bleiben.
APA/HELMUT FOHRINGER

Corona-bedingt gab es im Vorjahr weniger Anlässe zum Anstoßen und Feiern. Wie wirkte sich das auf Ihr Geschäft aus?

Corona war eine große Herausforderung. Wir sind letztendlich mit einem blauen Auge davongekommen und haben bis zu 20 Prozent Umsatz im Vorjahr verloren. Mit Umstellung auf Homeoffice, einem engmaschigen Testsystem und Kurzarbeit bis Ende Juni konnten wir gemeinsam mit unseren 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die erste, schwierige Phase der Krise gut meistern. Gastronomie und Teile des Exportgeschäfts sind uns damals von heute auf morgen zusammengebrochen. Der Handel als drittes Standbein hat zwar in der Zeit Großes geleistet, aber gleichzeitig hatte der Schaumwein nicht deren oberste Priorität.

Im Herbst gingen Sie noch von einem größeren Umsatzminus aus. Was brachte die Wende?

Das wirklich gute Jahresendgeschäft. Trotz Wegfall der Gastro im November-Lockdown und der quasi Absage von Weihnachts- und Silvester-Feiern hat der Handel damals sehr gut umgesetzt. Ich erkläre mir das so: Da hat man das schöne Eigenheim, kann aber immer noch nicht auf Urlaub fahren, nicht in die Gastronomie. Die Leute hatten aber durchaus noch Geld. Darum hat der Lebensmittel-Premiumbereich, auch was Spirituosen und Schaumweine angeht, angezogen: Wenn ich Daheim bleiben muss, dann mache ich es mir da wenigstens schön. Das hat sich auch im ersten Halbjahr 2021 so fortgesetzt.

„Wenn man in einem Unternehmen, das seit 1842 existiert und nächstes Jahr 180-jähriges Jubiläum feiert, die Verantwortung übernimmt, dann ist das wahnsinnig spannend, weil es Gestaltungsspielraum gibt. Das bringt aber auch eine enorme Verantwortung mit sich.“

Welche Lehren ziehen Sie aus der Krise als Sekt- und Spirituosen-Produzent?

Wir wurden durch die Krise bestätigt, dass Regionalität und eigene Produktionsstandorte im Land die richtige Ausrichtung sind. Seit Anbeginn nutzen wir möglichst viele Rohstoffe aus Österreich, legen einen Fokus auf kurze Transportwege und suchen das richtige Mittelmaß, auch als Exporteur. Wenn ich aber Produkte habe, die von der Qualität auf der gleichen Stufe sind - das eine kommt aus Österreich und das andere hat einen weiteren Anreiseweg - dann ist es schon auch die Verantwortung derjenigen, die es in den Markt bringen, also von Lebensmittelhandel und Gastronomen, sich bei Gleichheit für das heimische Produkt zu entscheiden und damit die heimische Wirtschaft zu stärken. Außerdem ist es uns in der Krise gut gelungen, unser gesamtes Team im Homeoffice mit Hilfe unterschiedlicher Kommunikationstools bis hin zu kleinen Aufmerksamkeiten, die nach Hause verschickt wurden, positiv mit dem Unternehmen in Verbindung zu halten.

Seit 2020 führen Sie Österreichs größte und älteste Wein- und Sektkellerei. Wiegt dieses Erbe schwer?

Wenn man in einem Unternehmen, das seit 1842 existiert und nächstes Jahr 180-jähriges Jubiläum feiert, die Verantwortung übernimmt, dann ist das wahnsinnig spannend, weil es Gestaltungsspielraum gibt. Das bringt aber auch eine enorme Verantwortung mit sich, weil man weiß, dass es die Devise ‚Machen wir einmal und wenn es schiefgeht, bin ich dann eh weg‘ nicht spielt. Ich spüre da einen positiven Druck der Gründer und Vorgänger. Mit einem Team, das ich auf die Reise mitnehmen und im Austausch Dinge weiterentwickeln kann, stehe ich nicht allein da. Das macht mich stolz und erfüllt mich mit Freude.

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Der Wiener Benedikt Zacherl übernahm von Arno Lippert (links) im April 2020 den Vorstandsvorsitz in der Schlumberger AG. Zuvor wurde er zum Geschäftsführer des Schlumberger Österreich-Geschäfts bestellt.
Schlumberger

Welche Schwerpunkte wollen Sie als Vorstand bei Schlumberger setzen?

Ich will Digitalisierung und speziell den E-Commerce-Bereich weiterentwickeln, das Unternehmen auf Nachhaltigkeit wie Energie-, Wasserverbrauch und CO2-Fußabruck abklopfen und ein neues Leitbild kreieren, damit wir ein „Best Place to Work“ für unsere Mitarbeiter werden. Darüber hinaus möchte ich gemeinsam mit unseren Kunden in Gastronomie und im Lebensmittelhandel das Thema „Österreichische Wertschöpfung“ noch stärker verankern. Es wird auch um strategische Zukunftsfragen zu unserer Rolle als Marktführer im Spirituosenbereich und führenden Schaumweinproduzenten innerhalb der Unternehmensgruppe gehen und wie der österreichische Standort gesichert und weiterentwickelt werden kann.

Der Bund hat die Schaumwein- bzw. Sektsteuer, wie im Regierungsprogramm vorgesehen, per 1. Juli 2020 auf null gesetzt. Haben Konsumenten davon profitiert?

Sekt ist im Schnitt um 90 Cent pro Flasche günstiger geworden. Die Steuerabschaffung ist eins zu eins an die Konsumenten weitergegeben worden. Ich habe mir da sieben Jahre den Mund fusselig geredet, mit drei unterschiedlichen Regierungen und allen möglichen Interessensvertretungen. Wir haben zu Bedenken gegeben, dass der Sektmarkt dadurch um 25 Prozent einbrechen wird. Tatsächlich hat eine neutrale Studie im Auftrag von uns den Rückgang um 25 Prozent seit ihrer Einführung 2014 bestätigt. Seit der Abschaffung ist der Sektmarkt gewachsen, allein im ersten Halbjahr 2021 um 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Sie sprechen von einem Verdrängungswettbewerb in der Branche. Was meinen Sie damit?

Ich nehme das klassische Beispiel in der Gastronomie: Man geht rein, der hat einen Mitbewerber auf der Karte. Wieviel muss ich im Preis nachgeben, Gläser dazu und so weiter. Das ist reine Wertschöpfungsvernichtung. Die Spirale dreht sich nach unten. Mein Ziel ist es zu versuchen, den Markt und den Kuchen größer zu machen. Wie kann ich die Konsumenten und unsere Kunden, den Handel, dazu bringen, dass sie mehr Sekt (ver)kaufen? Wie kann ich das Produkt, die Kategorie über neue Produkte, veränderte Konsumanlässe, über Kommunikation, über Bewerbung, was auch immer, zum Wachsen bringen? Wenn der Marktwächst, dann bleibt noch immer der Mitbewerb innerhalb der Kategorie, aber das ist dann kein reiner Verdrängungswettbewerb nach unten.

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