Unternehmen hinken Digitalisierung hinterher

Erstellt am 18. Juni 2020 | 13:53
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Digitalisierung Symbolbild
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Foto: MONOPOLY919, Shutterstock.com
Mit dem Digitalisierungs-Barometer zeigt der Verein Digital Society den Digitalisierungsgrad österreichischer Firmen. In vielen Bereichen gibt es Aufholbedarf.

Der Verein "Digital Society", Österreichs führende NGO im Bereich der digitalen Transformation, hat diese Woche den Digitalisierungs-Barometer 2019 veröffentlicht. Der Barometer, abrufbar unter https://digisociety.institute/DSDB2019/ zeigt den Digitalisierungsgrad von Unternehmen in mehreren Bereichen auf. Die Studie mache sichtbar, dass das Thema digitale Transformation noch von vielen Unternehmen  unterschätzt werde und stellt Handlungsempfehlungen zur Verfügung. 

"Wir sehen oft, dass immer nur bereits bestehende Modelle verbessert werden, das ist aber nicht gut um auf plötzliche Veränderungen reagieren zu können. Besser ist, sich Zeit zu nehmen und zu überlegen was das Unternehmen tun muss, um sich für die Zukunft zu verändern", so Digital Society-Präsident Werner Illsinger. 

Der Begriff Digitalisierung greife ein wenig zu kurz, so die Digital Society, die stattdessen von digitaler Transformation spricht. Im Mittelpunkt der Unternehmens-Studie standen dabei aber nicht digitale Technologien an sich, sondern vor allem Kunden und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.  

Vorstellungen und Realität klaffen auseinander

Über 130 Unternehmen, ein Viertel davon aus Niederösterreich, haben an der Befragung zur digitalen Transformation in ihrem Unternehmen teilgenommen. Die Fragen des sogenannten Quick Check richteten sich an Personen in den Führungsebenen. Unternehmen können zum Digitalisierungs-Barometer 2020 beitragen und einen kostenlosen Quick Check unter https://digisociety.at/qc machen. Die Bereiche der digitalen Transformation in der Befragung umfassen die Unternehmenskultur,  Innovation bei der Kundenorientierung, Agilität und das Veränderungspotenzial sowie die Digitalstrategie in der Unternehmensführung. 

Einige Ergebnisse der Studie von 2019: 

  • Kundenzufriedenheit hat oberste Priorität. Kundinnen und Kunden werden jedoch nicht regelmäßig befragt.  Daten über das Kundenverhalten lassen sich mit digitalen Tools in Wissen umwandeln. Nur ein Viertel der Befragten gibt an, dies auch zu tun. 
  • Viele Unternehmen agieren noch nach schwerfälligen 5-Jahresplänen, die nicht regelmäßig überprüft werden. Schnelles Reagieren auf Veränderungen des Marktes sind so nicht möglich. Es fehlen häufig Daten und Fakten, um davon strategische Entscheidungen abzuleiten. 
  • Veränderungs- oder Handlungsbedarf wird selten gesehen, oder es fehlt die Zeit dazu. 
  • Leitbilder werden nicht gelebt, definierte Prozesse nicht eingehalten.  
  • Führungskräfte glauben, ihre Belegschaft hätte eine starke Bindung an das Unternehmen als tatsächlich vorhanden ist.  
  • Nur die wenigsten Unternehmen sehen die Notwendigkeit einer grundlegenden Veränderung. Sie entwickeln bestehende Prozesse weiter und optimieren ihre IT. Das Risiko besteht, plötzlich von neuen Entwicklungen überrascht zu werden.
  • Nur 18% der Befragten geben an, neben dem operativen Betrieb, überhaupt Ressourcen für Veränderungen zu haben. Etwa ein Drittel hält die eigene Ressourcensituation für höchst kritisch.  
  • Etwa die Hälfte der Mitarbeiter hat Scheu vor neuen Technologien, auch wenn ihnen diese die Arbeit erleichtern könnten.

Generell würde sich die NGO mehr staatliche Anreize für eigenverantwortliche Weiterbildung von Arbeitnehmern wünschen, etwa durch Förderungen oder wie die in Deutschland geplante „Arbeitsversicherung“.  

Auch in Niederösterreich sei noch viel ungenutztes Digitalisierungs-Potenzial vorhanden, so der Verein. Ein wichtiger Punkt sei zum Beispiel der dringend benötigte Glasfaserausbau in Niederösterreich, hier sei noch zu wenig Infrastruktur vorhanden, um effizientes digitales Arbeiten in allen Bereichen zu ermöglichen, meint Michael Bartz, Professor an der IMC-FH Krems.

"Meine Erfahrungen mit niederösterreichischen Unternehmen reflektiert diese Studie", stellt auch Digital Society Präsident Werner Illsinger fest, der unter anderem als Unternehmensberater in NÖ tätig ist. "Die Unternehmen haben viele Daten, aber aus denen wird meistens noch kein Wissen gemacht. Zu wenige denken über nachhaltige Veränderungen nach."