Midori Ortner & Gernot Nitsch: Kulturaustausch am Piano. Pianistin Midori Ortner und Klavierbauer Gernot Nitsch leben seit 25 Jahren in der Brentenmais.

Von Monika Närr. Erstellt am 16. Januar 2020 (03:23)
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Im Doppelinterview sprechen die Gründer des Vereins „Freunde der Klavierkunst“ über die Vielfalt ihres gemeinsamen Musikerlebens. Von seltenen Klavieren über regelmäßige Japantourneen, ihre überdimensionale Schallplattensammlung, Kooperationen mit örtlichen Schulen oder Erinnerungen an Nikolaus Harnoncourt und Leonard Bernstein reicht die Palette des japanisch-österreichischen Paares.

NÖN: Sie haben hier einen großen Freundeskreis aus Liebhabern klassischer Musik. Wie war Ihr musikalischer Werdegang jeweils?
Midori Ortner: Ich studierte erst in Japan Gesang, dann in Wien Gesang und Klavier. Insgesamt habe ich an zwei Universitäten fünf Fächer belegt.
Gernot Nitsch:
Über das Sternsingen wurde ich für die Sängerknaben entdeckt. Danach absolvierte ich die Lehre des Klavierbauers bei der Firma Bösendorfer. Lustigerweise hatte ich damals an einem Flügel für Midoris verstorbenen Mann mitgebaut. Heute steht er als ihr Konzertflügel in unserem Salon.

Die Revitalisierung alter Klaviere ist seine Spezialität: Gernot Nitsch hält ein stummes, tragbares Klavier in der Hand, mit dem früher in der Kutsche oder im Zug geübt wurde. Vor ihm ein weltweites Unikat aus Wien, der Hammerflügel verkehrt, neben ihm ein Tafelklavier, dahinter links ein Spinett, rechts ein Pianino.
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Wie genau kann man sich Ihre beruflichen Tätigkeiten vorstellen?
Gernot: Das geht vom Klavierbau über das Stimmen und die Reparatur bis zum Verkauf. Meine Spezialität ist allerdings das Revitalisieren alter Klaviere. Ich habe Instrumente aus verschiedenen Epochen, wie beispielsweise Hammerflügel, Tafelklavier, Spinett, Clavichord oder Cembalo und unterschiedliche Fabrikate wie Steinway, Bechstein oder Bösendorfer. Ich mache auch viele Konzertdienste, wo ich zusammen mit den Künstlern ihre Konzertflügel stimme. Das ging vom Musikverein über das Konzerthaus oder Theater an der Wien bis zum Konzertsaal Muth der Sängerknaben. Auch das Stimmen für CD-Aufnahmen gehört dazu.
Midori:
Es gibt sicher viele sehr gute Klavierstimmer. Das Einzigartige bei Gernot ist aber, dass er viel von Gesang versteht und weiß, welche Klangbildung Pianist und Sänger bereichert. Ich bin zweimal im Jahr für mehrere Wochen auf Konzerttournee in Japan, habe dort auch Radio- und TV-Aufnahmen gemacht. An vielen von mir organisierten Tourneen hat Kammersänger Robert Holl teilgenommen, aber auch Florian Bösch oder der Counter Tenor Arno Raunig sowie Ellen van Lier kamen durch mich in meine ursprüngliche Heimat.

Sie netzwerken auch viel zwischen Japan und Österreich, Midori…
Midori: Ja, ich pflege einen regen Kulturaustausch. Einmal im Jahr spielen wir auch in der staatlichen Blindenschule in Tokio. Und der Erzbischof eines der größten Tempel Japans kommt immer zu meinen Konzerten vor Ort, war auch schon zweimal in Pressbaum und kaufte ein Spinett bei Gernot. Auf dem gab ich dann ein Konzert, sobald es in Japan war. Botschafter, Kulturattaches, japanische Geschäftsführer oder UNO-Repräsentanten in Wien treffe ich auch regelmäßig bei Veranstaltungen und meinen Hauskonzerten.

Da sind wir schon in der Region. Was sind hier Ihre prägenden Aktivitäten?
Gernot: 1996 haben wir den Verein „Freunde der Klavierkunst“ gegründet. Hier kommen Pianisten, Komponisten, Sänger und Tontechniker zusammen. Bisher gab dieser etwa 250 Konzerte, viele davon waren Salonkonzerte bei uns daheim und oft Gesangskonzerte. Im Rahmen des Tullnerbacher Kulturwochenendes findet jährlich ein größeres lokales Konzert im Gemeindeamt statt. Hier kommen regionale, Wiener und internationale Besucher zusammen.
Midori:
Und wir haben unsere Sammlung Luneo, die sich aus den Vornamen unserer Väter – Ludwig und Tsuneo – zusammensetzt. Grundstock waren 87 Kartons oder 1,7 Tonnen Schallplatten meines Vaters, die er 2000 dem Verein übergab und die wir von Japan nach Wien überstellten. Auf einer Platte mit Aufnahmen der Sängerknaben hörte er Gernot als Jungen bereits Bachkonzerte unter Harnoncourt singen, lange bevor ich nach Wien kam. Und auch die alte Notensammlung meines verstorbenen Mannes Roman Ortner aus dem 19. Jahrhundert ist hier eingeflossen.

Außerdem gefällt es mir sehr, in der Johannes Brahms-Gasse zu wohnen

Was hat Sie in unsere Region geführt?
Gernot: Wir sind seit 1994 zusammen, ich hatte damals Klaviergeschäft und Werkstatt in Wien, aber immer Sehnsucht nach einem Garten.
Midori:
Und ich hatte als Pianistin in einer Wohnung immer Probleme mit den Nachbarn. Ich war frustriert. In zehn Jahren war ich 18 mal übersiedelt, das kommt ja fast an Beethoven heran (lacht). Das Haus in der Brentenmais hat sich dann 1995 angeboten: Zum ruhig Üben für mich, Gernot konnte seine Klaviere unterbringen und bald entstand auch die Idee des Vereins. Außerdem gefällt es mir sehr, in der Johannes Brahms-Gasse zu wohnen.

Welche laufenden Projekte führen Sie derzeit durch, was sind Ihre kommenden Pläne?
Gernot: Wir kooperieren auch mit Schulen, dann demonstriere ich die Unterschiede, wenn ich auf Instrumenten Stücke aus der passenden Zeit dazu spiele. Ich besitze auch ein selbstspielendes Klavier, das lieben die Kinder immer als besonderen Gag. Die gelochten Papierrollen waren Vorläufer der Schallplatten und oft Originalaufnahmen, die von tollen Künstlern eingespielt wurden.
Midori:
Da wir in den nächsten Jahren die 200. Todestage von Beethoven (2027), Schubert (2028) und Brahms (2033) feiern, haben wir für jeden Komponisten ein eigenes Projekt zur Aufführung seiner Werke entwickelt. Im kommenden Jahr feiern wir 25 Jahre „Freunde der Klavierkunst“. Ich sammle derzeit Ideen für ein feierliches Faschingskonzert 2021, mit verkleideten Künstlern und Gästen.