Die Mariazellerbahn: 110 Jahre Revolution im Reiseverkehr

Pioniergeist und elektronischer Antrieb sind das Rezept für die Erfolgsgeschichte einer Bahn, die trotzdem nie großspurig wurde.

Erstellt am 17. Oktober 2021 | 05:38
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Die Elektro-Lokomotiven waren zwischen 1911 und 2013 verlässlich im Dienst und sorgten für bis dato unbekannten Komfort.
Foto: Niederösterreich Bahnen

Elektromobilität gilt als mögliche Lösung für die Klimaproblematik unserer Zeit. Bei der Mariazellerbahn wurde der Elektro-Antrieb bereits vor 110 Jahren durch eine wahre Pioniertat realisiert.

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Im Juli 1898 berichtete die St. Pöltner Zeitung und Vorgängerin der NÖN von der bahnbrechenden Eröffnung der ersten Teilstrecke zwischen St. Pölten und Kirchberg. Bereits 13 Jahre später war die gesamte Strecke nach Mariazell fertiggestellt und elektrifiziert.
Kalteis/Stadtarchiv St. Pölten

Obwohl die Bahn zwischenzeitlich am Abstellgleis und vor dem Aus stand, gilt sie heute als Verkehrsschlagader des Pielachtals und wahrer Tourismusmagnet.

„Ab Oktober 1911 stand die Trasse zwischen St. Pölten und Mariazell unter Strom und revolutionierte den Reiseverkehr im selben Jahr, als der Dampfriese ‚Titanic‘ gerade vom Stapel lief“, erklärt Mh.6-Bahn klub- Obmann Erich Dürnecker.

Damit wurden die Dampfloks, die die Industrialisierung schnaubend vorantrieben, in Pension geschickt, die Fahrtgeschwindigkeit wurde von 30 auf knapp 50 km/h erhöht.

Kein Rauch oder Ruß behinderte länger den Blick auf das Bergpanorama.“ Erich Dürnecker Obmann Bahnklub Mh.6

„Der E-Antrieb war für Fahrgäste eine völlig neue Erfahrung. Kein Rauch oder Ruß behinderte länger den Blick auf das Bergpanorama. Dafür sorgten elektrisches Licht und moderne, gefederte Waggons für bis dahin unbekannten Reisekomfort“, sagt Dürnecker, der selbst Dampf- und Elektrolokführer war. Es war aber auch günstiger und umweltfreundlicher, da eine Fahrt nach Mariazell und retour circa zwei Tonnen Steinkohle verschlang.

Doch schon vor der Elektrifizierung war die Landesbahn ein voller Erfolg. Bereits ab 1898 fauchten die Schlote der Dampflokomotiven zwischen St. Pölten und Kirchberg, ehe 1907 auch die enorm anspruchsvolle Bergstrecke bis Mariazell fertiggestellt wurde.

Großer Fortschritt durch eine schmale Bahn

Mit der Anbindung an die Westbahnstrecke erhielt das zuvor abgeschiedene Tal ein Tor zur Welt und profitierte bald enorm vom wirtschaftlichen Aufschwung. Um die Strecke sanft in die Landschaft einzubetten und die steilen Hänge zu überwinden, entschied sich Bahndirektor und Ingenieur Josef Fogowitz für eine Schmalspurtrasse. Von Kritikern anfangs belächelt, wurde schnell klar, dass auch eine Schmalspurbahn genügend Güter und Personen transportieren kann.

„Die 90 Kilometer lange Bahn zum Gnadenort nach Mariazell wurde von Pilgern und Touristen derart überrannt, dass nur die Umstellung auf elektrischen Antrieb mit dem noch neuen Wechselstrom eine Überlastung oder einen weiteren Schienenausbau verhindern konnte“, schildert Erich Dürnecker.

Möglich wurde die technische Neuerung durch das Kraftwerk in Wienerbruck, das innerhalb kürzester Zeit unter schwierigsten Bedingungen in den Ötschergräben errichtet wurde und den Grundstein der heutigen EVN bildet. Die wasserbetriebenen Turbinen lieferten ausreichend Strom, um sowohl Bahn als auch umliegende Gemeinden und St. Pöltner Industriebetriebe mit Energie zu versorgen und in ein neues Zeitalter zu katapultieren.

Die nach der Jahrhundertwende gebauten E-Loks waren bis zur Ablöse durch die Himmelstreppe im Jahr 2013 im Einsatz und damit die weltweit am längsten dienenden Lokomotiven im Planbetrieb. „Ich war mit meiner E-Lok so verwachsen, dass ich an kleinsten Geräuschen Schäden erkennen konnte“, schwärmt Dürnecker stolz von seiner „goldenen 2er“, die bald als besonderes Stück Zeitgeschichte ins technische Museum Wien kommen soll.

Mariazellerbahn geriet aufs Abstellgleis

Nach zwei überstandenen Weltkriegen geriet die Bahn zunehmend aufs Abstellgleis. Die Fahrgäste und Pilger wurden weniger, der Individualverkehr auf den Straßen stieg enorm. Bald wurde der Güterverkehr eingestellt und kaum mehr in die Bahn investiert, weshalb Verspätungen eher die Regel als Ausnahme waren.

Als die ÖBB die Strecke nicht länger betreiben wollte, drohte das Aus. „Das war eine sehr emotionale Zeit, denn wir Pielachtaler wollten unsere Bahn unbedingt erhalten. Umso enttäuschender war das Gespräch aller Bürgermeister mit dem ÖBB-Vorstand, von dem wir zu hören bekamen, dass die Einstellung kurz bevorstünde“, schildert Kirchbergs Alt-Bürgermeister Anton Gonaus die bangen Stunden.

Erst durch das tatkräftige Auftreten der lokalen Bevölkerung konnte die Bahn mithilfe des Landes in einem Kraftakt erhalten werden. Somit gelangte die Kultbahn nach der Übernahme 1922 durch die Bundesbahnen nach 88 Jahren wieder in Landesbesitz.

Um Aufmerksamkeit für den Erhalt zu bekommen, ließen sich die Pielachtaler allerhand Kreatives einfallen. Der Nostalgiezug wurde zum Beispiel von verkleideten Banditen auf Pferden in Wild-West-Manier überfallen.

„Das schönste Erlebnis war allerdings die Trauung von Eisenbahnfans im Salonwagen. Ein Paar wollte eigentlich mit dem Zug nach Venedig fahren, um dort zu heiraten, doch dann beschlossen wir, die Zeremonie während der Fahrt in der Mariazellerbahn abzuhalten“, schildert der damalige Kirchberger Standesbeamte Gerhard Hackner.

Heute steht die Himmelstreppe für entschleunigten Tourismus und zieht sowohl Pilger als auch Eisenbahnromantiker aus aller Welt an. „Die Weichen sind wieder Richtung Zukunft gestellt. Ich freue mich seit frühester Kindheit, wenn ich am Morgen ihr Pfeifen höre“, beschreibt Anton Gonaus stellvertretend die tiefe Verbundenheit der Pielachtaler zu ihrer Bahn, die trotz aller Besonderheiten nie großspurig wurde.