Stadtsaal-Schließung: Aufstand der Pressbaumer Künstler. Wegen Baumängel werden Räumlichkeiten derzeit nicht gewerblich genutzt.

Von Monika Närr und Birgit Kindler. Erstellt am 08. Juli 2020 (05:43)
Der marode Stadtsaal wird möglicherweise für immer geschlossen, Kulturvereine und Künstler verlieren damit ihre Bühne.
Monika Närr

Ein Hilferuf ereilte die NÖN dieser Tage aus dem Gemeinderat. Ein politischer Verantwortungsträger war der Verzweiflung nahe: Die gesamte Corona-Zeit war gut unter der Decke versteckt worden, dass der Stadtsaal nicht mehr für öffentliche Veranstaltungen genutzt wird.

„Die Sperre ist ein Riesen-Rückfall für die Kultur.“Wirt Roland Mayer

Im März fand ein Lokalaugenschein statt. Das bestätigt auch Bezirkshauptmann Josef Kronister: „Die Stadtgemeinde hat uns im Juni mitgeteilt, dass sie bis auf Weiteres keine gewerbliche Nutzung vornimmt.“ Damit sei die Angelegenheit für die Bezirkshauptmannschaft erledigt.

„Die Sperre ist ein Riesen-Rückfall für die Kultur. Es war anfangs ein Schock für mich und kam überraschend. Obwohl für mich klar war, dass das irgendwann kommt“, so Wirt Roland Mayer, der seit 2011 den Stadtsaal kulinarisch, mittlerweile als Leihvertragsnehmer, betreut. Er erläutert: „Die Kulturlandschaft in Pressbaum ist sehr stark. Wilfried Scheutz hat mit seiner Künstlervernetzung und durch Gründung der Vereinsmeierei dafür gesorgt, dass die einzelnen Vereine immer mehr zusammengerückt sind.“

Seit März ist dem nun ein Riegel vorgeschoben. Es gibt gravierende Mängel etwa in den Bereichen Belüftung, Beleuchtung, Belichtung oder Barrierefreiheit zu beheben.

Wo sollen nun Wientalbühne und Duckhüttler, Vereinsmeierei, Konzerte, Clubbings, Bälle, Weihnachtsmarkt oder die Stemmer - mit der für sie speziell verstärkten Bühne - hin? Die zahlreichen Gesprächspartner der NÖN finden dazu harte und deutliche Worte. Sprechen von der Zerstörung der Kultur in Pressbaum, von der übertriebenen Profilierungssucht einer zuständigen Gemeinde-Mitarbeiterin, von der einmal mehr fehlenden Kommunikation seitens Politik und Verwaltung.

„Nach anderen Lösungen umschauen“

Zwar gab es vergangene Woche einen Gemeinderatsbeschluss für eine Gutachterbeauftragung um maximal 7.000 Euro zu den - offenbar über viele Jahre verschleppten - Mängeln. Insider rechnen dann aber mit einem endgültigen Todesurteil für den Stadtsaal.

So meint etwa ein Mitglied des Kulturausschusses: „Bis das Gutachten da ist, geht einmal nichts. Und danach liegt es daran, wie viel die Bauarbeiten kosten, sofern man den Saal überhaupt noch herrichtet. Mir wurde schon gesagt, wir sollten uns eher nach anderen Lösungen umschauen.“

Für ÖVP-Bürgermeister Josef Schmidl-Haberleitner und ÖVP-Stadtrat Thomas Tweraser sei es jetzt erst einmal wichtig, das Ergebnis des Gutachtens abzuwarten, um den Ist-Stand zu wissen. Dann könne man entscheiden, ob es sinnvoller sei, den Stadtsaal herrzurichten oder etwas Neues zu bauen.

Unterschiedliche Partikularinteressen werden sichtbar

Der Saal, 1966 ursprünglich als Pfarrsaal auf Grund und Boden der Erzdiözese Wien errichtet, wird von der Pfarre noch bis 2033 an die Gemeinde vermietet. Da es sich laut Recherchen um ein Bauland Sondergebiet Kirche handelt, wäre also selbst ein Neubau als Stadtsaal am Standort eher unmöglich.

Interessant auch, dass bis dato nur öffentliche Veranstaltungen verboten sind. Gemeinderatssitzungen, das tägliche Mittagessen der Volksschüler oder private Feiern dürfen stattfinden. „Da keine Gefahr im Verzug ist, darf der Stadtsaal dafür weiter genutzt werden“, erklärt Tweraser.

Insgesamt werden auch unterschiedliche Partikularinteressen sichtbar: Finanzstadtrat Markus Naber sind Kultur und die Künstler ein Herzensanliegen, Geld will und kann er dafür aber keines locker machen. Roland Mayer zeigt sich nach dem ersten Schock über den zumindest interimistischen Verlust des Stadtsaals flexibel und will „mehr und kleinere Veranstaltungen“ in seinem eigenen Bühnenwirtshaus am Rekawinkler Berg durchführen.

Letztlich gehen alle Aktionen auf Kosten des Kulturlebens in Pressbaum. Dazu Veranstalterin Marina Scheutz von der Vereinsmeierei: „Wir haben alle nur unter der Hand erfahren, dass die Schließung im Raum steht. Unsere Gemeindeführung hat absolut kein Verständnis für Kunst und Kultur. Null Visionen, null Ideen.“

„Eine Gemeinde ohne Kultur ist zum Tode verurteilt“

Als „Los Angeles von Niederösterreich“ bezeichnet Volksopernsänger Wolfgang Gratschmaier die Kulturregion. „Wer einen guten Regisseur oder Musiker braucht, der geht einfach zwei Haustüren weiter. Die Künstlerdichte ist hier so stark wie nirgends sonst in unserem Bundesland.“ Und: „Eine Gemeinde ohne Kultur ist zum Tode verurteilt und kann zusperren“, so der zuletzt bei den Duckhüttlern im Stadtsaal als Kabarettist aufgetretene Künstlerische Leiter der Schloss Thalheim Classic.

Rockröhre Joni Madden meint wiederum erzürnt: „Am Anfang waren wir alle traurig, jetzt packt uns alle die Wut. Wir brauchen Unterstützung von der Gemeinde. Jetzt ist die Zeit, wo sie die Arme auftun müssen“.

Auch Duckhüttler Richard Breier ist gedeftet und entmutigt: „Der Vorstand entscheidet demnächst, ob und wie es bei uns weitergeht. Ich werde die Entscheidung mittragen. Meine persönliche Befindlichkeit ist aber schon ‚pfeif‘ drauf‘“.

Besonders betroffen ist auch die Wientalbühne, die im Stadtsaal dauerhafte Nebenräumlichkeiten wie Garderobe oder Requisitenraum hat.

Mittelschule als Alternativ-Veranstaltungsstätte

„Man muss jetzt mit dem Spotlight hineingehen“, meint ein weiterer Gemeinderat, der nicht genannt werden will, zur NÖN. Und abschließend, bezugnehmend auf frühere Versäumnisse und jetzige Verhaltensweisen: „Es ist zu billig, wenn ehrgeizige Gemeindebedienstete meinen, sie tun nur ihre Pflicht und niemand lenkt oder bremst sie. Die Politik ist gefordert, hier gegenzusteuern. Im Sinne der Künstler und der Kultur.“

Stadtrat Tweraser weist abschließend darauf hin, dass aufgrund der Coronakrise ohnehin keine Veranstaltungen stattgefunden hätten. Als Alternativ-Veranstaltungsstätte wäre seiner Meinung nach die Mittelschule eine Option.