Weinburger Straßenname als Weg gegen das Vergessen

Erstellt am 01. Oktober 2021 | 05:38
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„Eine Gedenktafel am Kirchenplatz weist bereits auf den Weinburger Widerstandskämpfer Konrad Gerstl hin“, erinnern Bürgermeister Peter Kalteis und Vize Michael Strasser (von links). Jetzt wird Gerstl noch ein neues Straßenstück gewidmet.
Foto: Gemeinde Weinburg
Die Verbindung zur Dr. Tschadek-Straße wird nach dem Weinburger Widerstandskämpfer Konrad Gerstl benannt, als Erinnerung an ein Kriegsverbrechen von 1945.

Gemeinderatssitzung am Freitag. Die Tagesordnung ist lang – 34 Punkte, und einer sticht hervor: die Namensgebung für ein neues Straßenstück mit großem geschichtlichen Wert. Die rund 250 Meter lange Strecke bildet künftig ein Verbindungsstück zwischen der Brüder-Teich-Straße und der Dr. Tschadek-Straße. Der Baubeginn ist bereits erfolgt.

„Der Weg ist eine praktische, verkehrssichere Abkürzung für die Anrainer der neu aufgeschlossenen Wohnsiedlung zur Haltestelle Weinburg. Bis dahin mussten sie auf die Bruder-Teich-Straße ausweichen“, erklärt Vizebürgermeister Michael Strasser.

Das neue Straßenstück wird einer Person der Weinburger Geschichte gewidmet: Konrad Gerstl. Der Landwirt war Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg. „Die Widerstandsgruppe Kirchl-Trautmannsdorf bestand aus Polizeibediensteten, Arbeitern, Bauern und Gutsbesitzern. Sie setzten sich gegen den Nationalsozialismus in St. Pölten ein“, erzählt Strasser.

Wir sollten aus der Vergangenheit lernen: Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg.“ Michael Strasser, Vizeortschef von Weinburg

1944/1945: Die Kriegshandlungen nehmen im Pielachtal zu; zuerst Luftangriffe, ab Mitte April 1945 lag Weinburg unter Artilleriebeschuss.

Gerstl wurde 1945 im St. Pöltner Hammerpark hingerichtet. Sein „Vergehen“: Er hatte an einer Zusammenkunft der Widerstandsgruppe, die eine kampflose Übergabe der Stadt plante, teilgenommen. Doch ein Gestapospitzel, Franz Brandtner (Deckname: Adam), belauschte drei Mitglieder der Gruppe und meldete dies dem Leiter der St. Pöltner Gestapostelle.

14 Mitglieder der Widerstandsgruppe wurden verhaftet, als letzter Gerstl. Folterungen, um weitere Namen von Widerstandskämpfern zu nennen und Geständnisse zu erzwingen, folgten. Am 13. April wurden fast alle Inhaftierten der Gruppe zum Tode verurteilt, darunter Gerstl. Nur zwei Tage nach der Exekution wurde St. Pölten durch die Rote Armee befreit. Gerstl zu Ehren wird das neue Weinburger Straßenstück als Konrad-Gerstl-Straße benannt. Dieses stößt auf die Dr. Tschadek-Straße.

„Diese Kreuzung soll zum Symbol gegen das Vergessen werden. Gerstl, der Widerstandskämpfer, trifft symbolisch auf Dr. Otto Tschadek“, erklärt Strasser. Denn Tschadek, Rechtsanwalt, Justizminister und Landeshauptmann-Stellvertreter, war als Richter am Marinegericht Kiel eingesetzt. Neuere Aktenfunde lassen ihn bezüglich seiner damaligen Urteile in einem widersprüchlichen Licht erscheinen. 1946 kehrte er nach Österreich zurück; in den 50er-Jahren war er Justizminister.

„Mit ihm verbunden ist aber auch der soziale Wohnbau“, betont Bürgermeister Peter Kalteis. Und Strasser ergänzt: „Wir wollen nichts leugnen, nichts beschönigen. Im Gegenteil. Wir sollten aus der Vergangenheit lernen: Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg.“

Und die neue Kreuzung soll dazu anregen, den richtigen Weg einzuschlagen – jenen, wo das Einende vor das Trennende gestellt wird.