Match um Pflegepersonal. Laut IHS-Chef Kocher steht Österreich im Wettbewerb um Pflegekräfte mit anderen EU-Staaten.

Von Anita Kiefer. Erstellt am 03. Dezember 2019 (02:39)

Der Pflegebedarf steigt – und mit ihm die Kosten. Bis 2070 wird sich der Anteil der Pflegekosten am Bruttoinlandsprodukt verdoppeln – 2016 lag dieser Wert bei rund 1,7 Prozent des BIP. Und das, wo sich durch die Demografie (Stichwort geburtenschwache Jahrgänge) der Fachkräftemangel auch in der Pflege zuspitzen wird. Und wo Österreich sich im Wettbewerb um die besten Pflege-Köpfe mit anderen europäischen Staaten wie Deutschland befindet. Diese Aussicht präsentierte Martin Kocher, Chef des Instituts für Höhere Studien, kürzlich vor dem Kuratorium des Hilfswerks NÖ.

Es gilt also, Lösungen für den Pflegebedarf und dessen Finanzierung zu finden. Zum einen wäre da die Kompetenzzuordnung. Ob die besser beim Bund oder bei den Ländern aufgehoben ist, lässt Kocher offen. „Das Wichtige ist, dass es klare Kompetenzen und die Finanzierungsverantwortung gibt. Es gibt für beides gute Argumente.“ Außerdem wäre es wichtig, den stationären Bereich, der sehr teuer ist, auf Einsparpotenzial zu durchleuchten. Grundsätzlich sollte die Pflege aus dem „öffentlichen Steuertopf“ finanziert werden, weiter unter Einbeziehung der Eigenbeträge der Pflegebedürftigen. Eine Erbschafts- und Schenkungssteuer, die dabei gern diskutiert wird, werde laut Kocher „das Problem nicht lösen. Wenn man über andere Steuern nachdenkt, muss man das als Ausgleich nehmen, um die hohe Belastung des Faktors Arbeit zu reduzieren. Man kann über alles diskutieren, aber zusätzliche Steuern zu erfinden für diese Bereiche wäre für ein Hochsteuerland wie Österreich kritisch“. Einer Finanzierung des Pflegebedarfs über ein Sozialversicherungsfinanzierungsmodell kann Kocher wenig abgewinnen. „Das hat aber ohnehin niemand ernsthaft vor.“

"Digitalisierung könne die Pflege erleichtern"

Ganz allgemein müssen laut dem IHS-Chef folgende Maßnahmen zur Abdeckung des steigenden Pflegebedarfs eingeleitet werden: Spätere Pensionierungen, eine Migration von Fachkräften durch eine stark verbesserte Rot-weiß-Rot-Card, ein verbessertes Weiterbildungssystem in Betrieben, verbunden mit einer höheren Bereitschaft der Menschen zu Weiterbildung, und eine Stärkung des Berufsbildungssystems. Dass auch die Löhne in der Pflege über kurz oder lang weiter steigen werden, ist für Kocher sehr wahrscheinlich. „Als Ökonom ist das relativ einfach. Es gibt ein Arbeitskräfteangebot und eine Arbeitskräftenachfrage. Wenn das Angebot geringer und die Nachfrage größer wird, dann steigt der Preis – und der Preis ist der Lohn.“ Für Hilfswerk NÖ-Präsidentin Michaela Hinterholzer ist aber nicht das Einkommen, sondern die Planbarkeit der Dienste die große Herausforderung in der Pflege, die eine Institution wie das Hilfswerk meistern müsse.

Dass der viel zitierte Pflegeroboter in der Pflege Einzug halten wird, das hält Kocher für unwahrscheinlich. „Ich glaube, dass die Meisten so etwas gar nicht annehmen würden.“ Das sieht auch Hinterholzer so: Digitalisierung könne die Pflege erleichtern, aber Pflegepersonal nicht ersetzen.