Kunst als Sprachrohr: Malerin Szepannek im Gespräch. Künstlerin Katharina Szepannek aus dem Wienerwald zeigt auf ihren Ölbildern scheinbar Banales und Alltägliches in zugespitzter Form.

Von Nadja Büchler. Erstellt am 31. Mai 2020 (05:53)
Katharina Szepannek arbeitet geraden an ihrer neuen Serie „Girls just wanna have fun“. Das Bild in ihren Händen heißt „Rosenkönigin“.
Nadja Büchler

NÖN

In ihrer Kindheit prägten sie Maler wie Gottfried Helnwein oder Manfred Deix. Die Kunstwerke der beiden Österreicher waren in Zeitungen oder auf Plakaten allgegenwärtig und faszinierten Katharina Szepannek sehr. Unterricht nahm sie zum Beispiel bei den Künstlerinnen Michela Ghisetti und Geraldine Blazejovsky.

Für ihr Verständnis hat Kunst Verantwortung, und sie möchte mit ihren Werken eine Botschaft vermitteln. Neben der Malerei schafft sie Rauminstallationen und hat auch schon einen Zero-Budget-Film gedreht.

NÖN: Mit welchen Themen oder Motiven beschäftigen sich ihre Bilder?

Katharina Szepannek: Mein übergeordnetes Thema sind Menschenbilder und ihre Geschichten aus dem Alltag, das Gewöhnliche, Normale. Ich möchte das Wesen der Personen herausstreichen. Menschen, wie sie nicht abgebildet werden, aber meistens sind. Nebensächlichkeiten und kleine Irritationen, die man in Hochglanzmagazinen nie finden würde. Es reizt mich, den kleinen Stachel zu finden und ihn bewusst mitzunehmen. Meine Bilder schocken nicht, der Stachel wird erst auf den zweiten Blick sichtbar. Ich mag das Subtile. Es geht nicht um das Schöne, wie es bei lieblichen Landschaftsbildern der Fall ist. Diese laden zum Versinken und Entspannen ein. Meine Bilder sind das Gegenteil. Man kann sie nicht betrachten, ohne in irgendeiner Form in Interaktion mit ihnen zu treten.

Katharina Szepannek vor ihrem Atelier. Sie zeigt ein Bild aus der Serie „Caorle“. Einige Werke dieser Reihe waren bei der NÖ Art Ausstellung „Realität ins Bild bringen“ zu sehen.
Nadja Büchler

Welche Technik wenden Sie beim Malen an?

Ich male mit Öl- und Acrylfarben. Lieber mit Ölfarben, sie erlauben mehr Feinheiten, und von ihrer Anwendungsart passen sie besser zu meiner Arbeitsweise. Man kann Bilder stehen lassen und zu einem späteren Zeitpunkt weitermalen. Die Acrylfarben und die verwendeten Pinsel trocknen sehr schnell aus.

Ich betrachte meine Bilder sehr lange und lasse sie auf mich wirken bevor ich daran weiter arbeite. Ich male an mehreren parallel und lasse sie neben einander stehen.

Haben Sie die fertigen Bilder bereits im Kopf, wenn Sie mit der Arbeit beginnen?

Nein. Zuerst ist die Aussage, die ich machen möchte, da. Es kann sein, dass mich etwas von Außen inspiriert, mir die Ideen zufliegen, oder es entsteht etwas in mir drinnen. Daraus entwickelt sich eine Idee. Das Bild selbst wächst beim Malen.

Beschäftigen Sie sich auch mit speziellen Themen?

Ich male keine Einzelbilder, sondern mehrere Bilder zu einem Thema. Es gibt zum Beispiel die Reihen „Menschenbilder“, „Tapetenbilder“ und „Caorle“. Zukünftig möchte ich seitens der Themenauswahl mehr provozieren. Hinzeigen, wo es ein bisschen wehtut, Tabus aufzeigen. Wir leben in einer vordergründig enttabuisierten Gesellschaft. Ich glaube, das ist zum Teil nur Fassade, und wir sind eigentlich eine moralisierende Gesellschaft, und in unserer Offenheit sehr prüde. Diese Zwiespälte versuche ich aufzuspüren. Das sehe ich als meinen persönlichen Auftrag. Meinem Verständnis nach sollten Kunstschaffende politische und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Mit meiner Kunst möchte ich in jedem Fall Stellung beziehen. Dabei lasse ich dem Betrachter die Freiheit, das Bild zu deuten. Für mich ist es immer wieder spannend, wenn jemand ein Bild ganz anders sieht als ich, und mit mir in Austausch tritt.

Wie wird ihr Malstil bezeichnet?

Gegenständliche Malerei. Deren Tod wurde nach 1945 mit dem Erstarken der abstrakten und konkreten Kunst eigentlich in regelmäßigen Abständen beschworen, sie hat aber ihre Relevanz immer wieder unter Beweis gestellt. Es gab und gibt nach wie vor sehr bekannte Vertreter, wie zum Beispiel Gerhard Richter, Peter Doig oder Johanna Kandl.

„In der Kunstbranche tätig zu sein und von seiner Kunst zu leben ist generell sehr schwierig.“Katharina Szepannek

Sie haben auch einen Film gemacht. Worum ginge es dabei?

Das war ein Film über meinen Großvater. Er war Widerstandskämpfer im Dritten Reich, saß sechs Monate in der Todeszelle und wurde letztendlich im Juni 1943 am Wiener Landesgericht enthauptet. Neben meiner Recherche im Dokumentationsarchiv konnte ich viele Zeitzeugen interviewen. Dabei stieß ich auch auf eine Frau, die mit 17 Jahren sieben Monate wegen Hochverrat in der Todeszelle saß. All ihre Freundinnen wurden hingerichtet. Sie überlebte als eine der ganz wenigen. Sie beschrieb mir das „Leben“ in der Todeszelle. Das sind sehr wertvolle Informationen, die ich zukünftig noch in meine künstlerische Arbeit einbeziehen möchte. Meine Grundausbildung als Historikerin hat mir bei diesem Thema sehr geholfen. Den Film selbst habe ich im Endeffekt nur privat vorgeführt. Das Thema war für manche Institutionen wohl zu heiß. Das Feedback hat mich darin bestärkt, auch die gesellschaftspolitische Richtung weiter zu verfolgen. Dazu habe ich bereits Kunstinstallationen, die sich auf historische Ereignisse beziehen, im Kopf.

Apropos Kunstinstallation, zum Film gibt es bereits eine passende, ist das richtig?

Ja, bei ihr geht es um die Kommunikation der Häftlinge in den Zellen. Sie sind draufgekommen, dass sie sich über die Rohre der WC-Anlage mit den oberen und unteren Zellen verständigen konnten. Dazu mussten sie mit einem Fetzen das Knie der Klomuschel trocken legen. Das habe ich nachgebaut. Dafür habe ich eine alte Klomuschel aus einem Obdachlosenheim besorgt und daran Kanalrohre installiert. Da der Lautsprecher im Knie versenkt ist, bekommen nur Mutige den Ausschnitt aus dem Interview mit meiner Zeitzeugin zu hören, denn grausen durfte es einem auch damals beim echten „Klotelefon“ nicht, um an wichtige Informationen heranzukommen. Ich sehe es als meine künstlerische Aufgabe Themen und Vorfälle zu beleuchten, die man gerne vergisst oder verdrängt. Egal ob über das Medium Film, Rauminstallationen oder die Malerei.

Welche Auswirkungen haben die Corona-Maßnahmen auf Ihre Arbeit?

In der Kunstbranche tätig zu sein und von seiner Kunst zu leben ist generell sehr schwierig. Corona hat das um ein Vielfaches verschlimmert. Ausstellungsbesuche sind nur noch in eingeschränkter Form möglich. Vernissagen dürfen nun zwar bald wieder stattfinden, werden aber kaum als entspannte Events wahrgenommen werden.

In der Wiener Galerie Kras hatte ich eine Beteiligung an einer Gemeinschaftsausstellung. Die Eröffnung fand noch statt, dann kam der Shutdown. Lange Zeit saßen meine Bilder in der Galerie fest, mittlerweile sind sie wieder zurück in meinem Atelier. Die geplante Einzelausstellung im Juni, in einer Privatgalerie in Wien, wird auf den Herbst verschoben.